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Das Arsenal des guten Zuhörers: Ein Blick in die Trickkiste der Schwerhörigen

Meine Damen und Herren! Ich werde heute einige der unrühmlichsten Stunden meines Lebens zum Anlass nehmen, Ihnen ein Geheimnis — nein, mehrere zu verraten.
Über diese Stunden will ich nicht viele Worte verlieren, es soll nur soviel gesagt sein, dass ich damals den bislang bestehenden Rekord brach: Über drei Stunden lang einen guten Zuhörer zu geben, ohne dass das Gegenüber bemerkte, dass ich so gut wie nichts verstand. Direkt im Anschluss entschied ich: Nie wieder Feierabend!

Meine Damen und Herren! Ich gewähre Ihnen hiermit einen Blick, ich öffne meine Trickkiste für Sie:

  • An erster Stelle, die Grundstellung: Der nicht-endende Blick. Diese Technik kann weder in Subtilität noch in Effektivität überschätzt werden.
  • Dann: Das Kopfnicken, je nach vermutetem Gesprächsthema auch ein anerkennendes Kopfwiegen. Akzentuieren Sie damit den Gedankengang Ihres Gegenübers — oder das, was Ihnen wie einer vorkommt.
  • Außerdem: Das ermutigende bis nachdenkliche Lächeln. Hiermit sollten Sie es nicht übertreiben, Sie wirken sonst debil. Aber damit bestätigen Sie die Beziehung zwischen Ihnen, ohne dass sie etwas sagen müssen. Sie halten gewissermaßen kommunikativ die Hand ihres Gegenübers. Daher: unverzichtbar!
  • Ein zustimmendes Mmh! in den Mikropausen ihres Gesprächspartners — das hat nach den Schwerhörigen schließlich auch die Konversationsanalyse erkannt — ermuntert zum Weiterreden. Sie geben ihrem Gegenüber zu verstehen, dass Sie dabei sind. Ganz egal was er sagt.
  • Fortgeschrittene wenden zwischendrin den Blick auch mal ganz laaangsam ab — und dann rasch wieder zu. Fixieren Sie die Augen Ihres Gegenübers. Diese Technik wird ihm oder ihr zuverlässig das Gefühl geben, etwas Wichtiges gesagt zu haben.
  • Werden Sie mit zunehmender Gesprächsdauer müde, kopieren Sie einfach, was Ihr Gegenüber tut. Nickt sie? Nicken Sie auch. Schüttelt sie den Kopf oder ist am Tonfall erkenntlich, dass sie sich beschwert?  Schütteln Sie ebenfalls den Kopf oder schauen Sie entrüstet.  Auch ein heftiges Ausatmen oder Schnauben, gefolgt von einem Lächeln, wird seine Wirkung unter diesen Umständen nicht verfehlen.
  • Falls Sie doch mal etwas verstehen, wiederholen sie dies in fragendem Ton. Wenn es nur ein Wort war, sagen Sie: „Und >Wort< wie bitte?“ So wird ihr Gegenüber keinen Zweifel haben, dass Sie jedes andere Wort verstanden haben.
  • Last not least: Vergessen Sie nie die Allzweckwaffe: Das gemurmelte „jaja“. Sie ist zwar etwas für Anfänger oder Gespräche nach dem dritten Martini. Doch üben Sie damit, den Flow des Gespräches am Laufen zu halten. Sie werden sehen, es ist verblüffend einfach.

Meine Damen und Herren — das Arsenal des guten Zuhörers. Bedienen Sie sich daraus, wenn Sie mögen. Sie werden sehen: Sie können Ihre Redebeiträge auf ein Minimum beschränken. Aber seien Sie vorsichtig! Unsachgemäßer Gebrauch oder Erwischtwerden, vor allem aber der erfolgreiche Gebrauch geschieht vollkommen auf eigene Gefahr. Ich wünsche Ihnen noch eine gesegnete Woche.

Der Meister der Erwartungen in Augsburg

Nein, ich kann wirklich nicht behaupten, niemand hätte es mir gesagt: Am Cochlea Implantat entzünden sich die Erwartungen — Endlich wieder Hören und Verstehen! Und wer sich eins implantieren läßt, muss zum Meister der eigenen Erwartungen werden.

Schon bevor ich mich überhaupt auf das elektrische Ohr einließ wußte ich: Das Implantat ist keine Reparatur. Wie gut man damit in vivo, also bei schnellen, leisen oder undeutlichen Sprechern, über Entfernungen, mit Nebengeräuschen, am Telefon etc. hören und verstehen können wird, ist sehr individuell. Und damit nicht exakt vorhersagbar. Vor allem aber ist das alles nicht über Nacht zu erreichen. Viel Geduld und Spucke ist angesagt.

Dennoch war ich nach den überraschenden und schön-schaurigen Erlebnissen in letzter Zeit enttäuscht.  Augsburg hieß der Ort und es lag Schnee. Es waren nette Leute und interessante Gespräche. Das Essen war vorzüglich — oder habt Ihr schon einmal in Kirsch-Sushi mit Pistazien- und Schokoladensoße sowie dazu echte Maracuja gegessen?

Nur die Leute hinter der Rezeption im Hotel, am Infoschalter bei der Bahn, im Meeting um den großen Tisch herum, in der Gruppe in der Kneipe und im Auto, das mich gerade so um die große Karambolage auf der A8 herum bugsierte — die verstand ich nur sehr mühsam bis, leider leider, gar nicht. Ich werde weiter meine Erwartungen im Zaum halten, Geduld haben und weiterüben. Frustriert, wer ich? Ommm.