Taubblind auf der großen Bühne

„Taubblind? Da kann man ja gar nichts mehr machen!“ Denkste. Alle diese Schauspieler hier sind taubblind — und weltweit von der Kritik gefeiert. Hier berichtet die NZZ darüber. Hier der Guardian.

50 Antworten zu “Taubblind auf der großen Bühne

  1. Das ist so beeindruckend und schön!
    Ich weiß noch, wie ich im Studium von Helen Keller hörte und dann las. Damals wie heute bin ich sehr fasziniert von ihrer Lebensgeschichte.

  2. Ist ja unglaublich, das ganze Projekt. Wie haben sie das alles geschafft, ohne sich untereinander mal eben kurz absprechen zu können? Jede/r Einzelne braucht eine innere Vorstellung vom eigenen Tun und dem des Ensembles insgesamt. Erstaunliche Leistung, auch von der Initiatorin.

    Ganz ehrlich:
    Bin riesig froh, dass ich sehen und halbwegs hören kann! Neben der vollen Bewunderung für die Theaterleute: Ich möchte es nicht erleben, beide Sinne zu verlieren, wirklich nicht. Den Hörsinn habe ich verloren und quasi in einer „CI-Plastiktüte“ einiges davon zurück bekommen. Aber es wäre ein Albtraum, beide Sinne zu verlieren. Man muss sich mal klar machen, dass wir dieses Projekt jetzt bewundern können, weil wir das Video *sehen*, die Zeitungsartikel *lesen* und den Ton *hören* können.
    Zum Glück.

    Der Blick von außen ist für Zuschauer tröstlich: „Die Taubblinden haben Spaß am Theater, also geht es ihnen doch ganz gut.“ Man möchte es gern so haben, um sich nicht so tief damit zu befassen. Rein pragmatisch (Lormen, Brailleschrift, Hilfskräfte im Alltag, Theaterprojekt etc.) ist das aber nicht zu bewältigen. Es geht ja nicht darum, einen seelenlosen Automaten umzufunktionieren. „Nimmste einfach `ne andere Sprache, `ne andere Methode, nutzte eben die übrigen Sinne.“ Psychisch muss das aber ein Albtraum sein, die Sinne zu verlieren.
    Da hätte ich große Angst vor.

  3. Zeigt dieses Projekt nicht, daß wir heute alles vermarkten müssen und dabei auch das ärgste Leiden nicht unberücksichtigt bleibt? Was dabei herauskkommt, kann dann sogar zur schlimmsten Verniedlichung ausarten. Wie z. B. in der Sendung der „Aktion Mensch“ (vormals „Aktion Sorgenkind“). Es ist ein schändliches Treiben, als es dort einmal hieß: „Taubblind, na und“. Die Verantwortlichen scheinen gar nicht zu überlegen, welchen Unsinn sie daherreden. Als könne man den Verlust der wichtigsten Sinne ganz einfach wegstecken. Aufs schärfste verurteile ich eine solche Berichterstattung. Dieses Projekt ist für mich nicht beeindruckend, sondern in starkem Maße beklemmend. Und wenn wir ehrlich sind, für die meisten Menschen ebenfalls.

    Wer wirklich vor so einem Schicksal steht, denkt an kein Theaterspielen, sondern eher an „Sterbehilfe“, die es in solchen Fällen schon gegeben haben soll. Und keiner möge bitte sagen, hier handele es sich um Feigheit. Noch gut in Erinnerung ist mir das Beispiel eines schon älteren Mannes, der während einer Kur von seiner Mutter erzählte, die nur auf einem Auge sehen konnte. „Meinst Du denn, ich lebe so weiter“, wenn ich neben meiner Taubheit auch das noch hinnehmen müßte. In einem solchen Fall weiß ich, was ich dann tue“. Ich konnte ihn nur allzugut verstehen. Und ich denke auch an jenes Beispiel, als eine junge Frau, die vor einer schleichenden Erblindung (neben der Taubheit) stand, das ganze Geschirr nebst Tafeltuch vom Tisch riß. Wer konnte ihr das verdenken?

    http://www.pnp.de/microsites/ngen_import/211581_Taub-oder-blind-das-reicht-zur-Sterbehilfe.html

    So sehen die Tatsachen aus, an die sich besser auch das ZDF halten sollte, statt geballte Verharmlosung in erschreckendem Ausmaß an die Öffentlichkeit zu geben.

    just like

  4. Hallo JLB,

    ich kenne von der Arbeit eine junge Frau, die sich krankheitsbedingt neben ihrer Erblindung jetzt zunehmend mit ihrer Ertaubung auseinandersetzen muss – ein schleichender, aber unaufhaltsamer Prozess…ja, es ist verdammt hart, niemand leugnet das! Aber ihr jetzt praktisch nahezulegen, aus dem Fenster zu springen…nun, da fehlen mir ebenfalls die Worte!!!

    Ich finde es sowieso immer krass, den Schlimmheitsgrad verschiedener Behinderungen gegeneinander auszuspielen und damit implizit eine Abstufung vorzunehmen, ab wann es also quasi nicht mehr „lebenswert“ (böses Wort) ist.

    Übrigens stellt sich mir in diesem Zusammenhang die Frage, wie erfolgsversprechend eine CI-Implantation im Falle einer Taub-Blindheit ist. Ich habe „den Schritt“ ja noch nicht getan, aber bei meiner Beratung zu dem Thema nach meinem Hörsturz erzählte mir der Arzt die Story eines blinden, zunehmend ertaubten Mannes, der durch das CI wieder richtig gutes Sprachverstehen erlangt haben soll…

    Ich konnte das ja gar nicht so richtig glauben, ich denke immer noch, dass Lippenlesen essenziell bleibt für das Sprachverstehen auch für CI-Träger…

    Wie ist denn das? Was meinen die Erfahrenen? Hängt vielleicht auch immer davon ab, wann man und wie lange man schon ertaubt ist…

  5. Hallo Esmeralda,

    wie wird der Schlimmheitsgrad einer Krankheit oder Behinderung denn ausgelegt? Dazu mußt Du nur mal Umfragen in der Presse heranziehen,
    um zu wissen, wie diese ausfallen. Da reden die meisten nämlich nur von Krebs. Zugegeben, das ist eine schwerwiegende Krankheit, die keiner leugnet. Doch nur ganz, ganz wenigen würde das hier besprochene Beispiel einfallen, weil es viel zu entfernt ist, um überhaupt gedacht zu werden.

    Ich bin kein Mensch, der das Wort „lebensunwert“ in den Raum stellt und wende mich auch schon deshalb gegen Gedankenspiele von „Müller und Zaracko“. Die dachten nämlich daran, Eltern das Sorgerecht zu entziehen, falls sie sich weigern, ihre Kinder mit einem CI versorgen zu lassen. Da kommen einem düstere Beispiele aus der Vergangenheit in den Sinn, denen wir frühzeitig eine Abfuhr erteilen sollten. Eltern, die dagegen sind, setzen andere Prioritäten, lieben ihre Kinder jedoch gleichermaßen.

    Die individuelle Sichtweise ist von großer Bedeutung. Wer mit dem Schicksal „Taubblindheit“ meint, leben zu können, sollte nicht bedrängt werden. Dem Großteil wird das allerdings sehr, sehr schwerfallen. Das trifft vor allem für diejenigen zu, die hören und sehen konnten und nun für immer in einem schwarzen Loch sitzen. Eine Vorstellung, die niemals mit Heiterkeit einhergehen kann. Hier wird deutlich erkennbar, daß Leidensfähigkeit nicht unbegrenzt ist und ein „diktierter Lebenszwang“ nichts mit selbstbestimmtem Leben zu tun hat.

    Menschliches Leid sollte nicht herausgefiltert und auseinanderdividert werden, wie es leider noch gängige Praxis ist, sondern gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Gänzlich unausgereift sind Patientenverfügungen, denn nur bei Komapatienten oder schweren Krebserkrankungen ist hier eingreifende Hilfe möglich – doch auch dahinter steht immer noch ein Fragezeichen. Das Leiden der Taubblinden ist nicht minderschwer, und wer es als unerträglich empfindet, hat ein Anrecht, ernst genommen zu werden.

