„Sind Sie krank, oder was?“

Da kämpft man gegen das medizinische Modell von Behinderung und dagegen, ungewollt zum Patienten gemacht zu werden — und dann das.  Im Herzen der dunklen Macht, am größten CI-Zentrum Deutschands habe ich einen Termin zur Inspektion des elektrischen Ohrs. Ganz unbedarft frage ich nach einer Krankschreibung für den Zeit meines Aufenthaltes. Kommt die Anwort:

„Wieso Krankschreibung, sind sie etwa krank?“

18 Antworten zu “„Sind Sie krank, oder was?“

  1. Das zeigt klar, dass die medizinische Betrachtungseise von Taubheit ganz fehl am Platz ist. Danach sind wir des ganzen Leben lang krank. Oh, mein Gott!

    Eine CI-Implantierung ist also ein kosmetisches Anliegen, wenn man nicht krank sein sollte und trotzdem das Ding haben moechte.

  2. In „Menschenbilder. Was macht die Technik …?“ habe ich einen Kommentar hinterlassen, der ueber den sprachlichen Gebrauch fraglicher Vokabeln bespricht.

    Punkt ist: Deutsch ist audistisch, wie es auch sexistisch und diskriminierend gegenueber anderen Minderheiten ist. Man kann sich sprachlich bemuehen aus Hoeflichkeit gegenueber dieser Leute. Political Correctness ist nicht anders als Bemuehen aus Hoeflichkeit. Bewusste Vermeidung von offensivem Vokabular verbessert die gesellschaftliche Behandlung der Minderheit.

  3. Hab‘ eben gestutzt, braucht man eine Krankmeldung, wenn man zur Nachsorge in eine Klinik geht? Bei stationärem Aufenthalt würde ich sagen, ja, und das müsste die Klinik ausstellen können.
    Aber bei einem ambulanten Termin? Ist es da nicht so, dass man höchstens eine Bescheinigung für die Dauer des Aufenthalts inkl. Wartezeit bekommt? Und das nur, wenn man am selben Tag wieder am Arbeitsplatz erscheint. Ich schätze, das Benennungsproblem für eine solche Abwesenheit liegt beim Arbeitgeber, nicht bei der Klinik bzw. beim Hörzentrum. Gibt es evtl. schon so eine Bezeichnung wie „behinderungsbedingte Abwesenheit“? Oder steht auf der Bescheinigung vielleicht bald „technische Wartung“ ? Willkommen bei den Borgs😉

  4. In meinen Augen ist so eine Frage mehr als nur bedenklich. Also : wenn ich zu einem Prozessor-Einstellungstermin gehe, bin ich nicht per se krank. Ich würde es behinderungsbedingte Abwesenheit nennen. Der fragenden Person des CI-Zentrums, in dem Du warst, würde ich mal ausgesprochene Unsensibilität unterstellen.

    Davon mal abgesehen : Hören ist nicht etwa eine kosmetische Frage. Sondern eine sehr wichtige Tatsache. Ohne Hören würde einem viel entgehen. Dazu kommt, dass ohne Hören das Leben wesentlich schwieriger ist. Das sind nur einige Aspekte davon.
    Für die Seele ist Hören auch wichtig. Wenn man eine Hörbehinderung hat, treten logischerweise auch Folgen auf. Und wenn man aufgrund der Hörbehinderung ein Cochlear-Implantat bekommen hat, so ist es auch klar, dass man alles notwendige zu tun hat,dass es auch richtig funktioniert.
    Also ist es ebenso klar, dass man in die Uniklinik muss. Und infolgedessen bedeutet das oft eine längere Fahrt. Selten wird eine solche Klinik gleich in der Nähe sein. Und wenn man da Neueinstellungen und Kontrollen machen muss – das braucht logischerweise auch viel Zeit. Krankschreibungen aber verlangen viele Firmen. Ihnen kommt eben nicht in den Sinn, dass es auch anders heissen müsste : behinderungsbedingte Abwesenheit.

    Und : Die Gesellschaft fordert ja von einem dass man sich integriert. Tu ich gern, aber ich verlange dann auch, dass ich die Zeit bekomme, die ich dafür brauche. Inklusive der Zeit, die ich für die Uniklinik wegen Implantat/Prozessorkontrolle brauche. Denn das ist ein aktiver Beitrag zur Integration in die Gesellschaft.

