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Im Namen des Kindeswohls? Wie mich das Jugendamt Rastatt sprachlos macht

Gerade habe ich es im Taubenschlag gelesen: Das Jugendamt Rastatt schrieb einem Elternpaar einen Brief, sie mögen bitte vorbeikommen, Man wolle sich mit Ihnen unterhalten, sie gefährdeten eventuell das Wohl ihres Kindes.Weil es anscheinend gehörlos ist und sie ihm kein elektrisches Ohr, kein Cochlea Implantat (CI) implantieren lassen wollen.

Gut, zu prüfen ob das Kindeswohl gewahrt ist, ist (u.a.) der Job des Jugendamtes. Einmal eingeschaltet kann es das auch nicht ablehnen. Und ich könnte mir sogar eine akzeptable Variante des Briefes vorstellen. Nämlich den Satz „Unser lnteresse als Jugendamt ist es, zu einer gut begründeten Haltung zu kommen“ ernst zu nehmen und anzunehmen, dass man sich aus erster Hand einfach mal informieren wolle, wie das Leben von gehörlosen gebärdenden Familien denn so sei. Obwohl ich glaube, dass Behörden sowas nicht fallunabhängig machen. Die haben schon genug zu tun.

Dieser Brief aber schlägt dem Fass den Boden aus: Denn die Vorladung und Einzelfallprüfung ist nicht nur menschlich daneben. Sie ist auch sachlich vollkommen ungerechtfertigt. Selbst wenn man mal für einen Moment annimmt, dass das Kindeswohl schon durch die bloße Verweigerung des Implantats gefährdet sein könnte — dann wäre dies der Fall sobald verweigert wird. Man müsste keinen Einzelfall prüfen, kein Elternpaar mit so einen Brief terrorisieren und sie nicht vorladen. Muss man aber den Einzelfall prüfen, dann liegt es nicht an der Frage „CI oder nicht?“ — sondern an der sonstigen Förderung (oder Vernachlässigung) des Kindes. Dann wäre die Wortwahl des Briefes (und der so unschuldig anmutende Betreff  „Vereinbarung eines Gesprächstermins“) im mildesten Fall sachlich grob fahrlässig und menschlich verletzend. Und außerdem: Wenn schon, dann könnte man sich wenigstens die Mühe machen, weniger Grammatikfehler zu machen. Nachlässigkeit obendrein.

So oder so. Bäh, Jugendamt Rastatt, bäh! Ich persönlich kann mir auch nach wie vor nicht vorstellen, dass ein Gericht bestätigen würde, dass nur mit CI das Wohl gehörloser Kinder gesichert ist. Das haben wir ja im Zusammenhang mit dem umstrittenen Artikel von Müller und Zaracko schon diskutiert.