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Das Karussell

Meine Schläfe brennt. Eine Schürfwunde. Und diesmal schmecke ich Gras zwischen den Zähnen. Aber wie das so ist, spucke ich aus, lache, und greife wieder nach der Stange am äußeren Rand des Karussells. Ich renne so schnell ich kann und schiebe es dabei an. Die beiden anderen, auf dem Karussell, lachen auch. Dann springe ich auf und genieße den Drehwurm, der sich langsam meinen Bauch raufwindet.

Wenn wir als Kinder auf den nahegelegenen Spielplatz gingen, wollten wir zum Karussell. Wir trieben es mit aller Kraft an — und manchmal stürzten wir herunter. Natürlich ging es darum, sich möglichst wenig festzuhalten. Die, die drauf blieben, fanden es toll und wollten nur noch schneller im Kreis rasen.

Dieses fast vergessene Gefühl — herunterzufliegen während sich die anderen an der Geschwindigkeit berauschen — habe ich in letzter Zeit wieder kennengelernt. In Kneipen, auf Parties, in Cafés — überall wo sich Gruppen treffen und gelöst unterhalten. Mit dem elektrischen Ohr komme ich gerade so mit, meist. Immer mal wieder bin ich kurz voll dabei. Doch obwohl ich optisch mit am Tisch sitzenbleibe, akustisch treibt mich die Fliehkraft des rasenden Gespräches meterweit weg. Und von dort verstehe ich dann nichts mehr vom dem, was geredet wird.

Großer Frust ist das. Aber man muss auch sehen, woher das kommt. Es kommt daher, dass ich meine Grenzen nicht mehr kenne. Oder noch nicht wieder. Bevor ich ein Innenohrimplantat bekam, wäre ich in diesen Situationen nicht mal raufgekommen, auf das Karussell. Wenn möglich wäre ich der ganzen Situation von vornherein ausgewichen. Jetzt weiß ich noch nicht, wann ich es gar nicht erst versuchen muss. Und das ist auch gut so. Denn auf diese Weise bin ich öfters dabei. Wer nur manchmal runterfliegt, gibt sich nicht auf.

– Dieser Beitrag ist der dritte einer kleinen Reihe, in der ich Bilanz ziehe, nach etwas über einem Jahr elektrisches Ohr. Teil 1: Einmal Blackout und zurück, Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn