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Jetzt mal im Ernst: Hören Lernen mit dem Cochlea Implantat

Die Kluntjes-Mission war ja nur Liebhaberei. Als Hörtraining ist es relativ sinnlos, auf leise knisternden Kandis zu lauschen. Denn es gibt nur zu hören, aber nichts zu verstehen. Und wenn man’s von Frequenz oder Lautstärke her nicht hört, muss man das elektrische Ohr eben anders einstellen lassen. Wie aber trainiere ich Hören, wie übe ich? Pia wollte gerne mehr wissen.  Also habe ich das mal aufgeschrieben… Weiterlesen

Die Kluntjes Mission — accomplished!

War es Angst, die mich so lange daran hinderte die damals fehlgeschlagene Kluntjes-Mission wieder aufzunehmen? Immerhin, ich war ja schon ein zweites Mal gescheitert. Oder ist es doch nur Trägheit, die Bequemlichkeit der Zivilisation?

Egal, heute jedenfalls habe ich mir ein Herz genommen und mich wieder aufgemacht. In die Grenzbereiche. Bei anderen mag das wilde Parties, schöne Frauen und Exzesse beinhalten, mir reicht dafür ein Zuckerstück oder zwei. Und das ist nicht metaphorisch gemeint…

Die Mission war die gleiche wie vorher: Hören was noch kein Mensch ich noch nie gehört hatte. Neben dem unverzichtbaren heißen Tee und Kandis diesmal neu dabei: Mein elektrisches Ohr.

Und diesmal war es da! Ein knisterndes Knacken, fast ein Brizzeln — und die der das? Kluntjes sank zerborsten auf den Grund der Tasse.

Zufrieden nahm ich einen Schluck Tee. Die nächste Mission kann kommen…

Sie haben gewonnen!

„Hallo, spreche ich mit […]? Ich habe eine tolle Nachricht. Sie haben bei einem Gewinnspiel teilgenommen und-“

KRACK landet der Hörer wieder auf der Gabel. Dann schleicht sich ein Lächeln in mein Gesicht: Versteh-Premiere!

🙂 😀 🙂

Im Nachhinein denke ich: Verdammt, hätte nicht so schnell auflegen sollen! Mit denen hätte ich kostenlos Telefonieren üben können. Ob sie es wohl nochmal probieren? Bin doch bestimmt eh der Einzige, der sich drüber freut.
Na, vielleicht ruft ja mein Mobiltelefon-Anbieter bald mal wieder an und will mir einen neuen Tarif andrehen. Oder eine Zeitung mit nem Abo…

Das CI und der Spinal-Tap-Faktor: Musik eins lauter!

Laut macht Laune, das ist ja nichts Neues. Um das zu wissen muss man kein Stammgast im Berghain sein und auch kein Fan von Manowar — die seit über 25 Jahren den Titel lauteste Band der Welt beanspruchen. Ab einer gewissen Lautstärke hört man die Musik nicht nur. Sie drängt sich dem Körper auf, nimmt ihn gefangen und rockt ihn. Adrenalin!

Wie ich gerade feststellen durfte, passieren bei mir schon weit unterhalb dieser Schwelle seltsame Dinge. Denn ich habe nun zwei Ohren, die grundverschieden sind: Links das elektrische Ohr, eingeschaltet von der Empfindlichkeit her annähernd normal aber eben elektrisch, flüsternd und quartzig. Rechts, das Ohr mit dem ich geboren wurde, ohne Hörgerät in etwa so schwerhörig wie 1960er-Jahre-Kunst.

Höre ich nun Musik, heißt das für mein dazwischensitzendes Gehirn: Bei Bestückung links CI und rechts BioloGI wird erstmal nur elektrisch bedient. Das klingt nicht wirklich schlecht, aber ich merke, dass das CI auf Sprache spezialisiert ist. Höre ich Musik, nehme ich vor allem Gesang wahr. Dazu Rhythmus und dann- weitere mittlere und hohe Klänge. Das ist okay, aber meist nicht wirklich mitreißend. Ein bißchen wie ein Laptoplautsprecher.

Doch ab einer gewissen Lautstärke greift der Spinal-Tap-Faktor. Eins lauter — und es ist eine andere Welt! Das ist komisch weil ihr wißt ja alle wie es ist, die Musik lauter zu drehen. Es wird halt langsam lauter und dabei irgendwie mitreißender. Aber die Musik ändert sich nicht plötzlich radikal. Genau das passiert bei mir! Auf einmal wird BioloGI zugeschaltet, Basswahrnehmung und ein bißchen aus dem unteren Mittenbereich. Es ist als drehte ich zusätzlich noch an einem anderen Regler als Lautstärke. Einem, auf dem etwa „Fülle“ und „Begeisterung“ steht. In den klassischen Worten:

„You see, most blokes, you know, will be playing at ten. You’re on ten here, all the way up, you’re on ten on your guitar. Where can you go from there? Where?“

„I don’t know.“

„Nowhere. Exactly. What we do is, if we need that extra push over the cliff, you know what we do?“

Na, eins lauter natürlich. Auf elf! Nur dass ich mit CI für den extra push nicht mal einen dieser mythischen Verstärker brauche. Der biologische Nachbrenner wird schon früher zugeschaltet.

Antenne Beethoven: Sich unter Blicken wohl fühlen

Manche Leute brauchen dazu gar kein Hörgerät, sie gewöhnen sich nie daran, dass Blicke anderer Leute auf ihnen ruhen. Ich hatte damit eigentlich nie ein Problem, obwohl ich ein dickes Hörgerät trug, seit ich in die Schule kam. Auch wenn ich es nie geliebt habe und nie fand, dass es gut aussieht, kann ich sagen: Ich habe mich nie geschämt. Meine Hörgeräte gehörten einfach zu mir.

Doch jetzt mit elektrischem Ohr kann ich zum ersten Mal nachvollziehen, warum sich Leute kein Hörgerät anschaffen wollen. Oder es ihnen so peinlich ist, dass sie es zuweilen abnehmen, nur damit damit man es nicht sieht. (Wie sieht das eigentlich aus, so ein Cochlea Implantat? Bei funny old life gibt es hier ein paar gute CI-Bilder.)

Eigentlich lächerlich, stimmts? Aber ich merke deutlich, dass es mich nervös macht, wenn ich in der U-Bahn stehe oder an der Kasse — und jemand mustert meine linke Kopfseite. Ich merke, dass ich die Mützensaison genieße.

Ich weiß auch, dass es egal ist. Viele wundern sich eh nur, wie das mit dem Kopfhörer eigentlich funktioniert, wenn er doch nicht einmal ins Ohr geht. Wie der da überhaupt hält! Und ich spüre, dass diese Phase vorbeigehen wird. Dass es sogar ein interessanter Aufhänger sein kann um Leute kennenzulernen. Aber im Moment ist es mir peinlich, dazu zu stehen, was an mir dran ist. Es sieht einfach nicht cool aus. Ich habe Lust, einen Witz daraus zu machen, die Leute zu verarschen. Wenn ich merke, dass sie gucken, auffällig zur nichtvorhandenen Musik mitzurocken.

Am liebsten aber hätte ich eine kleine Antenne, die ich auf Knopfdruck ausfahren kann, wenn ich merke, dass jemand guckt. Ha!

Das Furzfrühwarngerät

Der Streit um das elektrische Ohr kann beigelegt werden — die zivilisatorische Wirkung des Cochlea Implantats ist erwiesen: Rechtzeitige Entfernung aus dem Gefahrenbereich ist wieder möglich.