    Zum Schluss noch dies : Aktive Integration braucht Zeit. Diejenigen, die keine Behinderung haben, sind sich gar nicht bewusst, dass Leute mit Behinderung dafür eben mehr Zeit aufwenden müssen. Gern würde ich die Leute ohne Behinderung fragen : Bitte, wenn Sie sich schon darüber beschweren, dass das auch schneller gehen könnte – würden Sie dann das an meiner Stelle machen ? Vielleicht würden die dann anders reden, wenn klar ist, dass das nun eben nicht so einfach geht, wie es sich die Leute ohne Behinderung vorstellen.

    Gruss Morgan

  5. Vielleicht wäre die Frage nach einer „Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung“ passender gewesen. Da man ja während oder wegen des Kontrolltermins nicht „arbeitsfähig“ war…

    aber ich hatte ehrlich gesagt den Blogeintrag eher so verstanden, dass es ein „gutes“ Zeichen ist, NICHT als Krank angesehen zu werden… vielleicht habe ich da nur zwischen den Zeilen etwas nicht richtig verstanden?

  6. Doch, doch, lily, genauso war das gemeint. Ich fand es lustig, dass ich, der totalreflektierte Betroffene, unwillkürlich das falsche Wort Krankschreibung benutzte und ausgerechnet die, von denen man die Kategorisierung krank erwartet hätte, das verweigerten.🙂
    Und es ist wie Livia meint, man bekommt/braucht nur eine „Aufenthaltsbestätigung“.
    „Behinderungsbedingte Abwesenheit“ wiederum würde ich es auch nicht nennen wollen, time to hear, so verwende ich das Wort Behinderung nicht. Aber es stimmt schon, wir haben hier etwas vor uns für das es keine rechte Schublade gibt, da passt nichts vollständig…
    Man könnte sich ja zB auch auf den Standpunkt stellen, dass das „persönliche Zeit“ ist, die man halt braucht — und dass man, falls man einen Schwerbehindertenausweis hat, für so etwas seine Extra-Urlaubstage nehmen kann…

  7. Eine wirkliche Schublade gibts dafür nicht, nqlb. Persönliche Zeit für behinderungsbedingte Fehlzeiten.. ok, damit könnte ich auch leben.
    aber Krankschreibung ist da einfach unpassend in meinen Augen.
    Bei euch in Deutschland ist es der Schwerbehinderten-Ausweis. Hier ist es der IV-Rentner-Ausweis. Krankschreibung macht nur Sinn, wenn man krank ist z.B infolge Grippe o.ä.

  8. Daraus könnte man eine ethische Grundsatzdiskussion entwickeln – ist die Nachsorge-Zeit krankheitsbedingte Abwesenheit oder wäre das eine Diskriminierung?
    Ich gehe mittlerweile mit dem Thema „Behinderung“ ganz pragmatisch um: Bea ist behindert und krank, alles andere wäre ein Schönreden und Verdrehen der Tatsachen. Nennt man es nun Krankschreibung oder AbwesenheitsentschuldigungszettelZurVorlageBeimArbeitgeber, krankheitsbedingt bleibt es. Ja, Du bist krank, etwas mehr als ich (der eine Seh- aber keine Hörhilfe braucht).
    Aber was ist dann gesund? Vermutlich nur jemand, dessen Krankheit noch nicht offiziell diagnostiziert wurde.

  9. Ein paar Weisheiten aus meinem Nähkästchen, die mir zu dieser Episode einfallen:

    1. Das Bild, das andere von mir haben, beeinflusst mein Selbstbild.
    2. Meine Sprache spiegelt mein Bild von mir selbst und von der Welt.
    3. Auch wenn ich mich innerlich dagegen wehre, handele ich oft so, wie ich meine, dass es die anderen von mir erwarten.
    4. Sprechen ist handeln (das stammt nicht von mir).

