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Der Sicherheitsfallschirm

Verwachsen sind wir noch. Aber sonst? Schwer zu sagen, wann genau die Distanz zwischen mich und meine Ohren kam. Jedenfalls bedeutet Schwerhörigsein auch, sich nicht mehr aufs Hören einzulassen. Bedeutet Abkehr vom Hören und darauf reagieren, weil man sich nicht mehr darauf verlassen kann. Und es auf die harte Tour gelernt hat:

Mehr als dreimal macht man keine vorwitzige Bemerkung, nur um dann festzustellen, dass das Thema im Gespräch schon seit Minuten ein völlig anderes ist. Oder genau das Gleiche eben schon gesagt wurde. Mehr als dreimal fährt man andere Leute nicht an, nur um dann  zu merken, dass sie doch was differenzierteres gesagt haben, als man dachte. Lachen oder auch nur mitfühlend gucken zur falschen Zeit, dito. Klar, jedem passiert das mal. Ich mache das seit Jahrzehnten. Ständig.

Also traue dem was ich höre nicht mehr. Ich liefere mich meinen Höreindrücken nicht mehr vollkommen aus. Ich freue mich nicht mehr spontan über sie oder rege mich auf. Ich nehme sie entgegen und gebe sie erstmal zur Prüfung weiter. Nur umhegt mit vielen anderen Eindrücken und Wahrnehmungen deute ich sie. Ich wahre immer die Distanz zu dem, was ich höre. Oder zu hören glaube. Denn zu mehr reicht es nicht. Bin ich einmal unter Menschen, ist diese Kontrolle mein Sicherheitsfallschirm. Im Tausch gegen etwas Spontaneität und gefühlsgesteuertes Handeln.

Tja. Was für ein linker Deal! Naja, in der Not frißt der Teufel fliegen.

Irgendwo habe ich mal gehört, dass der Hörsinn im Gehirn normalerweise etwas über ein Drittel Gehirnkapazität bekommt. Ich vermute, bei mir ist es wesentlich weniger.