Auf der Couch — oder: Schwerhörige können alles, außer gut hören.

Manon war eine tolerante Frau. Sie kannte viele Schwerhörige. Und sie war Schwäbin. „Ist doch klar“, dachte sie darum, „Schwerhörige können alles. Außer gut hören.“ Zum Beispiel konnten sie exzellente Psychoanalytiker sein.

Weil sie das so empfand, und es ihr nach einigen Sitzungen deutlich besser ging, machte es ihr auch nichts aus, sich öfters zu wiederholen, wenn Dr. Reitenberger sie wieder einmal nicht verstand. „Ist doch klar“, dachte sie, „so wie er da am Kopfende der Couch sitzt, nebenher Notizen machen muss und wie ich von ihm abgewandt auf der Couch liege — kein Wunder, dass der Arme da Probleme hat. Nicht mal Lippenlesen kann er aus der Position!“

So dachte sie mehrere Monate lang. Bis sie eines Tages nach der Sitzung im Treppenhaus auf eine Nachbarin stieß. Dr. Reitenbergers Praxis befand sich nämlich in einem Wohnhaus. „Sie müssen Manon sein“, begrüßte sie die Nachbarin und lächelte schräg: „Ich habe schon so viel von Ihnen gehört. Eigentlich jedes Mal wenn Sie beim Dr. Reitenberger sind. So laut, wie Sie mit ihm reden.“

Manon erblasste.

14 Antworten zu “Auf der Couch — oder: Schwerhörige können alles, außer gut hören.

  1. ;-)))))

  2. Tja, Schwäbisch in seiner breitesten Ausführung kann schon für Flotthoerige eine Herausforderung sein.
    Ich habe vor Jahren ein medizinisches Fachbuch im Thiemeverlag veröffentlicht und musste zuvor öfters telefonisch konferieren- damals noch mit Horchi und aus den USA. Da gab es jede Menge irritierte Nachfragen meinerseits plus der Bitte, doch bitte Hochdeutsch mit mir zu sprechen- was zumindest der Lektor tat.
    Aber in der Psychoanalyse mit dem Hintergrund Vertraulichkeit samt Datenschutz: Horrorvorstellung! oder Satire?
    Zumindest Altbau mit dicken Wänden oder schallisolierte Zimmer sollten doch wohl Grundvoraussetzung sein.
    Nichtsdestotrotz bleibt die Frage, was Manon denn Anormales nach dem schraegen Blick zu urteilen von sich gegeben hat…

  3. Viele Guthörende nehmen tatsächlich an, dass ein Hörgeräteträger auch MIT Hörgeräten nicht 100% hören kann😉

  4. Danke für den „schönen“ Beitrag.😉 Dr. Reitenberger braucht eine FM Anlage

  5. @miakouri: Also ich bin als Hörgeräteträger nicht der Ansicht, dass ich genauso gut höre, wie ein Guthörender (z.B. meine Frau). Das liegt natürlich nicht daran, dass die Gesprächspartner zu leise wären sondern einfach an der Tatsache, dass das für mich wahrnehmbare Amplitudenspektrum nun mal stark eingeschränkt ist und die Hörgeräte ja nichts anderes tun als die leisen Geräusche lauter zu machen. Mit dem Ergebnis, dass ich große Probleme mit Umgebungsgeräuschen habe. Auch bin ich der Meinung, dass Guthörende mit undeutlicher Aussprache wesentlich besser klarkommen als ich.

  6. @miakouri: da haben dann viele Guthörende auch recht. Das ist zumindest meine Einschätzung. Meine Hörgeräte helfen mir Sprache zu verstehen, dennoch war Kommunikation früher deutlich weniger anstrengend für mich. Ich war auch mal sehr gut in der Lage Dinge, die man mir einmal erklärt hat sofort umzusetzen, heute geht das nicht mehr so flott…

  7. lach, was für eine lustige Geschichte.
    Erinnert mich an die Sendung, die es mal gab, wo Behinderte Nichtbehinderte veräppelten. Es fing immer mit einem Interview an, wo der Eine von Telök ein Mikro über seinen kürzeren Arm streifte und fragte: „Wie finden sie es, wenn Behinderte Nichtbehinderte veräppeln?“ Antwort: „Nein das Macht man nicht, Binderte veräppeln.“ “ Nein ich meinte, dass Behinderte Nichtbehinderte veräppeln.“ „Ja, das ist in Ordnung“
    Und dann geht es weiter mit Situationskomik von Feinsten, wobei Beteiligte und Zuschauer lachen oder verlegen werden, aber sehr gut in die Situation eines Behinderten eingeführt werden.