    Das Lippenlesen, das Du ansprichst, bleibt auch für viele CI-Träger unverzichtbar: Nicht immer kann eine CI-Operation so gut ausfallen, weil sie von vielen Kriterien abhängt. Die lange Taubheit wird gern ins Spiel gebracht, doch gibt es auch Beispiele, die das wderlegen. Viel wchtiger sind die anatomischen Gegebenheiten und die Tatsache, in welchem Ausmaß der Hörnerv noch ansprechbar ist. Meningitispatienten sind dabei die Stiefkinder, weil durch die Gehinhautentündung der Hörnerv betroffen wurde und außerdem oftmals Schneckenverknöcherungen einsetzen. Das Hörergebnis fällt dann meist ungünstiger aus, obowhl diese Patienten nicht unbegabter sind, sondern aufgrund ihrer Krankengeschichte lediglich weniger begünstigt wurden.

    Eine CI-Operation bei Hörsturz ist wegen unversehrter Schnecke natürlich erfolgversprechender. Es spielen bei solchen Operationen Dinge mit, die nie exakt vorausgesehen werden können. Wie ich erfahren habe, hatten auch schon Patienten mit guten anatomischen Voraussetzungen im Endeffekt keinen zufriedenstellenden Erfolg.

  6. Hallo JLB,

    vielen Dank für dein differenzierendes Posting, jetzt verstehe ich dich besser, dein erster Post schien mir doch sehr ausschließlich nur in eine Richtung zu gehen…

    Trotzdem wehre ich mich ein wenig gegen deine arg „negative“ Sichtweise, ohne die Dramatik eines solchen Schicksals in keinster Weise irgendwie in Abrede stellen zu wollen.

    Eines der Hauptprobleme ist für mich übrigens nicht das „Plötzlich-in-der-Dunkelheit“ sitzen, sondern das völlige Abgeschnittensein von Kommunikation. Gut, Lormen kann man lernen, aber wer kann das, außer vielleicht der/die engste Bezugsperson?

    Es gibt übrigens aktuell eine Entwicklung, wobei die Lorm-Gebärden in Wörter übertragen werden sollen:
    http://www.gizmodo.de/2012/04/09/ein-handschuh-der-taubblinden-bei-der-kommunikation-helfen-soll.html

    Gut, das ist Zukunftsmusik, aber trotzdem vielleicht irgendwann ein kleiner Schritt die Isolation zu überwinden…so wie z. B. mittlerweile Leute mit Locked-In-Syndrom, die vielleicht nur noch die Augen bewegen können, via Augensteuerung und Computer kommunizieren können, hierzu auch ein interessanter Artikel:

    http://www.brandeins.de/magazin/freiraeume/mein-groesster-freiraum-ist-mein-kopf.html

    Aber vermutlich ist das auch mal wieder zynische Medienvermarktung…je nach Perspektive eben…

  7. Die taubblinden Theaterleute selbst empfinden es als gut, das Stück zu spielen – und nur das gilt. Alles andere an Meinung und Bewertung von außen ist belanglos, egal, in welcher Richtung: Es ist nur von außen. Mir ist aber wichtig, die Innenwelt eines Menschen zu erfahren und zu respektieren.

    Wenn jemand die Taubblindheit zumindest teilweise aushält und sich arrangiert, möchte ich sehr gern wissen, WIE er das macht. Mich interessiert, wie die taubblinden Schauspieler in ihrem Empfinden zurecht kommen, welche positiven Kräfte sie dafür einsetzen. Das Theaterspielen scheint so ein positiver Aspekt zu sein. Wo kommt Zufriedenheit her, wo kommt Zuversicht her, wie sättigt man das Interesse an der Umwelt ohne Sehen und Hören, was wird als schön empfunden, was ist noch als Wohlbefinden vorhanden? Was ist unterhaltsam oder angenehm im Tagesablauf? Was ist eine Stütze, eine Kraftquelle? Welche Wünsche sind noch erfüllbar, wenn ganz vieles nicht mehr geht?

    Ich stelle mir neben der großen Trauer über den Verlust auch viel Langeweile vor, weil ich ja selbst überwiegend mittels Sehen (und etwas Hören) agiere. Sollte das mal wegfallen, bleibt nicht mehr viel übrig. Weil ich aber nicht weiß, was dann ist, würde ich es gern von taubblinden Menschen erfahren. Man konzentriert sich vielleicht auf den allerkleinsten Sinnesrest, der noch vorhanden ist.
    Das Theaterstück erzählt von dem Innenleben der Taubblinden. Ich würde es gern sehen, wenn ich die Gelegenheit hätte.

  8. Hallo Esmeralda,

    wenn wir einen annähernden Kompromiss finden konnten, ist das meiner Meinung nach ein guten Zeichen. Meine Sichtweise und die damit verbundene Dramatik bleibt aber bestehen. Aus den schlimmsten Leiden können wir kein Event machen, wie das heute leider an der Tagesordnung zu sein scheint. So gesehen hat mir auch Dein letzter Absatz am besten gefallen, wo Du von der Medienvermarktung spichst, die alles, aber auch alles, schönzureden versucht. wo es überhaupt nicht angebracht ist. Das ist vielen Betroffenen nicht verborgen geblieben, die sich deshalb auch nur höchst ungern solche Behindertensendungen ansehen.

    Wir sollten uns immer wieder ins Bewußtsein rufen, was es heißt, sowohl taub als auch blind zu sein. Da ist erst einmal die Sache an sich selbst,
    die wir mit gutem Gewissen als das furchbarste Schicksal einstufen können, das es gibt. Da lasse ich mir nur ungern Beschwichtigungen einreden. Das alles kommt noch vor dem Kommunikationsproblem. Deine Sichtweise in dieser Beziehung ist aber richtig und ich muß ihr uneingeschränkt zustimmen. Theoretisch kann man das Lormen zwar lernen, aber das wird selbst für die nächste Bezugsperson zur größten Herausforderung, die sich längst nicht immer erfüllen läßt. Und für Außenstehende ist es so gut wie überhaupt nicht realisierbar. Tatsache ist auch, daß die Blindenschrift nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden sollte. Das erlernen durchaus nicht alle, erst recht nicht solche Personen, die erst in späteren Jahren erblindet sind.

    Wir könnten, über das Thema hinausgehend, eine Welt wahrnehmen, in der in Bezug zu den Behinderten viel Verlogenheit erkennbar ist und sich die Widersprüche geradezu aufdrängen. Näher eingehen möchte ich jetzt nicht darauf, sondern nur auf den Tatbestand hinweisen.

  9. sorry, JLB, mein Absatz mit der Medienvermarktung war nicht direkt meine eigene Meinung, sondern spielte eher auf deine an!

    Auch wenn das jetzt vom eigentlichen Thema abschweift – du magst recht haben, dass Medienberichterstattung teilweise „verlogen“ ist im Vergleich zu den „eigentlichen“ persönlichen Empfindungen oder gesellschaftlichen Verhältnissen, aber sieh es doch mal so: es gibt eine Wechselwirkung zwischen Berichterstattung und „Bild in den Köpfen“ und wenn HIER erreicht werden kann, dass die Berichterstattung nicht mehr über das furchtbare Schicksal von armen Behinderten berichtet, sondern diese durchaus als selbstbestimmt agierend darstellt, meinetwegen auch mit EXTREMEN Fällen, um eben ein WoW beim Leser/Hörer/Seher zu erreichen, dann passiert was…In dem Zusammenhang gern auch der Hinweis auf die Seite leidmedien.de.