    Zu den Kommentaren denke ich: Jeder Mensch muss in regelmäßigen Abständen zum Arzt, auch ohne krank zu sein (Krebs-Vorsorge, Zahnarzt etc.). Man braucht dann diesen besagten Wisch, damit man für die versäumte Arbeitszeit keinen Verdienstausfall hat. Ich sehe das nicht als Thema, was nur Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten beträfe. Diese „persönliche Zeit“ braucht jeder, auch ich – ohne Krankheit oder Behinderung, weil mein Körper (wie auch der des stärksten Menschen) so wahnsinnig zerbrechlich ist.

    Und was ich am spannendsten finde, lieber Not Quite:

    Du schreibst, Du musstest zur „Inspektion“ – als ginge es um Dein Auto. Du schreibst nicht „mein elektrisches Ohr“, (so wie du vielleicht sogar „die Inspektion meines Autos“ schreiben würdest), sondern „das elektrische Ohr“ – Du empfindest es also nicht als Teil von Dir. Das CI steckt dabei – so wie ich es verstanden habe – zum Teil in Deinem Körper. Du kannst es aber auch teilweise ausstöpseln. Es braucht Batterien. Es ist also weder vergleichbar mit einer Brille oder einem herkömmlichen Hörgerät, was nicht direkt mit dem Körper verbunden ist. Noch ist es zu vergleichen mit einem künstlichen Hüftgelenk, das der Träger ja nicht sieht und wozu er auch keinen externen Treibstoff braucht.

    Du hast es also – wie Du ja auch schreibst – mit etwas Hybridem zu tun, das in keine Kategorie passt. Hybride Typen empfinden die meisten Menschen als störend oder sogar bedrohlich, weil sie eben das wackelige Konstrukt, aus dem unser Weltbild besteht, zum Einstürzen bringen können. Auf jeden Fall führen sie uns an die Grenzen unserer Sprache.

  10. Pingback: Gesund – was ist das? »

  11. Finde ich toll, dass euch das Thema so anregt!
    Sebastian jedenfalls würde ich diese Überlegungen gar nicht so „ethisch“ rahmen wollen („wäre das Diskriminierung“), eher als Frage, was treffender ist. Ich finde, das wird der Sache eher gerecht. So wie Du es ja dann auch machst.
    flor, so eine Überraschung aber auch! Ich finde das alles sehr richtig, was Du sagst, und ja, ich spiele auch ein wenig mit der Sperrigkeit dieses ganzen Themas in den persönlichen und kulturellen Kategorien. Das finde ich spannend. Ein anderer Aspekt, der Dich vielleicht auch interessiert wäre dieser hier: „Aber, Du wirst für immer zwischen den Welten bleiben!“ — Deutungsmuster und mein Leben mit Cochlea Implantat.

  12. Ein Arzt darf seine Patienten krank schreiben, wenn er dich für arbeitsunfähig hält. Ob dich dein HNO-Arzt für arbeitsunfähig hält in den fraglichen Zeiten, das musst du ihn selbst fragen.

  13. Und sorry, sollte nicht dein „echter HNO-Arzt“ sind, dann korrigiere ich mich hier CI-Arzt.

  14. Verdammt mein Tastatur: sind -> weg. Sorry nochmal. Ich glaub, WordPress müsste Edit-Funktion einführen.:/

  15. Flor, Du hast das ziemlich gut getroffen. Was dann passiert, wenn man zwischen den Grenzen steht, ist eine andere Geschichte, aber würde hierher ebenso gut passen. Man ist beides. Wenn ich den Prozessor abziehe, bin ich taub. Wenn ich den Prozessor anhabe, bin ich schwerhörig. Und je nach Geräteeinstellung verändert es sich. Die Grenzen verschwimmen, werden fliessend. nqlb schrieb ja, dass er zur Inspektion muss, und es erinnert sehr an : ich bringe mein Auto zur Inspektion. Aber was bedeutet das ?
    Wenn CI-Träger mit dem CI zu etwas Hybridem werden.. dann könnte man zum Schluss kommen, dass sie Cyborgs wären. Und dann sind wir an einem Ort angelangt, wo sich noch mehr Fragen auftürmen. Etwas was implantiert wird, wird anders angesehen, als etwas, was extern sichtbar ist. Bei einer elektronischen Handprothese sagt niemand etwas. Aber ein Gerät, das innen im Körper ist, wie das CI.. das verursacht einigen Unbehagen.
    Auch deshalb, weil sie nicht sehen können WIE es funktioniert, sondern sie sehen dass die Person hört, dass da ein Gerät am Kopf ist. Und sie sehen auch, dass das Hören jeweils anders ist. Es ist nicht mehr fest definierbar.
    Deshalb bricht dann auch die traditionelle Vorstellung von Hören auch zusammen. Und so kommt es, dass die Leute nicht verstehen warum denn das so ist. Sie können sich nicht festhalten an dem : Er/Sie hört schlecht.