Flüstern ist halt was anderes als leise gedrehte Radiostimmen

„Sie wollen Beschreibungen der Sachen dieses Mädchens, nicht wahr?“ Ich bemerkte das Gezwungene und Förmliche an meinem Ton. „Ich verstehe nicht, was eine solche Tonbandaufzeichnung mit ihrem Projekt insgesamt zu tun hat und warum die Frau auf der Kassette flüstert.“

„Das Flüstern ist ganz wesentlich, weil die normale menschliche Stimme zu individuell ist, zu sehr von ihrer eigenen Geschichte geprägt. Ich bin auf Anonymität aus, damit die Reinheit des Gegenstandes ungehindert herauskommt, damit er sich in seiner Nacktheit entfalten kann. Geflüster hat keinen Charakter.“

Das Projekt wirkte ausgefallen bis zur Verrücktheit, aber es zog mich an.

Siri Hustvedt, Die unsichtbare Frau (original 1992: The Blindfold)

Siri Hustvedt schreibt unglaublich tolle erste Drittel von Büchern. Wirklich, ich habe selten so gebannt gelesen wie als ich Was ich liebte begann. Gerade wollen mir das erste Drittel der unsichtbaren Frau und die Stelle oben nicht aus dem Sinn — wenn ich versuche zu beschreiben, wie das Hören mit meinem neuen elektrischen Ohr jetzt klingt:

Ich verstehe immer mehr und wenn ich Sichtkontakt habe auch mal alles. Stimmen klingen zuweilen immer noch ein wenig quartzig in den Ecken. So als würden irgendwo in den Mundwinkeln zwei Amethyste aneinander reiben. Vor allem aber klingt es als flüsterten die Leute mir zu — obwohl es nicht so leise ist wie Flüstern. Aber die persönliche Färbung der Stimmen fehlt. Flüstern ist halt was anderes als die leise gedrehten Radiostimmen, die so viele Leute so angenehm beruhigend finden.

Warum das so ist, kann ich mir gut vorstellen: Denn alles was ich höre ist tatsächlich „leiser“ als die brachiale Lautstärke, die das Hörgerät liefern mußte, damit alles halbwegs in den Bereich der Sprachbanane kam. An die „leisen“ Reize des Cochlea Implantats müssen sich Nerven und Gehirn erst gewöhnen. Langsam werden die Stimmen wieder voller klingen. Im Augenblick aber — eher ein flaches Flüstern.

„Sag mal, wie habe ich mich eigentlicht nur mit CI angehört?“, frug kürzlich Freundin N. Und weil ich so eine ehrliche Haut bin, antwortete ich: „Ein wenig charakterlos.“

Den Klauen der Akustik entkommen

Nicht immer nur das Sofa plattsitzen. Mit Freundinnen oder Freundinnen einfach losziehen. Dahin gehen wo’s nett oder was los ist, das Essen gut, die Drinks gekühlt — oder wo es einfach interessant aussieht, um’s auszuprobieren. Eine Selbstverständlichkeit, oder?

Nein. Nicht als stark Schwerhöriger. Sofern auch geredet werden soll, geht es immer um die Akustik und die ist eine strenge Herrin. Zu voll? Geht nicht. Musik im Hintergrund? Gestorben. Hohe Decken, blanke Wände, Steinfußboden? Vergiß es. Das einzige Etablissement am Platze in dem sich kein Schwein aufhält, aus gutem Grund vielleicht? Das wäre was für uns!

Es ist wirklich ein Krampf. Wie man unter diesen Bedingungen wenigstens einigermaßen bei Geschäftsessen akustisch überlebt, habe ich hier beschrieben.

Jetzt aber tut sich was. Gestern war ich mit Freundin N. aus — und sie sagte hinterher: „Hat mich ein bißchen gewundert, dass Du dieses Restaurant gewählt hast. Die Musik war schon etwas nervig.“ Und wißt Ihr was? Ich hatte einfach eins vorgeschlagen, ganz ohne groß drüber nachzudenken wie die Akustik war. Mit CI und Hörgerät war es: Ziemlich anstrengend.

Das muss man aber andersrum lesen: Es war möglich. Es war möglich! Gut, es war recht leer, also nicht gar zu schwierig. Aber ich werde das jetzt öfter machen: frei wählen.

Hörtraining: The Unknown Stuntman

Wieder mal Üben mit einem Song, in dem ich mich wiederfinden kann. Nicht nur als Kind vor dem Fernseher, sondern vollkommen überraschend auch mit gewissen erwähnten Personen. Und mit meinen eigenen kleinen Zwischeneinlagen als Stuntman: Verfolgen, hauen und treten, mehr noch verprügelt werden, springen, stürzen und in Abgründe fallen. Nur ein Auto haben sie mir leider nie gegeben. Und ich wollte immer mal mit dem Baseballschläger vom Barhocker geprügelt werden. Naja, kann ja noch werden…

Well I’m not the kind to kiss and tell but I’ve been seen with Farah.
I’ve never been with anything less than a nine, so fine.
I’ve been on fire with Sally Fields, gone fast with a girl named Bo,
but somehow they just don’t end up as mine.
It’s a death-defying life I lead, I take my chances.
I die for a livin‘ in the movies and T.V.
but the hardest thing I ever do is watch my leadin‘ ladies
kiss some other guy while I’m bandagin‘ my knees.

I might fall from a tall building
I might roll a brand-new car
‚cause I’m the unknown stuntman
that made Redford such a star.

I’ve never spent much time in school but I taught ladies plenty.
It’s true I hire my body out for pay (hey, hey).
I’ve gotten burned over Cheryl Tiegs, blown up for Raquel Welch,
but when I end up in the hay it’s only hay (hey, hey).

I might jump an open drawbridge
or Tarzan from a vine
‚cause I’m the unknown stuntman
that makes Eastwood looks so fine.

They’ll never make me president but I’ve got the best first ladies.
Some days I’ve got’em as far as the eye can see.
A morning dive with Jackie Smith, I crash in the night with Cheryl
but in the end they never stay with me.

I might fall from a tall building
so Burt Reynolds don’t get hurt
I might leap a mighty canyon
so he can kiss and flirt.

While that smooth talker’s kissin‘ my girl I’m just kissin‘ dirt
yes I’m the lonely stuntman that made a lover out of Burt.

written by Glen A. Larson, Gail Jensen, and David Sommerville; performed by Lee Majors.

Der Anti-Kosmetiksalon

Im Kosmetiksalon dreht man am Körper herum, um für die Welt schön zu sein. Im Anti-Kosmetiksalon tut man’s, damit die  Welt für einen selbst schöner wird.

Ich habe da regelmäßige Termine. Und lasse an meinem elektrischen Ohr herumdrehen.

Nach der letzten Einstellung klingt nun alles viel voller, runder. Normaler. Und ich ertappe mich dabei, wie ich die alte Welt vermisse: dieses Mystische (so wie hier ab 1:15 und 2:05), Klingelnde, Bizarre der ersten Wochen mit CI.

Note to self: Schöner kann auch langweiliger sein! Muss auch mal gesagt und festgehalten werden. Weil ja alle immer nur über die erste Zeit mit CI jammern.

Strom ins Ohr: Vom nicht ganz wie früher Hören mit dem Cochlea Implantat

Er konnte wohl einfach nicht widerstehen. Es ist jetzt 200 Jahre her, dass Alessandro Graf von Volta, die gerade von ihm erfundene elektrische Batterie ansah und sich die beiden Elektroden in die Ohren steckte. Er bekam einen Schlag — und nachdem er wieder zu sich kam berichtete er, ein Knallen und etwas wie „das Köcheln dickflüssiger Suppe“ gehört zu haben (siehe z.B. hier und hier). Volta selbst versuchte das nicht mehr allzu oft. Doch andere kamen immer mal wieder auf die Idee, sich und anderen Strom in die Ohren zu leiten — und so entstand schließlich das Cochlea Implantat (CI). Ich habe so ein elektrisches Ohr.

Über die immer noch etwas seltsamen Höreindrücke hab ich ja gerade berichtet. Aber wie fühlt sich das eigentlich an, der Strom im Ohr?

