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Nervensägen II: Jammerlappen

Nach den Behindertengroupies nun die Jammerlappen:  Jammern ist ja ein Volkssport — und ich glaube, ich ziehe Jammerlappen an. Ich glaube sogar, dass Behinderte generell Jammerlappen anziehen. Oder zumindest viele Jammerlappen sich von Behinderten oder das was sie dafür halten angezogen fühlen.

Die suchen dann eine Gelegenheit, und weil ich meistens nett und offen bin, kriegen sie die auch. Ich freue mich ja eigentlich immer, wenn jemand mit mir reden möchte. Aber dann geht’s los, über Gott, die Welt — und vor allem das eigene Schicksal. So schwer! So schwierig! Meist so die anderen schuld!

Ab und an ist’s ja ganz erheiternd zu sehen, wie sehr den Leuten die Maßstäbe fehlen. Über was sie sich so einen Kopf machen. Oder mitzukriegen, wie schlecht es ihnen wegen nichts geht. Ich gestehe sogar: Ganz selten, in schwachen Momenten, suche ich sogar solche Leute, weil ich mich dann vergleichen kann und denke: Das machst Du schon gut, Herr Not Quite, Du hältst Dich gut.

Meistens aber ist es einfach nur nervig. Denn die jammern ja nicht einfach so, die suchen — mal mehr, mal weniger gezielt — eine verständige Seele. Jemand der „Ooooch, Du Armer!“ sagt. Und wenn ich dann nicht mitleidig reagiere, sondern nur pragmatisch oder, Gott behüte, kurz angebunden (etwa Entweder Du machst es oder Du läßt es!), dann sind sie irritiert. Manche werden auch sauer, vergessen kurz, warum sie sich mich ausgesucht haben und sagen so etwas wie: Du hast ja überhaupt keine Probleme!

Auch wenn sie es vom Kopf her vielleicht besser wissen — gefühlsmäßig sind viele Leute offensichtlich der Ansicht, wer nicht jammert, kann es nicht besonders schwer haben. Da wo andere Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen haben,  haben diese Menschen eine Wüste Gobi.

Ich bin sehr dafür, dass man den Leuten beibringt, gezielt andere Drähte zu anderen Menschen zu suchen. Das muss man nicht über Jammern machen.