„Um als taube Nuss zu bestehen, muss man es faustdick hinter den Ohren haben.“ — Interview mit Alexander Görsdorf

Zum Deutschen CI-Tag der DCIG heute am 24. Mai, für den ich als Botschafter unterwegs war, habe ich ein kleines Interview gegeben, das ich Euch nicht vorenthalten möchte:

Herr Görsdorf, wie kann man jemandem, der gut hört, verständlich machen, was Hörschädigung für ein Leben bedeutet?

Alexander Görsdorf: Es ist, als sprächen auf einmal alle nur noch Tadschikisch. Und Sie hatten gerade mal eine Woche Sprachkurs. Wenn Sie Ihre Freunde einladen, mit ihrer Chefin und ihren Kollegen kommunizieren, sogar mit Ihrem Partner: Überall reden alle nur noch Tadschikisch. Sie hören, aber Sie verstehen nicht. Sie müssen oft dreimal nachfragen, bis Sie verstehen. Missverständnisse häufen sich, manchmal ist das lustig, öfter peinlich. In Gruppen stehen Sie freundlich lächelnd dabei, sie prosten sich zu. Worüber sich aber ihre Freunde und Kollegen vor Ihrer Nase unterhalten, bekommen sie nur in Bruchstücken mit. Am Gespräch können Sie sich kaum beteiligen. Trotzdem wollen Sie natürlich leben, lieben und arbeiten.

Nehmen wir z. B. das Thema Arbeit. – Was bedeutet Schwerhörigkeit für den Beruf?

Alexander Görsdorf: Man muss ständig Mehrarbeit leisten. Denn es gibt kaum Berufe, in denen mündlicher Austausch und Telefonieren unwichtig ist, in sehr vielen ist beides Bestandteil der Arbeit. Und beides kostet Schwerhörige viel Kraft und Konzentration. E-Mails sind für Schwerhörige ein Segen, aber leider kann man manche Dinge einfach nicht per E-Mail einfädeln oder klären. Um besser zu verstehen, muss man also beispielsweise dafür sorgen, dass Besprechungen nicht in diesem einen Raum mit der miesen Akustik angesetzt werden. Man muss eigene Kollegen und Chefs dazu bringen, dass sie sich so setzen, dass man sie möglichst gut versteht. Das ist besonders lustig, wenn man hierarchiebewusste Leute dabei hat. Immer wieder neu. Wer nicht in die Situation kommen will, immer wieder unpassend nachfragen zu müssen, was gesagt wurde, der muss in Besprechungen aktiv sein und möglichst das Gespräch führen. Das Witzige ist: Wenn man all das macht, profitieren auf einmal alle davon. Meine Erfahrung ist: Ein selbstbewusster Schwerhöriger im Team ersetzt den Kommunikationsberater.

Sie sind der Botschafter des 9. Deutschen CI-Tages. Warum?

Alexander Görsdorf: Wissen Sie, heute sind schon ca. 14 Millionen Deutsche schwerhörig, in Zukunft werden es eher noch mehr sein. Dafür sorgen laute Musik und Kopfhörer, der Lärm der Städte, die alternde Gesellschaft. Aber trotzdem wird aus falscher Scham viel zuwenig über Schwerhörigkeit und Hörverlust gesprochen. Dabei gibt es keinen Grund sich zu verstecken. Ich habe seit 2009 Geschichten über das Leben mit Schwerhörigkeit ins Internet geschrieben, viele andere haben ihre eigenen Geschichten dazu erzählt. Das Blog „Not quite like Beethoven“ hat sich zu einem Gesprächssalon über alles, was in der Kommunikation schiefgehen kann, gemausert. Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, möchte ich weitergeben: Verstehen ist Glückssache; um nicht zu verstehen, muss man nicht schwerhörig sein. Um als taube Nuss im Alltag zu bestehen, muss man es faustdick hinter den Ohren haben. Hörgeräte und CIs helfen dabei, jedenfalls lautsprachlich orientierten Betroffenen, und das sind ja die meisten. Die Geräte sind aber hinter dem Ohr nur etwa einen Finger dick. Der Rest liegt dann bei jeder und jedem selbst. – Über all das sollten wir reden. Selbsthilfegruppen und -organisationen spielen dabei eine wichtige Rolle; auf ihre Erfahrungen und ihr Wissen können wir dabei nicht verzichten.

Was bedeutet Ihnen Ihr Cochlea-Implantat?

