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Mono ist doof, oder: Vom Richtungshören auf Zehenspitzen

Am Besten, das habe ich festgestellt, geht es auf den Zehenspitzen. Hunderttausende von Tänzern und Tänzerinnen können nicht irren. Ich höre die Sirene — und drehe schnell die Pirouette. So jedenfalls könnte man sich das vorstellen, Richtungshören mit nur einem Ohr.

Ich war nur kurz einseitig taub. Zwischen der Operation, die mich zum Cyborg machte und dem Zeitpunkt als mein mein elektrisches Ohr zu arbeiten begann. Und auch während ich gezielt mit dem elektrischen Ohr Hören übte (und dabei das andere Ohr verstopfte um mich besser auf das elektrische zu konzentrieren). Aber schon in der kurzen Zeit hat mich sehr beeindruckt wie krass das ist. Seither weiß ich, dass einseitige Taubheit auch dann kein Honigschlecken ist, wenn man mit dem anderen Ohr noch gut hört.

Ein taubes Mädchen mit nur einem elektrischen Ohr bringt es so auf den Punkt:

„Emma, woher kommt dieses Geräusch?“

„Was meinst Du mit, woher? Geräusche, die ich höre sind entweder in meinem Kopf oder sehr dicht an meinem Ohr.“

Ich habe es sehr ähnlich empfunden. Allerdings bilde ich mir ein, ich merkte oft eher deutlich, ob die Quelle auf der gleichen Seite ist wie das Ohr. Oder eben nicht — denn dann klingt es wattig, so als hätte ich eine große Menge Holzwolle zwischen Ohr und Geräusch geschoben. Moment, Holzwolle?! Ähm, naja, okay. Also jedenfalls: Was dazwischen.

Ich frage mich darum, ob einseitig taube Leute in den Richtungshör-Tests nur darum so schlecht abschneiden weil sie sich nicht bewegen dürfen. Gut, die meisten Reize, bei denen es darauf ankommt zu hören woher sie kommen, sind ja so kurz, dass es keinen Sinn hat, das zu tun. Wie ein Zuruf auf der Straße. Ist das Geräusch aber länger, so könnte ich mir durchaus verstellen, dass es funktioniert: Eine schnelle Pirouette und der Sound ist lokalisiert. Und die — soviel weiß ich — geht eben am besten auf Zehenspitzen.