    Übrigens, dein zuerst genanntes Beispiel von der Aktion Mensch (Taubblind – Na und? – Hast du da mal bitte eine Quelle zu???) ist krass, aber ich finde schon, dass gerade die Aktion Mensch recht fortschrittlich ist, was positive „Behinderten-PR“ betrifft, ein paar mehr Leser für deren Magazin als die „Üblichen Verdächtigen“ wäre doch sehr wünschenswert (und nein, ich arbeite nicht für die ;-))

    Ansonsten stimme ich Pia vollumfänglich zu: für die Betreffenden ist das Theaterspielen WICHTIG, gerade um wenigstens ein kleines Stückchen aus der Isolation herauszukommen, und ganz sicher kein Event. Und über alles andere zu urteilen, steht nicht Betroffenen einfach nicht zu und ist – wie du auch sagst – individuell…

  10. Hallo Esmeralda,

    wir drehen uns im Kreis, wenn wir weiter so unsere Meinung kundtun. Ändern wird sich an unseren Ansichten aber nichts. Außerdem besteht schon ein Unterschied zwischen Leuten, denen das Thema einmalig präsentiert wird, die das dann aber schnell wieder vergessen, weil sie vom schnellebigen Alltag schon bald überrollt werden. Das ist ganz anders bei Menschen, die sich vielleicht schon Jahrzehnte an der Nahtstelle zwischen einem solch möglichen Szenario befunden haben und gerade noch mal so einigermaßen davongekommen sind. Bei denen sind die Gedanken alles andere als flüchtig und gehen sehr tief. Im Klartext heißt das, durch eigenes Erleben immer wieder mit dieser Thematik konfrontiert worden zu sein…

    Eine Quelle für das vom ZDF ausgestrahlte „Taubblind, na und“ kann ich Dir nicht angeben. Ich erfinde aber nichts, und es ist eine Tatsache, daß es sogar als Leitthema so ausgegeben wurde. Nicht nur grade mal so ein eingestreuter, unüberlegter Satz. Das habe ich noch in guter Erinnerung. Nun ja, ob man diese Sendungen schön findet, ist Ansichtssache. Ich kenne genug Betroffene, die sich darüber eher aufregen als Erbauung daraus zu erfahren. Deshalb ziehen sie es vor, diese Sendung gar nicht erst anzusehen. Das trifft übrigens nicht nur für die „Aktion Mensch“ zu.

  11. Aber ihr habt beide keine Ahnung davon, wie es wirklich ist, oder? Ihr schwafelt nur, oder?😉 Könnt ihr selbst denn tipptopp hören und sehen? Alles OK bei euch? Hier hatte mal jemand mitgeschrieben, der neben Schwerhörigkeit auch erhebliche Sehschwächen hatte. Würde gern mal was Echtes erfahren, also wirklich eigenes Erleben.

    Also mal die Hosen runter:
    Warum interessiert euch das Thema, in welcher Weise betrifft es euch? (Mich berührt es, weil ich den Hörsinn verloren habe und weiß, wie wichtig mir das Sehen ist.) Was ist mit euch?

  12. Hallo Pia,

    die Hosen ganz runter zu lassen hieße, sich outen zu müssen. Nun möchte das hier nicht jeder in so offenkundiger Weise tun. Aber zu sagen, ich hätte keine Ahnung davon. ist meiner Meinung nach vermessen. Dazu würde ich mir den zuletzt geschriebenen Beitrag noch mal durchlesen und mich damit auseinandersetzen. Auch ich habe den Hörsinn verloren und mit meinem CI wegen meiner Schneckenverknöcherung nicht die gleichen Möglichkeiten, die Dir offenstehen. Schon daraus erwächst mir ein Nachteil.

    Durch den Verlust des Hörsinns steht außer Frage, wie wichtig Dir das Sehen ist. Es kann gar nicht anders sein. Wenn hier mal jemand schrieb, daß er auch erhebliche Sehschwächen hätte, aber „nur“ schwerhörig war, konnte er sich noch glücklich schätezn. Nicht allen ist das vergönnt. Du kannst Dir bestimmt denken, was ich damit ausdrucken möchte. Vom Schwafeln kann meinerseits keine Rede sein. Ich mußte schon ziemlich hart im Nehmen sein…

  13. Hey Pia,

    also ich bin ertaubt, siehe Posting.😉 Und wie ich oben ebenfalls schrieb, kenne ich jemanden, der blind ist und zu ertauben droht…daher meine Resonanz!

  14. OK, danke, das wollte ich wissen.
    Bitte bedenkt, dass eure Hinweise für andere nicht verständlich sind, wenn sie irgendwo zwischen den Texten stecken. Ich habe echt Mühe, die Fakten aus den Postings herauszufiltern. Da ist es einfacher, das mal eben nachzufragen.

    Du ist also nicht zusätzlich noch sehbehindert, just like Beethoven? Ach so, habe dich wohl mit jemandem verwechselt.

    Jetzt kann ich besser verstehen, vor welchem Hintergrund hier gepostet wird. Bei Esmeralda fand ich einen Hinweis auf Hörsturz und Beratung zum CI. (?) Du hast gerade selbst relativ „frisch“ mit Sinnesverlust zu tun? Verstehe. Wir haben also alle eine persönliche Erfahrung mit Hörverlust und reden nicht nur distanziert über andere. Gut!

  15. Hallo Pia,

    kurz vorm Schlafengehen noch dieser kurzer Eintrag. Durch Dein letztes Posting haben sich die Wogen wieder etwas geglättet, was viel ausmacht. Manchmal wird gezielt „zwischen den Zeilen“ geschrieben, in der Annahme, es könne noch mehr zum Nachdenken anregen. Falls das nicht der Fall ist, muß man sich halt etwas genauer ausdrücken, was hiermit geschehen ist..

    Ich glaube nicht, daß Du mich mit jemand verwechselt hast. Wenn es um die zusätzliche Sehbehinderung geht, kann ich sie nicht verleugnen. ‚Doch auch dabei kommt es auf den Standpunkt an. Die Auslassungen von Optikern und Laienbetrachtung können sich abgrenzen wie Tag und Nacht. Und ich glaube, nur durch diese ständige Philosophie habe ich mich halten können. Was aber nicht heißt, die ärgsten Auswüchse, falls diese eintreten sollten, hinzunehmen.

  16. Hey Pia,

    nein, ist bei mir schon länger her, ich schiebe die Entscheidung fürs CI schon eine Weile vor mir her…ich kann mit starken Hörgeräten noch Reste hören und z. T. ganz gut Lippenlesen, aber wird immer schlechter irgendwie und beruflich stoße ich jetzt an eine Schallmauer *seufz*. Naja, meine Dioptrinzahl ist auch nicht gerade so, dass ich total optimistisch davon ausgehen kann, als alte Frau mal keine Sehprobleme zu haben *doppeldoppelseufz*.

    Naja, daher meine Frage – wie realistisch denn die Einschätzung ist, mit einem CI wieder so gut hören zu können, dass man nicht abzusehen braucht. Ehrlich gesagt, aus Taubenschlag-Forum und Co. werde ich auch nicht schlauer, es gibt soviele extrem negative Meinungen, die mich eher abschrecken…

  17. @ esmeralda:
    Du kannst es nicht wissen, bevor du es nicht machst. Das CI hat nichts mit „Meinung“ zu tun. Das Geblubber von anderen ist egal. Wenn dein persönlicher Leidensdruck so hoch ist, dass du wirklich nach einem Ausweg suchst, ist das CI eine Chance. Wenn du dich noch wohl fühlst mit dem jetzigen Zustand, lass es so.
    (Ich habe mich für das CI entschieden, weil ich komplett ertaubt war mit starkem Tinnitus. Mein CI hilft mir enorm, ich kann sogar telefonieren. Es ist aber nicht DEIN CI, nicht DEIN Ohr. Was nützt dir also meine Erfahrung? Nichts.)

    @ just like beethoven:
    „Wogen wieder etwas geglättet“ – Wo waren denn Wogen? Ist verblüffend, wie verschieden Gefühlsreaktionen sind. Jeder Mensch ist anders.

    Jetzt verstehe ich, weshalb du das Theaterstück als bedrückend empfindest! Ja, das empfinde ich auch, wenn ich mich mit der Angst vor Sehverlust befasse. Meine Angst ist aber unbegründet, ich kann gut sehen und bin neugierig darauf, was die taubblinden Schauspieler aus ihrem Leben mitteilen. Mir ist sehr bewusst, wie dünn das Eis zwischen Wohlbefinden und tiefstem Unglück ist. In einem Interview spricht die Initiatorin davon, dass einige taubblinde Schauspieler mit Suizidgedanken schwer depressiv waren. Sie haben in dem Projekt etwas gefunden, was wieder etwas Kraft zurückgab. Kann ich nachvollziehen, ohne es zu verkitschen. Denn das ist etwas völlig anderes, als wenn die Zuschauer „von außen“ das Stück ganz lobenswert finden.

    Die Zuschauer dürfen es natürlich lobenswert finden, es ist gut, wenn sie sich für das Erleben anderer interessieren, obwohl es sie nicht selbst betrifft. Stichwort „Empathie“.

