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Wieso sind Hörbehinderten-Themen und Gebärdensprache gesellschaftlich relevant?

Dass an den meisten deutschen Gehörlosenschulen keine Gebärdensprache unterrichtet wird, ist eines der wichtigsten Themen, über die in deutschen Medien mehr berichtet werden sollte. Sagt jedenfalls die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA). In den Top 10 der INA findet sich das Thema neben jenen, dass Pflegebedürftige — die wir fast alle mal werden — in Krankenhäusern allein gelassen werden, Sondermüll beim Bauen und Sanieren — der Häuser in denen wir alle wohnen — verwendet wird und Gene — die wir prinzipiell alle haben — patentiert werden können (vgl. hier).

Doch inwiefern sind eigentlich Gebärdensprache und Hörbehinderten-Themen für die allgemeine Öffentlichkeit relevant? Ich als thematisch interessierter Blog-Autor habe natürlich sofort aufgemerkt und schon vorgestern darüber geschrieben. Für die betroffenen Kinder und Eltern ist es ohne Zweifel ein wahnsinnig wichtiges Thema — doch für sie muss eigentlich nicht darüber berichtet werden: Sie wissen es eh besser als ihnen lieb ist. Was also sollte es, wie Frau Frogg so schön sagte, „Frau Meyer an der Hertensteinstrasse“ interessieren?

Die INA-Jury begründet die allgemeine Relevanz mit drei Punkten: einer hohen Anzahl von Betroffenen, der Charakterisierung als moralisch aufgeladener Konflikt  und dem Hinweis, man habe ein Schlüsselthema vor sich, das auch andere Mißtstände bewirke. Ich habe mir dazu mal ein paar schnelle Gedanken dazu gemacht…

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Was 2009 in den Medien gefehlt hat: Sorgen Gehörlosenschulen für Ausgrenzung von Gehörlosen?

Fast alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien (dazu ein Interview mit dem Soziologen Niklas Luhmann). Darum ist es gut, ein Auge darauf zu haben, was in den Medien alles nicht vorkommt.

Eine der Gruppen, die dies tun, ist die  Initiative Nachrichtenaufklärung (INA). Sie stellt seit 1997 jährlich eine Top 10 der vernachlässigten Nachrichten des Jahres zusammen. Eine Jury wählt aus eingesandten Vorschlägen aus, Vorbild der Initiative ist das US-amerikanische Project Censored.

Gestern hat die Initiative nun die Situation an Gehörlosenschulen zu einem der wichtigsten, im Jahre 2009 vernachlässigten Themen gewählt: In den meisten Gehörlosenschulen werde keine Gebärdensprache unterrichtet.

Noch gibt es nur eine knappe Pressemitteilung, die ausführliche Begründung der Jury soll in den nächsten Tagen erscheinen. Ich bin gespannt, was genau darin steht. Warum sie ausgerechnet dieses Thema unter die Top 10 gewählt haben!

Ich habe selbst nicht genug Einblick um zu beurteilen, wie die Situation genau ist und warum sie so ist. Und leider auch keine Zeit, zu recherchieren. Aber ich habe nie verstanden, wie man sich von dem Argument überzeugen lassen kann, die Gebärdensprache grenze Gehörlose aus der Gesellschaft aus und sei darum zu vermeiden. Laut INA ist das das am häufigsten vorgebrachte Argument. Und das ist doch vom Grundgedanken her schon vollkommen wirr: Wie sollte die Kenntnis einer Sprache ausgrenzen? Sprachen ermöglichen Zugang.

Wenn die Absolventen von Gehörlosenschulen aus der „normalen“ Gesellschaft ausgegrenzt werden, dann liegt das doch bestimmt nicht daran, dass sie in der Schule neben anderem Gebärdensprache gelernt haben. Sondern daran, dass die Gehörlosenschulen den Rest ihres Bildungsauftrages nicht auf die Reihe kriegen. Ich denke da vor allem an schriftsprachliche Kompetenz.

[gefunden via KoopTech]

[Nachtrag: Um einem Mißverständnis gleich vorzubeugen, das mir bereits einen wütenden E-Mail-Schreiber bescherte — ich meine nicht, dass schriftsprachliche Kompetenz vor Ausgrenzung schützt. Und auch nicht, dass mit deren Vermittlung die Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber Gehörlosen und Behinderten erfüllt sei. Aber ich halte sie für eine der wichtigeren Fähigkeiten, die einem die Schule mitgeben kann und sollte.]