    Sondern es sieht so aus : Er/Sie hört supergut, dann wieder schlecht, und wieder gut.. Die traditionellen Stereotypien wie : Er/Sie hört ganz schlecht, mittelschlecht, recht gut.. oder gar nichts werden auf einmal aufgehoben. Die feste Grösse, die bisher eine Person bestimmt hat mit Hörgeräten : Person A hört schlecht. Person B hört ganz gut damit, und Person C hört gar nichts, fällt weg. Es sieht dann mit CI so aus : Person A hört mit CI gut, aber in einem anderen Umfeld dann schlecht. Es ist nicht mehr so, dass Person A überall gleich schlecht oder gleich gut hört. In diesem Sinne verschwimmt es.
    Denn CI-Trägern kann man keine feste Grösse mehr zuweisen, weil sie verschiedenes gleichzeitig in sich bergen. Das aber sprengt alle Normen, weil man sie nicht mehr schubladisieren kann. Sie sind Grenzgänger. Schwierig zu sagen, wohin sie gehören. Ich finde, dann sollten sie für sich akzeptiert werden, so wie sie sind, mit ihren fliessenden Grenzen. Man sollte daher nicht die Nachteile sehen, die sie haben, sondern man sollte die Vorteile die sie haben sehen, und sie so akzeptieren wie sie sind. Und nicht : Der oder die ist CI-Träger, den wollen wir nicht weil er so fliessende Grenzen hat.
    Es kommt in meinen Augen nicht auf das CI an, sondern auf die Person selber, wie sie das sieht, und wozu sie gehören möchte. Das dann bitte auch respektieren – so finde ich es. Ganz schön langer Text, aber sie widerspiegeln meine Gedanken zu dem was ich gelesen habe. Teilweise wars auch schwierig es in Worte zu fassen. Versucht habe ichs😉

  16. Ehe ich es vergesse, hier für Flor und alle anderen Interessierten : Ich zitiere hier aus Wikipedia : „In der modernen Biotechnologie gibt es Bestrebungen, biologische „Elemente“ (in diesem Fall Menschen) mit technischen Elementen zu verbinden. Dieser technische Bereich wird als Bioelektronik bezeichnet. Im medizinischen Kontext ist die Verwendung komplexer binnenkörperlicher Technologie nichts Neues mehr. Menschen mit technischen Implantaten wie Herzschrittmachern, künstlichen Gliedmaßen, komplexen Prothesen oder Implantaten in Auge und Ohr (Cochlea- bzw. Retina-Implantate) sind dem Begriff nach bereits Cyborgs. „Ungefähr 10 Prozent der aktuellen Bevölkerung der USA sind vermutlich im technischen Sinn „Cyborgs“ “, schreibt N. Katherine Hayles im Cyborg Handbook.[3]“

    Mehr Informationen was ein Cyborg ist gibts bei Wikipedia :http://de.wikipedia.org/wiki/Cyborg

  17. hewritesilent, ja, genau das war ja, was ich lustig fand: Die ärztliche Seite meinte: Nicht krank.🙂

    timetohear, wenn Dich die Cyborg-Thematik interessiert, interessiert Dich vielleicht neben dem Eintrag, den ich oben verlinkt habe auch dieser, wo wir auch schonmal darüber gesprochen haben: I’m a cyborg, but that’s okay.

  18. timetohear, vielen Dank für Deine Ausführungen. Ich hatte bis vor wenigen Tagen noch nie etwas von einem CI gehört und finde das alles doch recht verwirrend. Ich bemühe mich, diese ganze Sache einigermaßen nachzuvollziehen, bezweifle aber, dass ich das kann. Danke jedenfalls, dass Du Dir die Zeit genommen hast, deine Beobachtungen niederzuschreiben.

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