  18. Esmeralda: Da würde ich mich an Deiner Stelle mal von kundiger CI-ärztlicher Seite beraten lassen. Denn alle allgemeinen Antworten oder auch individuelle helfen hier gar nicht.
    Um ein Beispiel zu machen: Grundsätzlich ist mein Eindruck, dass freies Sprachverstehen heutzutage erreichbar ist, wenn die passenden anatomischen und Voraussetzungen, Hörbiographie, moderne CIs (ja, vielleicht eher zwei als eins), ein passendes Lernumfeld für die ersten Monate und ein geübter Operateur gegeben sind. Aber die Prognose hängt von den Details ab, die ich bei Dir nicht kenne. Und letztlich kann es dann eben doch auch anders kommen als die Erwartungen. Sowohl schlechter — als auch besser.

    Zu dem Theaterstück nochmal: Mich eint mit „just like“ eine gewisse Abneigung gegen viele Darstellungen von Aktion Mensch. Demgegenüber finde ich das obige Beispiel (und auch die Berichterstattung darüber) eigentlich gerade gut, nämlich zurückhaltend dargestellt. So dass man den eigenen Zugang zu dem Thema finden kann, nicht mit vorgehaltener „DAS-ist-die-passende-Emotion-dazu“-Pistole.

  19. Übrigens, weil’s zum Thema passt: Taubblinde erhalten jetzt ein eigenes Merkzeichen für den Schwerbehindertenausweis. http://www.dbsv.org/dbsv/aktuelles/alias/article/1699/

  20. @Pia: Hast Du auch Interviews mit den Schauspielern gefunden?

    Meine Perspektive auf diese Diskussion ist die einer Person, die täglich ein todernstes Thema an nicht betroffene Menschen im Rahmen einer Art Freizeitangebot vermittelt (hat aber nichts mit Behinderung zu tun). Und ich denke, dass es richtig ist, in solchen Medienberichten das – für Außenstehende ohnehin unfassbare – Leid der Menschen nicht zusätzlich zu betonen. Denn der eine Teil des Publikums denkt sich das sowieso dazu und fühlt sich hinein. Und der andere Teil ließe es eh nicht an sich heran (und würde wegschalten bzw. „dicht machen“).

    Wenn ich höre, dass ein Mensch mit Usher-Syndrom seine Taubblindheit als „Herausforderung“ und „ein Spiel mit vielen Unbekannten“ bezeichnet (http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1540812/Hoffnung-beim-Usher-Syndrom#/beitrag/video/1540812/Hoffnung-beim-Usher-Syndrom), klar reibe ich mir da die Ohren und frag mich, was der wohl genommen hat. Aber ich werde auch neugierig auf den Typen und das Thema – und renne nicht schreiend weg oder breche in Tränen aus.

    Wenn man ein bisschen googelt, findet man Blogs von taubblinden Menschen, die die höchsten Berge der Welt besteigen oder Kindern in Entwicklungsländern mit der gleichen Behinderung helfen. Ich kann mir schon vorstellen, dass solche leuchtenden Beispiele mich zwar faszinieren („Wie machen die das bloß?!“), aber die Menschen, die an „leichteren“ Behinderungen schwerer tragen, überhaupt nicht weiter bringen, sondern sie im Gegenteil vielleicht noch mehr deprimieren.

    „Taubblind, … na und?“ heißt eine Broschüre, die der deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband herausgibt:
    http://www.fachdienst-itm.de/index.php?menuid=25&reporeid=83

    Beim ZDF (in Kooperation mit der Aktion Mensch) findet sich dieser sehr sachliche Beitrag zur Taubblindheit:
    http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/web/ZDF.de/Menschen—das-Magazin/2942292/22710824/4eb373/In-Stille-und-Dunkelheit.html

  21. @all: Danke für euren Input! Bezüglich Beratung beim Arzt: ich hatte eher den Eindruck, dass die von ärztlicher Seite am liebsten lieber als gleich die Messer wetzen und kritische Aspekte abwiegeln…

    @Flor: vielen Dank für deinen Beitrag! Dieses Zitat: „Und ich denke, dass es richtig ist, in solchen Medienberichten das – für Außenstehende ohnehin unfassbare – Leid der Menschen nicht zusätzlich zu betonen.“ trifft es für mich sehr gut, was ich im Umgang mit der blinden, ertaubenden Frau gedacht habe…

    Übrigens auch vielen Dank für die Links, sehr interessant für mich. By the way: was soll man denn nun davon halten, dass „Taubblind – Na und“ ausgerechnet vom gemeinsamen Fachausschuss hörsehbehindert / taubblind des DBSV kommt?

  22. @ flor: „Meine Perspektive auf diese Diskussion ist die einer Person, die täglich ein todernstes Thema an nicht betroffene Menschen im Rahmen einer Art Freizeitangebot vermittelt (hat aber nichts mit Behinderung zu tun).“
    Das gibt Rätsel auf. Todernstes Thema als Freizeitangebot ( …??)
    Ojeh, das klingt ja nicht gerade vertrauenerweckend. Du verwendest das Sprachklischee „unfassbares Leid“ und schreibst „… und renne nicht schreiend weg oder breche in Tränen aus.“ Warum schreibst du so stark überzogen? Arbeitest du im Krimi- oder Filmgenre? Dann verstehe ich auch das „todernste Freizeitangebot“. Bin echt neugierig.

    Deine persönliche Reaktion teile ich:
    „…dass solche leuchtenden Beispiele mich faszinieren.“ Genau!!
    Wie machen die das bloß?

  23. Der Titel der Broschüre „Taubblind, na und?“ geht voll daneben, aber es sind wohl Laien, die das getextet haben, da würde ich nicht so streng sein. Laien können das einfach nicht so gut, aber Profis würde ich den Titel um die Ohren hauen. Die Broschüre als PDF liest sich wirklich interessant, sie ist viel besser als der Titel. Danke für den Link!

  24. Hehe, Pia. Fast richtig!

    Und sehr aufmerksam gelesen: das „unfassbare – Leid“ ist mir dann auch aufgefallen, aber zu spät. Ich meinte, „nicht fassbar“. Und das Wort „Leid“ bezog sich – wie der ganze Abschnitt – auf die Art von Leid, mit dem ich mich sonst so beschäftige, nämlich Krieg und Völkermord.

    Und die Autoren von „Taubblind, na und?“ wollten wohl ein bisschen provozieren.

  25. Ich muss mich schon wieder korrigieren: In meinem obigen Satz fehlt ein „auch“. Es müsste heißen „Und das Wort “Leid” bezog sich – wie der ganze Abschnitt – AUCH auf die Art von Leid …“

    Und noch was @Just Like: Das meiste, was Du schreibst, widerstrebt mir total. Du sprichst aber etwas an, was auch mir in der öffentlichen Debatte zur Inklusion oft fehlt, und zwar, welche Belastung und Anstrengung eine Behinderung für den einzelnen bedeutet. „Leid“ ist sicher unbrauchbar als Begriff. Und wenn ich mir die Videos und Websites von den taubblinden „Prominenten“ anschaue, wie Coco Roschaert, dann wird das umso deutlicher. Aber ich sehe auch, dass ihr gelungener Umgang mit Taubblindheit möglich ist, weil sie ein ganzes Netzwerk von Unterstützern um sich gesponnen und sich Strukturen geschaffen hat, die ihre sinnlichen Einschränkungen ausgleichen. Und so finde ich es falsch, im Zusammenhang mit Behinderung so zu tun, als ginge es nur um „besondere Eigenschaften“ oder „Anderssein“ (ich denke aber nicht, dass das irgendwas mit Vermarktung zu tun hat). Dann würde nämlich Toleranz ausreichen. Es geht aber darum, Benachteiligungen wirklich abzufangen – sowohl durch technische Maßnahmen als auch durch persönliche Hilfestellung. Es bringt nichts, wenn man so tut, als gäbe es diese Benachteiligungen nicht und als würde niemand – sorry – leiden.

  26. Hallo flor,

    ich möchte es kurz halten. Ob Dir das, was ich geschrieben habe, nun widerstrebt oder nicht, soll mich nicht weiter interessieren. Nur bin ich überrascht, weil aus obenstehenden Beiträgen etwas ganz anderes zum Ausdruck gekommen ist. So las es sich wenigstens. Zu meinen Ansichten stehe ich auch weiterhin, ob Dir das nun gefällt oder nicht.