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Zwischenstand: Wie klingt’s denn so inzwischen?

Kristallen. Nach fast einem Monat elektrischen Hörens klingt es: kristallen. Damit meine ich nicht, wie man vielleicht denken könnte, kristallklar, sondern hart. Sehr konturiert. Aber auch spröde, so als ob die Klänge gleich bersten könnten. Kann irgendjemand von Euch sich was unter dieser Beschreibung vorstellen?

Dieser Klang ist übrigens ganz und gar nicht unangenehm. Hat vielleicht was mit meiner Vorgeschichte aquarelligen Impressionismus zu tun.

Nur leider ist der Klang auch unvollständig, ich höre manches nicht. Manche Frequenzen und auch manche kompletten Klänge. Und manche Frequenzen höre ich zwar, aber sie sind dermaßen verschoben, dass ich sie kaum erkenne. Stellt Euch ein Foto vor, in dem alle — sagen wir — bläulichen Töne in Feuerwehrrot übersprüht sind. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, lenken vom Rest ab und fransen aus. Jetzt stellt Euch die Leistung vor, die das Gehirn vollbringen muss, das wieder in Ordnung zu bringen! Ich merke jeden Tag wie es das mehr und mehr tut.

Hörtraining

Billy Idol: White Wedding — Auch vom Text her irgendwie passend…

Mein Sohn ist taub, endlich!

Sollen Eltern ihren kleinen Kindern Cochlea Implantate einsetzen lassen, wenn sie taub geboren sind? Elektrisches Hören als Ersatz für akustisches ohne dass man das selber entschieden hat? Ein Reizthema. Beim Lesen der Diskussionen in Spiegel-Forum und der Kommentare hier ist mir dieses Video wieder eingefallen, das vor einiger Zeit in der amerikanischen Deaf-Community die Runde gemacht hat und dort kontrovers diskutiert wurde. Ich poste es um mal eine Perspektive aus der Gehörlosenwelt zu zeigen.

Man sieht dort auch gut ASL, die US-Gebärdensprache. Leider gibt es das Video nur mit englischen Untertiteln, ich hoffe Ihr könnt folgen. Es ist etwas länger, aber wenn Ihr es guckt, bitte unbedingt bis zum Schluss gucken!

Das elektrische Ohr: Die umstrittenste bionische Prothese von allen?

Spiegel Online bringt ein Stück über künstliche Körperteile (scheint down zu sein, andere URL siehe Kommentare), darunter am Ende auch zwei (!) Absätze über Cochlea Implantate (CI). Und im Spiegel-Forum, wo man über den Beitrag diskutieren kann, ist das CI schon nach weniger als vier Stunden das worüber am meisten diskutiert wird.

Schaut’s Euch mal an, vielleicht mögt Ihr Euch ja auch zu Wort melden!

Der Zisch- und Keuchexperte

Das, liebe Leser, bin ich.  Andere verstehe ich zwar immer noch nur selten, doch zumindest an meiner eigenen Rede differenziere ich gerade feinste Unterschiede in Zisch-, Schnalz- und Keuchlauten sowie — das musste ich nachgucken — Frikativen. Und verbinde die mit Zungen- und Lippenstellungen. Natürlich nur wenn ich alleine bin.

Aber ich muss zugeben: Ich glaube, ich rede besser. Ertaubung hört man halt sofort. Sehr drastisch etwa bei dem Radiomoderator Rush Limbaugh, der seine Show ein paar Wochen taub führte, bevor er ein CI bekam.

Das erste Malheur — von vielen

In die Post geeilt. Junge Frau mit Kinderwagen erblickt, sofort Tür aufgehalten und beim an die Seite drücken damit sie vorbei kann mit dem Kopf Postkartenständer gestreift. Und schon lag’s auf dem Boden. Mittig in der Dreckspfütze.

Sitzt das Ding da aber auch so staksig auf’m Ohr! Wie soll man denn bei so wenig Haftung die Haltung bewahren?

Wie hören Menschen mit Cochlea Implantat?

