„Ich entschied, ihnen nicht in die Augen zu sehen…“

Ich glaubte, eine enorm wichtige Entdeckung über Menschen gemacht zu haben. Ich entschied, ihnen nicht in die Augen zu sehen, wenn ich mit ihnen redete oder sie mit mir. Ich sah ihnen auf den Mund. Das einzige, was mich interessierte, war wie die Münder ihre Formen annahmen und ich entschied, dass man den Leuten nur genau auf den Mund sehen müsse, wenn sie redeten, um alles zu wissen was man wissen muss. Ich versuchte, ein Gedicht darüber zu schreiben und ich glaube, es reimte sich.

Das könnte von mir sein. Dass Augen der Spiegel der Seele sein sollen, halte ich ja bekanntermaßen für Propaganda. Doch es ist vom Schriftsteller Ben Marcus, im Gespräch im höchst lesenswerten Blog The Days of Yore, wo erfolgreiche Künstler über die Zeit sprechen bevor sie Erfolg hatten. Auch ganz toll: Jennifer Egan.

3 Antworten zu “„Ich entschied, ihnen nicht in die Augen zu sehen…“

  1. bestOfCrumbs

    Ich halte nicht viel vom „In-die-Augen-sehen“. Das tut mir weh, wenn ich das mache, des ist schwer auszuhalten. Das hat damit zu tun, dass ich das Asperger-Syndrom habe, eine milde Form von Autismus. Das hat nichts mit Unfreundlichkeit oder Desinteresse zu tun.

    Aus den Augen kann ich keine Emotionen ablesen und verstehen. Als Fast-Gehörloser habe ich mir sowieso seit Kindheit angewöhnt, auf den Mund zu schauen. Das geschieht unbewusst und fällt dem Menschen vis-à-vis gar nicht auf. Genauso wenig wie die Augen verstehe ich Münder als „Tor zur Seele“. Aber manchmal kann ich von einem Mund, zusammen mit dem Gesagten, Emotionen ableiten.

    Es wäre mal interessant heraus zu finden, woher der gesellschaftliche und subtile Zwang kommt jemandem in die Augen schauen zu müssen. Wer weiss etwas darüber?

  2. Sehr interessanter Punkt.
    Als Schwerhörige schaue ich auch seit Jahren den Leuten nur auf den Mund, aber ich bemerke manchmal, dass mir der Augenkontakt bei Leuten fehlt, die mir sehr vertraut sind. Früher, als Hörende, habe ich Freunden gern in die Augen gesehen, weil das echte Nähe erzeugt. Wenn sich „Auge in Auge“ die Blicke begegnen, hat das was ganz Direktes, man spürt unmittelbar, dass man vom Gegenüber gesehen wird. Das Auf-den-Mund-Gucken geht aneinander vorbei.

    Mittlerweile gönne ich es mir ganz bewusst zwischen dem Lippenabsehen mal kurz den Blick in die Augen. Das ist wie ein „Blitz“-Moment, manchmal erschreckend direkt. Daher verstehe ich, wenn manche Menschen das nicht gut aushalten können.

    Aber „Spiegel der Seele“? Seele??
    Im Mittelalter dachte man, die Seele säße in der Zirbeldrüse, und hat eifrig Leichen aufgeschnitten. Angeblich wiegt sie 2 Gramm, das will man bei frisch Verstorbenen gemessen haben. Die Seele selbst trägt auf christlicher Kirchendeckenbemalung viel zu dünne, kurze Hemdchen und hat immer kalte Füße. Deshalb möchte ich nicht in den Himmel, schon seit meiner Kindheit fröstele ich bei der Vorstellung: Ohne Socken im kalten Luftzug herumhuschen, brrrr, nein danke. Nix da mit „Seele“ und „Leben nach dem Tod“, man muss einfach wissen, wann Schluß ist.
    Aber ich komme vom Thema ab … 😉

  3. „Man spürt dass man gesehen wird. Das Auf-den-Mund-Gucken geht aneinander vorbei.“ — Das finde ich sehr gut beobachtet und ist vermutlich auch die Antwort auf best of crumbs Frage.

    PIa, : )

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