Gute Frage: Können jemals zwei das Gleiche hören?

Woher ich weiß, dass was wir beide „gelb“ nennen, für dich und mich gleich aussieht? Ganz einfach: Ich weiß es nicht. Ich kann es auch gar nicht wissen. Niemand kann es wissen. Dennoch funktioniert der ganze Alltag auf solchen Annahmen. Und das ist bei allen Wahrnehmungen so. Da muss man eigentlich gar nicht erst mit einem elektrischen Ohr kommen um sich zu wundern: „wie hört sich denn das für Dich an?“

In den Kommentaren von „Gehört mit 1/40s, Iso 800, Blende 2,8“ haben wir uns richtig darüber gefetzt ob Ganznormalhörende nun je das gleiche hören oder nicht. Daran wollte ich nochmal erinnern, denn heute habe ich in der FAZ einen Text darüber gefunden, wie ungleich wir sehen. Es geht um Frauen, die nicht wie alle anderen nur drei Sehsinneszellentyp besitzen, sondern dazu einen vierten. Die große Frage ist:

Etwa zwölf Prozent der europäischen Frauen seien retinale Tetrachromaten, schätzt Jordan. Die große Frage, der Jordan auf der Spur ist, lautet: Nehmen diese Frauen die Welt auch mit anderen Augen wahr als ein Durchschnittsmensch? Sind sie also nicht nur retinale, sondern auch funktionale Tetrachromaten?

12 Prozent! Das ist doch schonmal überraschend viel für einen richtig großen Unterschied ganz tief unten in der Biologie des Sehens. Ich habe noch nie von solchen physiologischen Unterschieden beim Hören gehört. Es gibt ja glaube ich auch keine so typische Andersartigkeit wie die Rot/Grün-Verwechslung beim Hören, oder?
Aber nach diesem Artikel denke ich: Ist das so unwahrscheinlich? Ich glaube nicht.

Letztlich allerdings bleibt es dabei: Wie sich Sehen oder Hören für andere anfühlt oder anhört, kann man nicht wissen. Auch ohne dass der oder die andere dafür ominöse vierte Zapfen oder elektrische Ohren haben müsste. Schade eigentlich. Oder vielleicht doch ganz gut.

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10 Antworten zu “Gute Frage: Können jemals zwei das Gleiche hören?

  1. Vielen Dank – durch den Link habe ich jetzt ein neues Wort gelernt: Qualia.
    Und ich finde das mal wieder so richtig menschlich, dass es diese unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen und -fähigkeiten gibt. Ob nun biologisch begründet, durch Behinderungen oder durch individuellen Fokus, Wertung und ‚Brille‘.

    Für den Alltag gibt es viele Systeme, um hin und wieder eindeutige Signale zu erzeugen – ich denke gerade an Warnsignale, Ampeln, Verkehrschilder. Für den ganzen Rest den wir unterschiedlich wahrnehmen haben wir zum Glück Austausch, Interpretation, Kommunikation, Diskussion, Streitkultur – auch wenn das manchmal anstrengend ist. Aber lieber das!
    Schönen Sonntag noch 🙂

  2. Beim Sehen ahnt man es zumindest als Frau, wenn man mit einem Mann über Farben diskutiert. (wahrscheinlich gehöre ich zu den 12%, einer meiner Großväter war rot-grün-blind, das ist die gleiche genetische Eigenschaft und es wird gern eine Generation übersprungen)
    Beim hören habe ich es auch erlebt. Ich gehe mit einer Freundin in ein dunkles Gewölbe und sie sagt ohne sich umzusehen: hier gibts Fledermäuse. Ich habe die Terchen, die über uns flogen, nicht gehört.

  3. Livia, alltagspragmatisch, das finde ich auch, ist es erstmal völlig egal woher die Unterschiede kommen. Wichtig ist nur dass es sie gibt. Interessant wird es dann da wo in den Unterschieden begründete Mißverständnisse Folgen haben, wie drüben in dem Bordo-Thread besprochen. Fällt mir gerade so auf, dass eigentlich beide Themen nicht so weit voneinander weg sind….

    Frau Koma! Dann möchte ich mich demnächst bitte auch mal mit Ihnen über Farben unterhalten. 🙂 Über die Fledermäuse können wir ja dann gemeinsam schweigen.

  4. Aus dem Artikel verstehe ich es so, dass die Frau mit dem vierten Zäpfchen Farben besser differenzieren kann bzw. mehr Farbabstufungen sieht als ihre dreizäpfigen Kollegen. Ist das nicht ziemlich analog zum absoluten Gehör?