Wie hört man mit einem elektrischen Ohr, mit so einem CI? Ich habe mal ein paar Hörbeispiele gesucht.

Das ist aber eine schwere Frage, denn selbst unter den einzelnen Nutzern sind die Unterschiede groß. Und je nachdem wie lange man schon eins hat. Ich finde — nach ein paar Wochen mit CI — vor allem fühlt es sich anders an als normales, akustisches Hören. Aber dazu ein andernmal. [Nachtrag: Ab jetzt hier zu finden.]

Die folgenden Beispiele sind also nicht wie ein CI-Träger hört. Es sind Versuche der Annäherung. Ich würde vermuten, wenn man jemandem, der nicht hört, normales Hören simulieren würde, es würde ähnlich bizarr aussehen. Die Beispiele vermitteln einen Eindruck, wie seltsam diese Klänge zunächst sind. (Leider habe ich keine deutschen Beispiele gefunden, sie sind alle auf Englisch.)

Hier gibt es Beispiele für Sprache und Musik — in denen die 32- und 16-Kanal-Simulationen, also die direkt nach bzw. vor dem Original meinem Hören mit CI am nächsten kommen. (Klicken auf „Decrease Channels“ spielt zuerst das Original und dann die CI-Simulationen, klicken auf „Increase Channels“ zuletzt das Original. Klick auf „Music 1“ und „Music 2“ spielt beide Male das Original zuletzt.)

Man darf sich allerdings nicht vorstellen, dass sich Hören mit CI dauerhaft so anhört. Die Hörempfindung ändert sich, man gewöhnt sich daran und lernt „lesen“, was einem das Ohr da mitteilt. Die meisten langjährigen CI-Träger sagen, dass sich Sprache später kaum noch anders anhört als „normal“. Manche sogar, dass sie keinen Unterschied mehr wahrnehmen.

In diesem äußerst interessanten Radiobeitrag sind Musikbeispiele enthalten. Da der komplette Beitrag, wie in den USA üblich, transkribiert ist, kann man mitlesen — für mich war das gleich eine Hörübung.

Und um einen Eindruck zu kriegen, wie eigenartig die Welt mit CI in den ersten Wochen ist — mog hat ein wunderbares Beispiel gefunden, aus einer alten britischen Kindersendung. Die „Clangers“ leben auf dem Mond — und das, was ich die ersten paar Wochen mit dem CI gehört hab, kommt ihren Unterhaltungen recht nah. Nicht so sehr im Klang selbst, bei mir war es zB auch nie so hoch. Aber von der Atmosphäre her.  Hört mal ab 1:15 und 2:05 hin!

Und schließlich gibt es hier und hier noch ein paar gute Hörbeispiele!

Erfreuliches, zu Eis erstarrt

Es war §?#grr!!*-kalt auf diesem Bahnsteig gestern. Aber ich stand da so, versuchte mich mit dem ganzen Körper an meinen Kaffee zu kuscheln — und auf einmal merkte ich, dass ich die Lautsprecherdurchsagen fast komplett verstand! Hörgerät + CI. Das wollte ich nur mal kurz durchgeben!

Da war zwar nichts Gutes zu hören, nur Verspätungen und Zugausfälle, also noch mehr Kälte. Und ich stand direkt unter einem gut funktionierenden Lautsprecher, was ja nicht selbstverständlich ist. Aber vielleicht komme ich ja dann bald mal in den Genuß, dass sie mir sagen, mein Zug komme auf einem anderen Bahnsteig — und ich bin mal nicht der letzte, der es erfährt, gern auch erst nachdem der Zug schon weg ist…

Schöne Töne #12 — Der elektrische Anfänger

Um mich rum der Klang — in meinem Kopf, nun ja. Ich weiß, was ich hören müsste. Denn als ich, glaube ich, 14 war habe ich diese beiden Stücke rauf und runter gehört. Ich kann sie immer noch fast auswendig, vom Text und von der Musik her, Sprache und Töne. Damals hab ich nur mittelgradig schwer gehört.