  8. @tantemaedel: Der kuerzere Arm erinnert mich an den so gedachten Knigge zum Umgang mit Behinderten aka „Besser Arm ab als arm dran“. Leider hat mich diese Satire alles andere als zum Lachen gebracht. Mag gut und ambitioniert gemeint sein, ist mit ihrer Intention aber nach hinten los gegangen. Hat das noch jemand hier gelesen?

  9. tantemädel

    Hallo Martina, hast du Telök schon mal gesehen und wie Martin Fromme mit seinem kürzeren Arm umgeht? Ich habe ihn live gesehen und Tränen gelacht.
    Mein verstorbener Lebensgefährte war Beinamputiert und er hat mit seiner Prothese auch diverse Scherze gemacht. Auf einer Party z.B. hat er diese umgedreht und sein Glas auf die Fußsohle gestellt. Er war der Lacher des Abends und hat jedem damit gezeigt, dass er offen damit umgeht und keiner diesbezüglich Hemmungen haben braucht. Ich könnte noch mehr erzählen, gehört aber nicht hierher.
    Und wenn man den Titel des Buches von Alexander sich anschaut, ist auch dies Satire. Taube Nuss bedeutet eigentlich eine Nuss ohne Inhalt und bedeutet im übertragenen Sinne doof und Hörgeschädigte wurden früher als doof angesehen. Somit ist der Titel des Buches genial ausgesucht.
    Ich für meinen Teil finde es immer wieder schwierig Hörschädigung satirisch dar zu stellen ohne, dass das Lachen im Hals stecken bleibt, aber ich finde es genial, wenn das gelingen würde, so dass allen klar ist worum es geht.

  10. tantemädel

    P.S. Da ich selber eine taube Nuss bin, würde so ein ultimativer Gag sehr helfen, damit ich nicht immer groß erklären muss und ich nicht immer wieder Reaktionen, wie Mitleid, Irritationen, Unsicherheiten oder besondere Rücksichtnahme, die oft einem Eiertanz gleicht, erlebe.

  11. Hallo Tantemaedel,
    Leider hatte ich bisher noch nicht das Vergnügen, Herrn Fromme live on stage zu erleben. Wenn er als Comedian eine solche Wucht ist, sollte er bei seinen Leisten bleiben, denn literarisch schlägt man ein anderes Kapitel auf. Insofern ist der Vergleich mit Alexanders Buch der wie mit Äpfeln und Birnen. Auch wenn der Titel Taube Nuss durchaus satirisch gesehen werden kann, ist es der Inhalt eben nicht.
    Honi soit qui mal y pense….

  12. tantemädel

    Keine Frage, das Buch stellt lebensnah dar, wie es ist, schwerhörig zu sein, ohne den moralisch erhobenen Zeigefinger und ohne in Selbstmitleid sich zu ergießen. Genau das finde ich so gut an dem Buch und mache Werbung dafür.
    Und in „Taube Nuss“ gibt es Texte über die ich geschmunzelt oder gelacht habe. Ich habe auch manchesmal Situationen erlebt, die einfach komisch sind. Natürlich kommt es dabei immer auf den eigenen seelischen Zustand an. Als Schwerhörige ist es normal, dass Missverständnissse auftauchen und wenn ich sie mit einem Lachen beseitigen kann, ist es für mich der gesündere Weg. Dazu gehört natürlich Selbst-bewußt- sein über die eigenen Grenzen und Möglichkeiten, ein Bereich, in dem man immer wieder gefordert ist, egal ob mit Behinderung oder ohne. Mir ist auch klar, dass ich nicht immer über diese Grenze lachen kann, aber wenn ich es kann, dann habe ich wieder ein Stück Selbst-bewußt-sein erlangt, dann bin ich einfach gut drauf und freue ich mich darüber. Deswegen Martina würde ich mich freuen, wenn du dich mit mir darüber freuen kannst. Wie heißt es so schön, Lachen ist die beste Medizin und es ist meine Art mit dem Leben umzugehen, bzw. es leichter zu nehmen.
    Ich hoffe, wir haben damit unser Missverständnis beseitigt und ich habe dir damit verdeutlichen können, dass ich nichts böses wollte und die Sache schon so sehen kann, wie sie sind.

  13. Kein Problem, tantemaedel, mit Humor, auch mit Galgenhumor, geht das Meiste besser.
    Ich habe kein Missverständnis gesehen.
    Ich mag bloss das Buch von M.Fromme nicht, während mir Alexanders Buch von der 1. Seite an gefallen hat. Und auf diesen blog bin ich erst nach dem Durchlesen das erste Mal gegangen.
    Ich bin übrigens spaetertaubt und ohne meine CIs ohne jegliches Restgehoer.

  14. tantemädel

    Das Buch von M.Fromme kenne ich nicht, dazu kann ich nichts sagen, ich wußte noch nicht mal das es eins gibt. Ich habe da etwas missverstanden und es ist jetzt für mich geklärt, danke!

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