Alexander Görsdorf: Ich habe lange gezögert, ob ich mir ein CI implantieren lassen soll. Die Entscheidung für ein CI war eine der besten in meinem Leben. Der Entschluss fiel, als ich merkte, wie klein meine Welt geworden war. Ich lebte nicht das Leben, das ich leben wollte. Es musste was geschehen. Allerdings war das CI dabei nur ein kleiner Teil der Lösung, viel Wichtiger war: Mir über mich selbst, was ich will und brauche, klar zu werden. Das dann umzusetzen. Darum glaube ich auch heute: Es war richtig, so lange zu überlegen, mich so lange mit engen Freunden, CI-Trägern, Ärzten und Herstellerfirmen zu unterhalten, Fragen zu stellen. Und obwohl ich mit CI wieder viel direkter dran bin an der Konversation und damit auch an vielen anderen Menschen aus der lautsprachlichen Welt: Ich genieße es, all das auf Knopfdruck auch wieder ausschalten zu können. Das Leben in Ertaubung hat mich gelehrt: Man muss nicht alles hören. Und man muss auch nicht immer erreichbar sein. Mit etwas weniger Hören hat man mehr Zeit, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Was sollten diejenigen, die nicht hörgeschädigt sind, über Schwerhörigkeit wissen?

Alexander Görsdorf: Es ist nicht immer alles, wie es scheint. Wenn Gespräche mit Ihrer Chefin regelmäßig im Desaster enden oder sie über Ihre Ideen einfach hinweggeht, dann hört sie vielleicht bloß schlecht. Die Frau aus dem Sportkurs ist vielleicht gar nicht arrogant, sie hört ihr leises „Hallo“ nur nicht. Und der Typ, der Ihrer Freundin seit Minuten so auffällig an den Lippen hängt und sie immer wieder anlächelt, der flirtet vielleicht gar nicht mit ihr. Er ist bloß schwerhörig. Darauf kommen viele aber gar nicht, denn Schwerhörigkeit sieht man nicht.

Das Interview führte Martin Schaarschmidt.

10 Antworten zu “„Um als taube Nuss zu bestehen, muss man es faustdick hinter den Ohren haben.“ — Interview mit Alexander Görsdorf

  1. Was du im Interview sagst, kann ich unterstuetzen, obwohl ich nicht deine Erfahrungen als Volltauber, der das Nichthoerenkoennen nicht als Hoerverlust betrachtet und das Taubsein hochschaetzt..

    Problem hinter das Treiben der CI-Industrie ist, wie sie den Wert des Hoerenkoennens hoch schraubt. Die DCIG und HCIG haben genau das getan, wie die Slogans der Gesellschaften und der fuehrende Mitglied des DCIG Vorstandes Michael Schwanninger das getan haben. Zahlreiche erwachsene CI-Traeger arbeiten missionarisch fuer das CI, wie wiedergeborene Christen.

    Die CI-Industrie verneint vehement den Wert des Taubseins, das Leben in der Stille, und verniedlicht die daraus resultierende Kultur.
    .
    Der Wert des Hoerens muss in der Gesellschaft relativiert werden. „Du kannst hoeren, in Ordung. Ich kann nicht hoeren, auch in Ordnung!“. Das Nichthoerenkoennen ist auch ein Bestandteil des Menschseins (see Moses 2.Buch, Vers 10), und darf nicht als Defekt, Krankheit, oder nicht menschgemaesse Absonderheit betrachtet werden,

    Moechtest du, Alex Goersdorf, dich als Proselyte der CI-Industrie abgeben? Du solltest dich hueten, hinein in dem kommerziellen Trubel geschoben.zu werden.

    Hartmut

  2. Das Interview finde ich klasse, hier werden deine Erfahrungen aus dem Leben mit Schwerhörigkeit, und auch das Abwägen für/gegen ein CI, wunderbar auf den Punkt gebracht.
    Dieses: „Verstehen ist Glückssache; um nicht zu verstehen, muss man nicht schwerhörig sein.“ würde ich mir am liebsten als Poster ausdrucken und einrahmen.
    @Hartmut: Ich verstehe wohl, was du meinst. Leider wird in der PR der CI-ler überhaupt nicht oder kaum unterschieden zwischen von Geburt an gehörlos/tauben und schwerhörigen bzw. spätertaubten Menschen. Neulich las ich in einer HNO-Abteilung den Spruch: „Taubheit und Gehörlosigkeit verursachen keine Schmerzen und man stirbt auch nicht daran – aber die Betroffenen gehen seelisch zugrunde“. Ich unterstelle zwar, dass hier jemand versucht hat, Verständnis zu wecken. Aber dass das so undifferenziert erfolgt, bei Fachleuten, tja, da bin ich schon ratlos. Bin zum Glück noch nicht seelisch am Ende😀