Jetzt hab ich sie wieder rausgekramt, weil man das elektrische Hören mit CI ja vollkommen neu lernen muss. Und mit Stücken üben soll, die man sehr gut kennt. Das Gehirn davon überzeugen, dass es das was ankommt fortan anstelle des Alten akzeptieren möge. Das Neue in die alten Schubladen einsortieren, aber gleichzeitig auch die Schubladen ändern.

Ich mag sie immer noch. Aber mal ehrlich: Ohne die Untertitel würde ich den Text nicht verstehen. Und wüßte in all dem Krach, Gepfeife und Gepiepe nicht einmal, wo ich gerade bin. Zum gut Hören ist’s noch ein weiter Weg …

Queen: Under Pressure

Queen: Killer Queen

Die Teilzeitbehinderung, oder: Es ist doch gar nicht so schlimm

Schmerz, Schmerz, Schmerz ist das einzige, was wirklich vorantreibt wenn die Sache nicht durch schiere Lust geschieht. Das dachte ich mir, in diesen letzten Tagen. In denen man ja öfters mal ein bißchen nach vorn und nach zurück denkt. Bei mir hieß das: An die Zeit kurz vor der großen Operation. Nachdem ich mich dazu entschieden hatte, einen Computer ins Innenohr einsetzen zu lassen — und bevor der point of no return durchschritten war. Als ich wieder begann zu zweifeln… Wie das war, das will ich Euch heute gern erzählen.

Es ist doch gar nicht so schlimm, dachte ich mir da. Es geht doch auch so mit der Schwerhörigkeit. Muss das wirklich sein? Erst ein paar Tage vorher hatte mich ein Abend höchster Anspannung und Peinlichkeit, verpaßter Chancen und vermurkster Selbstdarstellung wieder soweit getrieben, dass ich mir sicher war, das Richtige zu tun. Doch schon ein paar Tage später — schien alles wieder weg.

Ich schaute Gossip Girl und bildete mir ein, mehr zu verstehen als sonst. Ich saß in der Bahn und verstand, was eine Dame mit Sommersprossen im Ausschnitt vor mir in ihr Telefon sprach. Ich traf mich mit Freunden in einem Restaurant und es ging irgendwie. Die schlimmen Erfahrungen mit Nichthören und Nichtverstehen schienen so fern, meine Gründe für ein CI so abstrakt. Wirklich greifbar war mir nur die Abneigung, mir ein Gerät in den Kopf einpflanzen zu lassen.

Je näher der Termin rückte um so unruhiger wurde ich. Und umso rhythmischer meine Gedanken. Es ist doch gar nicht so schlimm. Es ist doch gar nicht so schlimm. Es ist doch gar nicht so schlimm. Es ist doch gar nicht so schlimm… Am liebsten hätte ich alles abgeblasen.

Es ist ja auch kein Wunder, dass ich dachte, es sei nicht so schlimm. Schlecht hören ist eine Teilzeitbehinderung. Wenn ich alleine bin, schreibe oder Körperliches wichtig wird, dann bin ich nicht behindert. Die schlimmen Momente verstecke ich die meiste Zeit über ja auch vor mir selber. Wie häufig habe ich etwa jemandem erklärt, wie schmerzvoll es sein kann, hochgradig schwerhörig zu sein. Und dann, wenn mein Gegenüber nichts zu antworten wußte und das Gespräch verstummte, einen Scherz angeschlossen, ein Lächeln oder eine Handbewegung, die zu verstehen gab, es sei alles nicht so schlimm. Und damit den anderen — aber auch mich selbst — vom Haken gelassen.

Die Operation, die mich zum Cyborg machte, war weder lebensnotwendig noch ein Ticket ins Glück. Alles grau in grau, statt klares schwarz oder weiß. Kein dauernder, unmittelbarer Schmerz. Das machte es so schwer, diese Entscheidung zu treffen und durchzuhalten. Anstatt einfach weiterzumachen wie bisher.