    Du selbst hast nie eine Sinneseinschränkung erfahren, und in diesem Sinne bist Du auch aufnahmebereiter für solche Events, von denen Du meinst, sie hätten nichts mit Vermarktung zu tun. Da kann man geteilter Meinung sein. „Taubblind, na und“ ist die schlimmste Demütigung, zu der man sich hat hinreißen lasssen. Und im Gegensatz dazu wird Eltern ein Schreckensszenario entworfen, falls sie sich gegen CI-Operationen ihrer Kinder aussprechen. Das paßt gar nicht zueinander, weil nämlich dieses Schicksal immerhin noch weitaus humaner ist und man damit noch leben kann.

    Da Du viel googelst, kannst Du dich ja mal kundig machen. Und müßtest auf den schreiende Widerspruch zwischen beiden Aussagen aufmerksam werden. Sollte man wenigstens meinen.

  27. Ja, das Thema „Leidensdruck“ bei Behinderung kommt selten zur Sprache. Ich bin froh, dass es hier mal angesprochen werden kann (alles klar, @flor, habe dich jetzt verstanden, der Begriff „leiden“ passt natürlich).

    In dem Theaterstück trauert eine Blinde darum, dass sie das Baby ihrer Schwester nie sehen wird. Wo kommt denn jetzt die „Zauberbrille“ her, die das ausgleicht? Empfindungen wie Trauer, Angst oder Verzicht kann man nicht mit irgendeinem „Hilfsmittel-Gimmick“ wegmachen. Oder mit dem Erlernen von Lormen und Brailleschrift. Für persönliches Empfinden schafft das Theaterstück den Raum, den es sonst selten gibt.

    (Übrigens meinen hier alle das Gleiche, wir hier sind doch schon „die Guten“. Nur Just like Beethoven hat mehr persönliche Erfahrung als die anderen.)

  28. @ just like beethoven: Du kommst von Thema ab bzw. mischt was zusammen, was nichts miteinander zu tun hat. Der blöde deutsche Broschürentitel hat nichts mit dem israelischen Theater zu tun, das CI für Kinder hat auch gar nichts mit dem Theaterstück zu tun. Bitte bleibe konzentriert beim Thema. Es wird einfach nicht klar, wogegen du überhaupt kämpfst.

    Vermarktung?
    Ja, das Theaterstück wird vermarktet, weil Theater nunmal Zuschauer und Öffentlichkeit brauchen. Es ist dazu gemacht, betrachtet und diskutiert zu werden – wie ALLE Theaterstücke auch. Das ist Gleichberechtigung!
    Die Mitspieler sind nicht gegen ihren Willen zwangsrekrutiert worden, sondern sie agieren selbst und bestimmen das Thema des Stückes. Es ist mittlerweile das zweite Stück des Ensembles. Sie verhalten sich so professionell wie andere Schauspieler auch.

    Du wirkst merkwürdig hart und dauergestresst. Es ist kein Gegner da, aber du hast die Fäuste schon oben. Mich wundert, dass du die wichtigsten Personen, nämlich die taubblinden Schauspieler nur aus der Distanz, fast von oben herab, betrachtest. Dass sie selbst hinter dem Stück stehen und es gut finden, kommt dir das nicht in den Sinn? Bewunderst und respektierst du das nicht? Du willst dich mit den Theaterleuten und dem, was sie im Stück mitteilen, vielleicht nicht gern befassen, OK, das verstehe ich. Aber du wirkst so, als ob es dir eh niemand recht machen kann, als ob Ärger ein Dauerzustand ist. Ich empfinde es daher als unfair, wie du das Stück runtermachst, in das Taubblinde enorm viel Mühe, Ehrlichkeit und Herzblut reingesteckt haben.

    Ein echter Gegner für dich wäre ein Zeitungsartikel, der fordert, dass „solche Stücke verboten gehören“ und das „Behinderte auf der Bühne nichts zu suchen haben“. Das wäre tatsächlic etwas, wogegen man ankämpfen müsste! Zum Glück ist das nicht Realität.

  29. Just Like, was ich an Deinen Kommentaren sehr verstörend und besorgniserregend fand, war der Bezug zur Sterbehilfe. Da warst Du in Deinen Formulierungen schon recht drastisch. Ich musste dann sofort daran denken, wie viele Kinder mit Behinderungen gar nicht erst auf die Welt kommen. Oder dass Eltern abgeraten wird, sich mit bestimmten genetischen Prädispositionen überhaupt zu reproduzieren. Deine Argumentation spielt solchen fragwürdigen Vorstellungen von Leben ohne Leid in die Hand.

    Und zu der CI-Problematik habe ich mir auch schon einen Wolf gegoogelt😉.

    Pia, das mit der persönlichen Erfahrung finde ich manchmal eine zweischneidige Sache. Wenn man von seinem individuellen Erleben auf die Allgemeinheit schließt – vor allem ohne das kenntlich zu machen – kann’s auch nach hinten los gehen. Gut, dass Du nachgebohrt hast. Und wie Du in Deinem letzten Kommentar offen ansprichst, gibt es manchmal unausgesprochene Empfindlichkeiten, die dann die ganze Diskussion bestimmen. Aber das macht es ja auch interessant.😉

  30. Vielleicht meinst Du, Just like, dass dieses Theaterstück – oder solche Events im Allgemeinen – etwas von „Freakshow“ haben? Deshalb Deine Beklemmung?

  31. Hallo Pia,

    über Deinen letzten Satz im vorletzten Beitrag habe ich mich gefreut, weil Du da von einer Erfahrung sprichst, die ich tatsächlich mehr als andere machen mußte. Und von dieser Realität gehe ich viel lieber aus als von Medienberichten, die gern etwas hochschaukeln und damit Mißbrauch betreiben. Immer sieht es so aus, als müsse man sich nur eines bestimmten Verhaltensmusters bedienen, und schon sei die größte Integration im Gange, vielleicht sogar noch Inklusion, ein Wort, das jetzt sehr in Mode gekommen ist.

    Es sollte schon klargeworden sein, was ich ausdrücken möchte. Es ist dieses ständige Gerede, das uns eine Harmonie vorgaukelt, die es gar nicht gibt. Auch wenn es jetzt nichts mit dem Theaterstück zu tun hat, möchte ich es mal zur Sprache bringen. Es ist die Leichtigkeit des Seins, die den schlimmsten Behinderungen angedichtet wird. In widerlichen Talkshows tritt es dann in Erscheinung. Da fragt der Talkmaster den Behinderten, der beide Beine verloren hatte, ob er jemals mit seinem Schicksal gehadert habe. Als Antwort kommt darauf: Habe ich niemals getan, und das Ganze wird mit einem Lächeln begleitet. Nicht böse sein, Pia, hier könnte ich in die Luft gehen, weil es so etwas überhaupt nicht gibt.

    Selbst not quite ist so ehrlich zuzugeben, daß er oft nicht sonderlich angetan ist von der „Aktion Mensch“, weil auch dort solcher Unsinn immer wieder verbreitet wird. Es gibt sehr viel bessere Sendungen im deutschen Fernsehen. Dazu gehört z. B. „37°“ oder „Menschen hautnah“. Da wird nämlich viel weniger Mißbrauch mit Schicksalsschlägen betrieben und man läßt die artspezifischen Erfahrungen der Menschen gelten. Das ist bei Behindertensendungen leider nicht der Fall.

    Wenn traumatische Erlebnisse hinter einem liegen, da muß ich Dir schon recht geben, möchte ich mich gar nicht gern mit diesem Theaterrstück befasssen. Und das gilt auch, wenn man mir andere Künstler schmackhaft machen möchte. Weil ich mir keinen guten Dienst damit erweisen würde und nur noch größere Depressionen die Folge wären. Das verstehst Du hoffentlich.

    Das Theaterstück hat zwar nichts mit dem CI für Kinde zu tun. Das habe ich auch nicht gesagt, sondern als Vergleich den unseligen Ausspruch damit in Verbindung gebracht. Das ist schon ein Unterschied.

