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Flüstern ist halt was anderes als leise gedrehte Radiostimmen

„Sie wollen Beschreibungen der Sachen dieses Mädchens, nicht wahr?“ Ich bemerkte das Gezwungene und Förmliche an meinem Ton. „Ich verstehe nicht, was eine solche Tonbandaufzeichnung mit ihrem Projekt insgesamt zu tun hat und warum die Frau auf der Kassette flüstert.“

„Das Flüstern ist ganz wesentlich, weil die normale menschliche Stimme zu individuell ist, zu sehr von ihrer eigenen Geschichte geprägt. Ich bin auf Anonymität aus, damit die Reinheit des Gegenstandes ungehindert herauskommt, damit er sich in seiner Nacktheit entfalten kann. Geflüster hat keinen Charakter.“

Das Projekt wirkte ausgefallen bis zur Verrücktheit, aber es zog mich an.

Siri Hustvedt, Die unsichtbare Frau (original 1992: The Blindfold)

Siri Hustvedt schreibt unglaublich tolle erste Drittel von Büchern. Wirklich, ich habe selten so gebannt gelesen wie als ich Was ich liebte begann. Gerade wollen mir das erste Drittel der unsichtbaren Frau und die Stelle oben nicht aus dem Sinn — wenn ich versuche zu beschreiben, wie das Hören mit meinem neuen elektrischen Ohr jetzt klingt:

Ich verstehe immer mehr und wenn ich Sichtkontakt habe auch mal alles. Stimmen klingen zuweilen immer noch ein wenig quartzig in den Ecken. So als würden irgendwo in den Mundwinkeln zwei Amethyste aneinander reiben. Vor allem aber klingt es als flüsterten die Leute mir zu — obwohl es nicht so leise ist wie Flüstern. Aber die persönliche Färbung der Stimmen fehlt. Flüstern ist halt was anderes als die leise gedrehten Radiostimmen, die so viele Leute so angenehm beruhigend finden.

Warum das so ist, kann ich mir gut vorstellen: Denn alles was ich höre ist tatsächlich „leiser“ als die brachiale Lautstärke, die das Hörgerät liefern mußte, damit alles halbwegs in den Bereich der Sprachbanane kam. An die „leisen“ Reize des Cochlea Implantats müssen sich Nerven und Gehirn erst gewöhnen. Langsam werden die Stimmen wieder voller klingen. Im Augenblick aber — eher ein flaches Flüstern.

„Sag mal, wie habe ich mich eigentlicht nur mit CI angehört?“, frug kürzlich Freundin N. Und weil ich so eine ehrliche Haut bin, antwortete ich: „Ein wenig charakterlos.“

Zwischenstand: Wie klingt’s denn so inzwischen?

Kristallen. Nach fast einem Monat elektrischen Hörens klingt es: kristallen. Damit meine ich nicht, wie man vielleicht denken könnte, kristallklar, sondern hart. Sehr konturiert. Aber auch spröde, so als ob die Klänge gleich bersten könnten. Kann irgendjemand von Euch sich was unter dieser Beschreibung vorstellen?

Dieser Klang ist übrigens ganz und gar nicht unangenehm. Hat vielleicht was mit meiner Vorgeschichte aquarelligen Impressionismus zu tun.

Nur leider ist der Klang auch unvollständig, ich höre manches nicht. Manche Frequenzen und auch manche kompletten Klänge. Und manche Frequenzen höre ich zwar, aber sie sind dermaßen verschoben, dass ich sie kaum erkenne. Stellt Euch ein Foto vor, in dem alle — sagen wir — bläulichen Töne in Feuerwehrrot übersprüht sind. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, lenken vom Rest ab und fransen aus. Jetzt stellt Euch die Leistung vor, die das Gehirn vollbringen muss, das wieder in Ordnung zu bringen! Ich merke jeden Tag wie es das mehr und mehr tut.