  3. Hallo, lieber Alex, vielen Dank für Dein Interview und für Deine Botschafterfunktion für uns Ertaubte und Hörgeschädigte 2014.
    Selbstverständlich ist meine Begeisterung für Dein Blog ungebrochen – auch wenn ich weniger kommentiere –
    und Du hast es wieder auf dem Punkt gebracht:
    Das CI ist eine Riesenchance um ein anderes Hören wieder zu bekommen,
    man bedenke auch die enorme Errungenschaft in unserem Sozialsystem, dass bei einer medizinischen Indikation die Krankenkasse die Kosten voll übernimmt.
    Die eigentliche Hörperformance ist das was wir draus machen. Wie selbstbewusst wir uns das neue Hörenlernen aneigenen, wie viel Geduld wir aufbringen, welche Vision wir für uns selbst hzaben und wie wir unsere Umgebung damit aufklären können und trotzdem dabei Spass haben können – auch wenn Schwerhörigkeit selbstverständlich einen Leidensweg darstellt und oft missverständlich in der Gesellschaft verstanden wird.
    Drum meine Empehlung: Jeden Tag sich das Hörenlernen neu definieren, wie ich was höre und bei der nächsten CI-Einstellung mitteilen und verbessern versuchen, und auch wie ich ab und zu das CI ausschalte, damit ich wieder Energie für den neuen Tag auf der Arbeit habe. Lebensqualität ist eben auch ständige Arbeit. Es ist die Ballance, die es macht.
    Das Schöne daran:
    Gestalte ich es selbstbewusst, komme ich immer wieder in ganz kleinen Schritten weiter. Ich finde es ist immer wieder eine tolle Chance: das CI, das einem Hören und Sprachverstehen in seinem möglichen Rahmenbedingungen möglich macht, obwohl ich kaputte Ohren habe!
    Diese Chance gibt es nicht für das Schmecken oder Riechen und Sehen.
    In diesem Sinne geben wir dem CI und seinem CI-Träger die Chance und Mut.
    Lieben Gruß an Dich und die anderen, die mich kennen 🙂 Carole

  4. Kommt mir doch sehr bekannt vor das Interview, hab viele Sätze aus der „Tauben Nuß“ erkannt…..Hätte auch gern den Film vom Interview beim Talk br.de mit UT gehabt oder hab ich es boß nicht gefunden?
    Bin ja noch ziemlich neu(Anfänger) hier im Blog u. es würde mich mal interessieren,
    bzw. ich vermute, dass nur relativ junge Leute (so wie der Alexander z.B)hier kommentieren….Ein paar CI-ler aus meiner Stadt treffen sich ab und zu und die meisten sind älter, hadern mit dem PC u. dass gestern „CI-Tag“ war, wußten wir gar nicht….@Hartmut: hast Recht mit „Vorsicht vor Kommerz“ Gerade bei älteren Leutchen, die sich für CI entschieden haben
    herrscht manchmal schiere Verzweiflung über Einstellung, Fernbedienung,
    Zubehör, Telefoniererei, ….. aber Dein Buch lieber Alexander liest auch kaum einer obwohl ich ihnen bei unserenTreffen immer damit vor der Nase rumwedle….

  5. Wenn man organisiert ist im dcig, hcig oder in Selbsthilfegruppen, weiß man wichtige Termine wie den 9. CI-Tag. Ich habe einen Vortrag gehalten im NRW- CI- Verband ueber Wege aus der Stille. Unsere aelteren Mitglieder, die keinen Netzzugang haben, bekommen die Infos ueber Post oder Fax. Gerade die Aelteren engagieren sich am Meisten. Klar ist die Kritik bzgl der Feinmotorischen Ansprüche berechtigt, dazu haben sich auch längst engagierte Senioren zu Wort gemeldet, – das waren immer gut informierte und vernetzte.
    Aber nur jammern gilt nicht, man muss auch aktiv werden.

  6. Genau das wollte ich eigentlich auch sagen, schade, dass es als jammern aufgefasst wurde…..sonst wäre ich ja kein engagierter Blog-Fan….( z.B.:die Internet-Seite vom CI-Verband NRW finde ich prima…).

  7. Freut mich, dass Euch das Interview gefällt!

    Hartmut, Proselyt? Nein. Definitiv nicht. Ich denke übrigens, es wäre schon viel gewonnen, wenn man wo angemessen von „Ertaubung“ sprechen würde, statt nur von Taubheit. Kommt jedenfalls auf meinen Merkzettel.

    Tine, beim BR das war ein reines Radiogespräch, gibt kein Video dazu. (Und leider auch kein Transkript.)

  8. Ich denke, dass eine Entscheidung für ein CI für jeden aus anderen Gründen erfolgt. Jeder hat seine eigene Hörbiographie. Aber um mit „Werbung“ umzugehen, ist nicht nur auf CI´s beschränkt (siehe Abnehmpillen und Diäten). Ich habe Gehörlose kennengelernt, die ein CI unbedingt ablehnten, das war für mich o.k., solange wir (ich bin nur ganz mangelhaft gebärdensprachkompetent) trotzdem miteinander kommunizieren konnten. Und wenn ich ins Ausland reise, ist es egal ob ich die Sprache nicht verstehe, weil ich sie nicht spreche oder weil ich sie nicht richtig höre😉. Spricht man Tadschikisch in Tadschikistan? Gibt es das wirklich😉

  9. @Tine
    Ich habe das Jammern nicht auf dich bezogen! Sondern auf Menschen, die im stillen Kaemmerlein sitzen bleiben und nicht aktiv werden wollen.

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