  32. Oder umgekehrt: Das individuelle Erleben droht völlig unterzugehen im kopfigen Diskutieren über etwas. Was nützt denn die tollste Ansicht (Meinung), wenn man selbst nichts mit dem Thema zu tun hat? Ich kann mich noch so dicht neben einen Blinden stellen, ich weiß trotzdem nicht, wie man fühlt, wenn man blind ist. Aber mir kommt es vor, als ob viele Leute es so machen und sich dann für kompetent halten.

    Das eigentliche, was hier passiert, ist das Sichtbarwerden der Trennung zwischen Innenerleben und Außensicht.

    Das INNENERLEBEN ist Kern des Theaterstückes, wenn die Schauspieler von sich selbst etwas Authentisches mitteilen. Sie sind innerhalb der künstlerischen Umsetzung ehrlich und direkt, weil sie unmittelbar wissen, wovon sie erzählen. Das macht aber niemand hier im Blog, alle halten sich verkrampft bedeckt, was das eigene Erleben angeht. Wir alle machen das so, wir lassen es nicht dicht an uns heran, was es für uns bedeuten würde, die Sinne zu verlieren. Stattdessen gibt es Scheingefechte, Anklage an irgendwelche anderen, reflexartige Oppositionen, Meinungen. Das ist aber nur Ablenkung.

    Die AUSSENSICHT hatte Just like Beethoven anfangs scharf kritisiert (Vermarktung in Medien). Er wagt es aber leider auch nicht, sich näher mit dem Inhalt des Stückes zu befassen. Was du bei anderen kritisierst, Just like, das machst du selbst: Du greifst Medien an für ihre (vermeintlich) unsensible Darstellung, bist es aber selbst, der die taubblinden Theaterleute verachtet und das sehr hart formuliert. Es liest sich anders, als du vielleicht beabsichtigst.

    Was man selbst empfindet und wie etwas von außen gesehen wird: Gigantische Unterschiede.

  33. Upps, sorry, wir überschneiden uns:
    Mein Vorhergehendes galt noch für @flor, das Innenerleben und so.

    OK, jetzt verstehe ich dich auch, Just Like Beethoven.
    Nur eines passt nicht: Das Theaterstück ist eher ein positives Beispiel, die anderen sind negative. Das würde ich trennen.

  34. Hallo flor,

    wir scheinen weit voneinander abgekommen zu sein, sind uns im Grunde genommen aber doch so einig. Gemeint ist der 1. Absatz, den Du ansprichst. Meine Gedanken gehen nämlich in die gleiche Richtung. Mißverstandene Aussagen möchte ich hiermit korrigieren. Wenn ich von Sterbehilfe gesprochen habe, wollte ich nicht sagen. daß nun automatisch eine Todesmaschinerie in Gang gesetzt werden soll, sondern lediglich zu denken geben, daß Menschen unter dem Schicksal „taubblind“ so unermeßlich leiden können, und wir auch das nicht gänzlich ausschließen können. Sieh mal, Krebskranke werden von ihrem Leiden oftmals früher oder später erlöst. Das kann bei Taubblinden mit funktionierendem Organismus ganz anders sein. Und dieses Hinziehen über Jahrzehnte ist dann einfach schrecklich.

    Was Du weiter sagst, deckt sich völlig mit meinen Überlegungen. Es ist sogar so, daß ich selbst den glieichen Wortlaut in Gedanken schon abgespult habe. Denken wir an die Paralympics. Da johlt eine Menge den behinderten Sportlern zu und erweckt den Eindruck, als wäre man im Alltagsleben ein Herz und eine Seele. Die Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus, weil nicht übersehen werden kann, daß behindertes Leben gar nicht mehr gewollt ist und man es mit allen Mitteln ausschließen müsse. Das fängt beim Hörscreening an und setzt sich bis zur Präimplantationsdiagnostik fort. Und ich möchte behaupten, daß diese negative Entwicklung weitergeht und eines Tages noch der Wunsch zum Designerbaby aufkommt. Viele Eltern scheinen sich gar nicht mehr bewußt zu sein, daß ihnen mit solchen Vorgaben das Rüstzeug zum Leben immer mehr abhanden kommt. In ihrer naiven Vorstellung meinen sie, gegen Behinderung auf Lebenszeit gewappnet zu sein, verkennen aber die Tatsache, daß die meisten Behinderungen erst im Laufe des Lebens entstehen…

  35. @just like, warum alles so krass pauschalisieren?
    Die Öffentlichkeit kann vielleicht schon feiner differenzieren, als du ihr zugestehst. Und das Erleben von anderen Behinderten darf unterschiedlich sein, auch abweichend von deinem oder meinem Empfinden. Es kann nebeneinander stehen und beides wahr sein.

    Es kann sein, das jemand mit einem schweren Handicap sagt: „Ich arrangiere mich damit, habe Lebensfreude und Pläne.“ Direkt daneben kann jemand sitzen mit schwerster Depression und Selbstmordgedanken, was ich nachempfinden kann. Mir selbst ging es in meinem Leben mal so, mal so. Wir sind nicht alle aus dem gleichen Stein gehauen.
    Wenn Leute das Theaterspiel für sich entdecken, ist das verständlich. Wenn andere das Theaterstück als schwer erträglich empfinden, ist es verständlich. Wie die Zuschauer es aufnehmen und was in ihnen vorgeht: Es wird sehr sehr sehr unterschiedlich sein!

    Es kann sogar sein, dass manche Taubblinde es als nervig empfinden, ständig mit „schlimmem Schicksal“ in Verbindung gebracht zu werden. Vielleicht ging das einigen einfach so sehr auf den Zeiger, dass sie „Taubblind, na und“ erfanden? Klingt trotzig. Für andere wie uns wirkt es taktlos und banalisierend, wir ärgern uns darüber. Beide Sichtweisen stimmen, je nach dem eigenen Hintergrund. Wenn du etwas ablehnst, hat dein Empfinden seine Berechtigung. Es muss aber nicht zwangsläufig für alle gelten. Und nicht zwangsläufig immer in den gleichen Topf geschmissen werden.

  36. „Denken wir an die Paralympics. Da johlt eine Menge den behinderten Sportlern zu und erweckt den Eindruck, als wäre man im Alltagsleben ein Herz und eine Seele.“

    Genau! Weg mit den Paralympics, was für eine hohle Veranstaltung! Und der Mob sowieso, nur gaffendes Gesocks. Alle Behinderten in den Keller, bloss keine selbstbewussten Hochleistungssportler zeigen, das ist ja eh verlogen. Designerbabys, Sterbehilfe, Krebskranke, das ZDF, Medien, Vermarktung, CI für Kinder, Aktion Mensch, Eltern, Zuschauer, Medizin, Sport, optimistische Behinderte, Hörscreening … die Welt ist durch und durch schlecht!!!

    Hach ja, so isses, just like.😉

  37. Hallo Pia,

    ich pauschalisiere bestimmt nicht zu krass, denn die Öffentlichkeit ist leicht manipulierbar und glaubt gern das, was man ihr vorsetzt. Ausnahmen mag es geben, doch ist das eine dünn gestreute Minderheit.

    Den letzten Absatz hast Du mutwillig auf die Spitze getrieben, um den Geltungsanspruch nicht ganz verblassen zu lassen. Der Durchlaß ist aber so groß nicht, er erfährt in vielen Fällen jedoch eine Betonung, die ihr nicht zukommt und ihr besser auch nicht zukommen sollte.

    Greifen wir uns doch mal die Paralympics heraus. Wenn Du glaubst, daß alle Schwerbehinderten davon begeistert sind, ist das eine Fehleinschätzung. Der Anteil behinderter Sportler ist, gemessen am Anteil nichtbehinderter Sportler, noch viel geringer. Der Großteil der Schwerbehinderten ist nämlich mit der Bewältigung des täglichen Lebens bedient genug. Das geht oftmals schon über ihre Kraft. Hast Du dir auch schon mal Gedanken gemacht, welcher Schaden mit einer überbordenden Berichterstattung angerichtet werden kann? Es werden solche Sportler wie Oscar Pistorius bejubelt, und plötzlich wird das als allgemeiner Standard angesehen, so sein zu können oder zu müssen. Die CI-Thematik hat es ja schon vorgemacht. Und genau das wollte wohl auch flor aussagen, daß die Menschen, die wir bisher als behindert genug eingeschätzt haben, plötzlich viel weniger wahrgenommen und dadurch noch deprimierter werden könnten.