    Und gibt es nicht, was das Hören angeht, abgesehen von den Lauten, die viele nicht auseinanderhalten können (wie d/t oder p/b), noch jede Menge Abweichungen?

    Zum Beispiel Synästhesie: Ich habe als Kind, wenn ich Worte gehört habe, immer ganz bestimmte Bilder dazu gesehen. Dem Wort „Stuttgart“ entprach zum Beispiel das Bild von zwei über Eck stehenden Quadern. Ich habe irgendwann aufgehört, diese Bilder zu sehen.

  5. Ich habe den Artikel v.a. so verstanden, dass sie nicht genau wissen, worin es sich (für die Frauen selbst) äußert, das ist ja gerade das Problem. Dass es sich nicht unbedingt in der Differenzierungsfähigkeit niederzuschlagen scheint.
    Aber klar, es gibt einen Haufen Unterschiede in der Wahrnehmung.

    Mit Synästhesie kenn ich mich nicht so aus, finde ich aber hochspannend. Deine Geschichte z.B.: Warum hast Du aufgehört, die Bilder zu sehen?
    Ich habe nur immer die sehr starke Wahrnehmung, dass bestimmten Lauten bestimmte Farben entsprechen. Aber ich weiß nicht, ob das schon Synästhesie wäre.

  6. Oh doch, Klänge mit Farben zu assoziieren, das klingt ganz klassisch nach Synästhesie! Es gibt Synästhetiker, die Musik immer als farbige Bilder sehen. Beneidenswert. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass andere Menschen Musik „nur“ hören.

    Ich habe keine Ahnung, warum die Bilder bei mir irgendwann verschwunden sind. Vielleicht sind sie auch nicht ganz weg, sondern es haben sich eher andere Bilder darüber gelegt, die ich aufgrund von Erfahrungen mit den Wörtern assoziiere. Aber eigentlich kommt mir das nicht so plausibel vor. Ich weiß es nicht.

  7. Hallo nqlb, das mit den Farbunterschieden kenn ich. Was andere sehen, sehen sie oft anders. Ob das, was ich sehe, auch dasselbe ist, wie die anderen sehen, das kann nicht so sein. Denn wenn ich z.B am PC von einem Kollegen sitze, ist er anders eingestellt, auch in farblicher Hinsicht. Für mich ist das merkwürdig, da es meinem Sehen auch nicht so entspricht.
    Was ich höre, könnte ich nicht vergleichen mit jemandem, der gut hört. Denn der wird wiederum anders hören. Ein und dasselbe Musikstück würde von der Person anders gehört, als ich es höre. Oder : wie es ein Freund von mir formulierte : Hast Du das gehört ? Ich : Was denn ? Er : hörst Du denn nicht dieses melodisches Piepsen ? Das Piepsen war für ihn melodisch. Für mich war es einfach nur ein schlichtes Piepsen, mehr nicht. Von Melodie keine Spur .

  8. @flor: „Dem Wort “Stuttgart” entprach zum Beispiel das Bild von zwei über Eck stehenden Quadern.“

    Wow. Das ist ja mal abgedreht. *lach*
    Ich kann mich nicht mal erinnern, ob ich in meiner norddeutschen Kindheit überhaupt jemals das Wort „Stuttgart“ zu hören bekam. Glaube nicht.
    Aber: Zahlen haben Farben.
    Sieben = dunkelgrün, acht = graublau, drei und vier = hellgelb, neun = dunkelgrau, fünf = blau … und so weiter. Kennen sicher ganz viele und haben ihre eigenen individuellen Zuordnungen dazu.

    Im Gedächtnistraining werden solche sinnlichen Assoziationen genutzt, um komplizierte Fakten zu rekapitulieren. Grafische Musterbilder („Landkarten“ für das Gedächtnis) gehören wohl auch dazu, um durch Verknüpfungen etwas jederzeit wieder abrufen zu können.

    Zum eigentlichen Thema:
    Retinale oder funktionale Tetrachromaten, so so. Klingt wie ein richtig gutes, saftiges Schimpfwort. „Geh mir bloss aus den Augen, du retinale Tetrachromate, du!“ 😉

  9. Ist ja herrlich der Artikel: Eine Fundgrube schöner neuer Schimpfwortkonstrukte. „Heterozygote Ziege!“ „Ihr mutierten Zapfentypen!“ „Olle Tetrachromate.“ Köstlich. Wird niemand kontern können, versteht ja eh keiner. 🙂

  10. Hihihi! Wer den Artikel hat, braucht keine Hilfe von Kapitän Haddock mehr. 🙂

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