    Um noch mal auf die johlende Menge zurückzukommen. In der Masse tut sich das leicht. Aber mal ehrlich! Wenn eine Einzelperson einem solchen Behinderten begegnen würde, gäbe es unsägliche Berührungsängste und man würde am liebsten im Erdboden versinken, oder?

  38. Du spekulierst zuviel über andere und unterstellst einfach zuviel. Himmel, ja, natürlich: Irgendwer wird immer irgendwas denken, deshalb müssen ja auch alle Behinderten wieder zurück in den Keller. Lass doch mal jeden nach seiner Fasson machen, was er will. Ist doch sch…..egal, was andere denken oder interpretieren.

    Es hat ja eine gewisse Komik, dass du an den Paralympics herumquengelst, behinderte Nichtsportler könnten deswegen möglicherweise nicht mehr beachtet werden. Das ist natürlich ganz fies von den Paralympics. Und unfreiwillig lustig. Auch unter den Normalos gibt es ja faule Sofahocker und fitte Hochleistungssportler. Huuh, was das jetzt wieder für schlümme Konsequenzen… und überhaupt … die Welt ist schlecht. 😉

    Ich habe vor ein paar Jahren mal etwas gestresst auf die schwerhörige Musikerin Evelynn Glennie reagiert, weil ich fürchtete, ich werde an ihr gemessen, dabei kann ich gar keine Musik hören. Was passierte? Nichts. Niemand setzte mich unter Druck. N i e m a n d. Die Glennie kann weiter tolle Musik machen und ich kann weiter mein unmusikalisches Rad drehen. Happyness everywhere. 🙂

  39. Hallo Pia,

    ich muß Dir widersprechen, wenn Du meinst, ich spekuliere und unterstelle zuviel. Genau das könnte ich Dir nämlich auch vorwerfen. Meine Meinungen zum Thema habe ich nicht abgeschrieben, aber sie stimmen mit vielen kritischen Äußerungen überein, die mir besser gefallen als eine ständige Lobhudelei, die manchmal gar nicht mehr zu überbieten ist.

    Um die Behinderten nach eigener Fasson leben zu lassen, müßten die Dinge schon ganz anders aussehen. Aber gerade in dieser Hinsicht werden sie gern bevormundet, ob Du das wahrhaben willst oder nicht – In erster Linie in den Behindertensendungen, wo die altbackenen Phrasen immer wieder auftauchen Die gab es schon vor Jahrzehnten: „Immer wieder überwinden“, „Niemals abkapseln“, „Anerkennung statt Mitleid“. Die letztere Schnurre hat schon Stefan Zweig im Vorwort eines Romans widerlegt und aufgezeigt, wie es wirklich mit dem Mitleid aussieht.

    Und wenn Du von der Glennie sprichst, dann vergiß bitte nicht, daß die so taub nicht ist. Das englische „deaf“ wird im englischen Sprachgebrauch ziemlich weitschweifig ausgelegt. Und unmusikalisch bin auch ich nicht gerade.

    Apropos nach seiner Fasson leben. Das tue ich am liebsten in der Beschäftigung mit dichterischer Metrik, die sehr interessant ist und schreibe manchmal auch ein Gedicht. Und damit verabschiede ich mich vorläufig erst mal aus der Diskussion.

    IN DEN GEDICHTEN

    Und jedesmal ist es die Kraft,
    die aus Gedichten in uns lebt,
    ganz wie von selbst die Freude schafft,
    und fortan nach Entfaltung strebt.

    In den Gedichten möcht ich sagen,
    was mir im Leben nicht vergönnt
    an Wünschen, Hoffnungen und klagen,
    wie es in meinem Herzen brennt.

    In den Gedichten möcht ich singen
    das allerschönste Liebeslied.
    Die Stimmen sollen dort erklingen,
    wie es tagtäglich mir geschieht.

    In den Gedichten möcht ich mahnen,
    was allzuleicht bleibt unbedacht,
    daß wachsen möge ein Erahnen
    vom Dasein in der finstren Nacht.

    In den Gedichten möcht ich preisen
    der wunderbaren Metrik Spiel.
    Sie soll mir stets die Pforte weisen,
    die ich auch weiter öffnen will.

  40. Ich finde eure beide Positionen sehr nachvollziehbar und bin wirklich dankbar, dass Ihr sie vertieft habt!

    Nächste Woche (10. – 11. Dezember) ist in Berlin die Konferenz „Deaf World/Hearing World“, deren Vorträge extrem interessant scheinen: http://www.mpiwg-berlin.mpg.de/workshops/en/DeafWorld_HearingWorld.html

    Ich werde es wahrscheinlich nicht schaffen hinzugehen. Vielleicht kann es ja jemand (Pia?) einrichten und dann berichten.

  41. Interessant, welche Reaktionen und Emotionen hier wachwerden. Auf mich hat der Film bzw. die Theaterszenen vor allem sehr sinnlich gewirkt – fühlen, schmecken, riechen… Mein Eindruck war: da geht noch was.

    Und zu dem ganzen Rest: Vom armen, vom Schicksal geplagten armen Hascherl bis zum super-duper-souveränen tollen Behinderten gibt es tausende Nuancen. Nach meinem Eindruck finden sich die wenigsten dauerhaft an den Extremen, sondern irgendwo dazwischen, vielleicht auch mal mehr, mal weniger in der Mitte. Manchmal geht es besser, manchmal schlechter. Wir bleiben in Bewegung, was das angeht. Und es hilft, das zu wissen. Und wenn nicht, hilft es, dass es Angebote wie dieses Theater oder auch anderes gibt.

  42. just like beethoven, ich würde gern mal lesen, was Stefan Zweig geschrieben hat. Könntest Du mir den Namen des Buches sagen?

    Zum Thema Behinderte (bzw. ihre Darstellung) in der Öffentlichkeit: Ich empfinde es als großen Gewinn, hier den Hinweis und das Video von dem Theaterstück UND Eure Diskussion darüber versammelt zu haben. Das ist alles zusammen genau die Art von Darstellung, die ich gut finde: Eine, die die Vielfalt der Empfindungsweisen nicht leugnet sondern auffächert. Dankeschön.

  43. (Schönes Gedicht. Ich mag es. Auch als Abschluß wunderbar.)

  44. Hallo not quite,

    Deine Anfrage beantworte ich hiermit gern. Das besagte Buch von Stefan Zweig heißt „Ungeduld des Herzens“, wo wir im Vorwort lesen: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungelduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“

    Soweit Stefan Zweig. Wir sehen daraus, das Mitleid im Grunde genommen gar nicht mal verurteilenswert ist. Behindertensendungen werden zur Farce, wenn dieser Ausspruch mit vollendetem Pathos und vielleicht noch gewichtiger Miene dahergesagt wird, ohne sich groß Gedanken über den Sinngehalt gemacht zu haben. Meist wird weder über das eine noch andere nachgedacht.

    Von Stefan Zweig unbedingt noch lesenswert: „Schachnovelle“. Eigentlich mit das beste Buch, das ich kenne.

    Noch eine andere Sache, not quite. Bei der Themenvorgabe wäre es gut, wenn Du Dinge hinterfragst, die vom Standpunkt der Integration sehr fragwürdig sind. Wie das z. B. jüngst in „Frau TV“ der Fall war. Da wollte eine junge Frau gar nicht im „eigenen Saft“ schmoren, sondern hat das Wort Integration beim Wort genommen. Können wir ihr das verübeln? Ich glaube nicht, denn nur so wäre Integration wirklich glaubhaft.

    http://www.wdr.de/tv/frautv/sendungsbeitraege/2012/1122/thema_3.jsp

    Der Witz dabei ist, daß die Moderatorin die Aussageabsicht der Sendung selbst überhaupt nicht verstanden zu haben schien. Denn es hieß am Ende: „Übrigens gibt es die Singlebörse „handicap-love“. Also das, was mit den Vorstellungen der genannten Person überhaupt nicht in Einklang gebracht werden kann.

    @ flor,

    Du scheinst, wirklich alles zu finden, was das Internet an interessanten Links hergibt. Deinen Link über diese Konferenz habe ich angeklickt, um mir einen ersten Überblick zu verschaffen. Werde mir das noch ausführlicher durchlesen.

    @ Pia,

    schön, daß Dir das Gedicht gefallen hat. Es steht durchgehend im vierhebigen Jambus. Hierbei folgt auf eine unbetonte Silbe immer eine betonte. Man könnte auch sagen, daß einer Senkung eine Hebung folgt.

  45. Stefan Zweig zu Mitleid gefällt mir, danke für die Erläuterung! Das ist schon recht treffend mit der Ungeduld. Mitleid äußern ist dann eine Form, die es einem erlaubt, mit der Sache umzugehen, sie einzuordnen und zu bewältigen ohne sich groß auf sie einlassen zu müssen — geistig und emotional. Ähnlich wie die Schlagzeilen der BILD-Zeitung es mit den Geschehnissen machen.
    Gefällt mir, der Gedanke.

  46. Unbedingt lesen:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/taubblinde-in-deutschland-es-liegt-keine-problemanzeige-vor-11110454.html
    Bin mir nicht sicher, ob der Artikel einen Einzelfall zu sehr verzerrt, aber dass es völlig ungewiss ist, wohin man kommt, wenn gesundheitlich etwas Drastisches passiert, das stimmt … und ist unheimlich.
    Lest den Artikel aufmerksam.

  47. Die Theatergruppe Naalagat ist mir reichlich bekannt. Ich habe ihre Vorstellung in Boston fuer taubblinde „Zuschauer“ gedolmetscht, da ich mit den „foreign“ Gebaerdensprachen zurecht kommen konnte (die Darsteller benutzen russische, israelitische und ASL Gebaerden). Ich bin sehr viel in der Taubblindenszene. In Boston gibt es einen Verein fuer Taubblinde. Da kenne ich Taubblinde viel besser als ihr alle zusammen. Ja, diese Israelitischen Taubblinden sind selbstbewuster geworden, wie auch die taubblinden Absolventen der Perkins School for the Blind (Helene Keller!) nahe Boston (Meine Frau unterrichtete dort).

    Habe schnell die vielen Beitraege durchgelesen. Es ist schwer festzustellen, was die Standpunkte von Pia und NqlB ueber das koerperliche Andersssein sind, und was daraus gemacht werden soll. Sie scheinen widerspruechlich zu sein. Mir fehlt leider Zeit und Musse, die einzelnen Beitraege zu analysieren, um daraus die persoenlichen Standpunkte heraus zu kristallisieren.

    Aber die einzelnen Aussagen machen mich wirklich traurig und auch wuetend! Was ich erkennen kann, ist, dass Audismus und Ableismus noch stark bei Euch vorherrschen. Es wird von Leid und Mitleid gesprochen, wie schrecklich das Fehlen der Sinne sind, usw. usw. Die Standpunkte der Betroffenen werden niedergemacht als Unsinn. Das erinnert mich, wie meine Ansichten auch von den Spaetertaubten und wenigen Schwerhoerigen niedergemacht und mir einiges Unwahres in den Mund gelegt,und mich als Extremisten, Radikalinski und Fundamentalist schlecht gemachet wurden. Anscheinend muss ich zuerst tot sein, um meine Darstellungen richtiger gewuerdigt zu werden.

    Ueber einige Aeusserungen moechte ich Stellung nehmen. Sie koennen zornig klingen. Ich fuehle mich gedrungen,,zornig zu sein, da ihr nicht Laien seid und daher schon besser haetten wissen muessen. Ihr habt einige uns schaedigende Auesserungen gemacht. Gluecklicherweise, diese kommen nicht nach aussen.

    Pia behauptet, der Slogan „Taubblind – Na und!“ sei von den Laien verfasst, nicht von den Taubblinden selbst. Dies zeigt krass Ueberheblichkeit, Voreingenommenheit und echtes Unkenntnis der Szene selbst. Wenn ein Betroffener etwas ueber sein Befinden aeussert, muss unbedingt respektiert werden. Kein hochnaesiges und ueberhebliches Aber! Die Rollis lernen von uns Tauben und aeussern aehnliches (Siehe Christiannes „Behinderten Parkplatz“). Die Broschuere mit dem Slogan ist vom Verband der Taublinden verfasst worden. Kein hoerender Professioneller! Denn keine hoerende Professionelle des alten Schlages moegen diesen Slogan aus Paternalismus nicht. Selbstbewusste taube Personen sagen „Taub – Na und“ oder kraeftger im Englischen „Deaf, so what!“ (der Ausdruck kam zuerst in einem Dramastueck von Eric Malzkuhn 1944, damals zu revolutionaer fuer den Drama Professor am Gallaudet College, daher unterdrueckt und nicht zur Auffuehrung zugelassen). Viele andere Slogans sind im Umlauf ueber die Bedeutung der Taubheit im Leben tauber Personen, sogar die Vernichtung von Taubheit als ein Nazi-Bestreben nach „perfektem (aryanischen) Menschen“ wird scharf kritisiert („Endloesung der Taubstummenfrage“!). Ich habe Hoerenden in manchen Vortraegen in den USA ein Oxymoron vorgetragen und es wird verstanden und begeistert aufgenommen: „Ich bin taub, aber nicht meine Ohren.“ Dies habe ich sogar in einer deutschsprachigen Schule in Boston vorgetragen und wurde von den Schuelern sofort verstanden. Wenn diese Schueler diesen relativierten Standpunkt verstehen koennen, warum nicht ihr mit „Taubblind – Na und“? Wichtig in der Darstellung ist, dass Relativismus des Wertes des Hoerens, Sehens und Sprechens (und anderer koerperlichen Andersartigkeit).in die Gesellschaft eingefuehrt wird, und als Konsequenz jede Erleichterung fuer diese Gruppen gesetzlich gewaehrt und von jedem praktiziert wird. Das ist nicht alles. Menschen muessen ihre eigenen Einstellungen zur koerperlichen Andersartigkeit revidieren als Massnahme zur Reduzierung von Audismus und Ableismus. Daher ist die freundliche Betrachtung im Media notwendig, auch wenn nicht so ueberzeugend fuer euch mit eurem etablierten Vorurteil ueber das Taubblindsein als Leiden..Die Bestrebungen der Behinderten z.B. in den Paralympics und Special Olympics sind unbedingt zu unterstuetzen, auch wenn euch die Aeusserungen im Media missfallen. Unterstuetzt ihr auch die Deaflympics? Diese sind viel aelter als die beiden (seit 1924!) und bekommt trotzdem wenig finanzielle Unterstuetzung und Anerkennung von der Gesellschaft. Unterstuetzt ihr Deaflympics?

  48. Lieber Hartmut, danke für deine sehr interessanten Ausführungen!

    Was ich allerdings nicht verstehe (und das meinte ich auch in einem Kommentar), ist: Was bringt es, den Wert des Hörens, Sehens, Sprechens etc. zu relativieren? Wohin führt die Argumentation „Jeder ist irgendwie behindert, der eine kann nicht hören, der andere kann nicht Inline-Skaten, so what!“ (ich übertreibe ein bisschen). Werden dadurch nicht gerade diejenigen entlastet, die Geld und Zeit in die Realisierung von barrierefreien Stukturen investieren müssten (und das nicht tun)? Dient das „So What!“ nicht als bequeme Ausrede, alles so zu lassen, wie es (in Deutschland) ist?

    Für mich ist das „So what!?“ zwar als kämpferische Haltung der Betroffenen nachvollziehbar. Taugt es aber auch für die Kommunikation nach außen?

  49. Hartmut, ich kann Dir zuweilen nicht ganz folgen, wer in Deinem Kommentar gerade mit „Ihr“ gemeint ist. Bin ich angesprochen („NqlB“)? Oder verwechselst Du mich vielleicht?

    Flor, ich bin nicht Hartmut, aber sage mal, wie ich das sehe: „So what“ ist die Zielvorstellung. Als solche entlastet sie nicht vom Handeln („bequeme Ausrede“) sondern orientiert es, fordert es sogar ein, auf mehreren Ebenen: Die Einstellungen der Leute, Organisatinoen und Institutionen sollen so umgebaut werden. dass es möglich ist, „so what“ zu sagen, ohne dass dies mit Nachteilen verbunden ist. Und zwar, weil wir schon dabei sind, nicht für bestimmte Behinderungen/Gruppen, sondern für eine diverse Bevölkerung. Das ist natürlich eine Utopie, ein politisches Leitbild.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s