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Klassik? Das ist das Härteste!

„Wie hältst Du’s eigentlich mit Konzerten?“, hatte mich Freund O. gefragt. Und mir wurde klar, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte. Wie ist es inzwischen mit der Musik, mit etwas über einem Jahr elektrischem Ohr? Eine Frage für die Praxis, dachte ich, und beschloss, es auszuprobieren.

Der O. wählte zielsicher den höchsten Schwierigkeitsgrad aus und führte mich in den Piano Salon, einer alten Fabrikhalle am Pankeufer, in der regelmäßig Konzertestattfinden. An jenem Tag spielte ein japanischer Pianist europäische Klassik. Klassische Klaviermusik!! Einer der härtesten Tests, die man sich für taube und elektrische Ohren denken kann: Kein wummernder, rhythmischer Beat oder Bass, den man spüren und mit dem man grooven kann. Stattdessen Vielstimmigkeit, Melodien, Triolen, Triller und ein enormer Frequenz- und Dynamikbereich, bei dem die Technik nicht annähernd mitkommt. Dazu noch mir unbekannte Stücke, auch das Playback aus dem Kopf konnte ich also vergessen.

Und wie zum Beweis, dass ich zum Hören, nicht zum Sehen hergekommen war, fand sich nur noch ein Platz, von dem aus ich die Rücken anderer Besucher, eine dicke Säule und den Kran an der Decke sehen konnte. Ich konnte mich also auch nicht mit dem Tanz der Finger oder dem Hin- und Herwerfen der Frisur vergnügen. Ich war ganz auf die technikuntertützten Ohren angewiesen.

Ich ergab mich in mein Schicksal — und wurde angenehm überrascht: Es geht! Und es macht Spaß! Das wollte ich nur mal kurz durchgeben. Als nächstes nehme ich dann Sinfoniekonzerte?

(Gehört bimodal, also mit CI und Hörgerät. Nur mit CI dagegen — nicht so prickelnd.)

Heiße Öfen, harte Schläge und Untertitel

Gestern nacht war schon ne krude Mischung. Heiße Öfen klingt ja irgendwie altmodisch. Aber was die New Yorker Fiery Furnaces mir da in Ohren und Beine geschickt haben war toll! Das muss ich hier empfehlen: Progressiver Indie-Rock mit Leadsängerin und ganz wunderbaren Rhythmus- und Tempowechseln. Hier und hier Kostproben.

Nur warum man gleichzeitig links an der Wand im TV einen alten Boxkampf gucken sollte (wie immer vorbildlich mit Untertiteln) , hab ich nicht verstanden. Idee der Band war’s jedenfalls nicht. Aber der Kampf war auch sehr spannend: Ali vs. Wepner! Ich mag ja Boxen.

Mit Untertiteln hab ich ihn leider nicht gefunden, doch wenn ihr unten beide Videos gleichzeitig klickt, habt Ihr in etwa meinen gestrigen Abend vor Euch.

Im rechten Auge:

The Fiery Furnaces @Middle East -- Foto: Not quite like Beethoven, all rights reserved

Im linken Auge:

In beiden Ohren:

in dieser Phase nicht nur, wie man nach den Selbstbeschreibungen von Konsensuskonferenzen erwarten kann, die Laienteilnehmer in das Oberthema der Veranstaltung eingeführt sowie die speziellen Themen und Teilnehmer des Expertengesprächs identifiziert und festgelegt wurden.

Das Ohr im Bierbecher, oder: Musikhören mal anders

Wir waren früh dran beim Konzert von Moderat letztes Wochenende (höre hier und hier). Früh hieß in diesem Fall halb ein Uhr nachts. Klingt erstmal spät, aber bis Konzertbeginn waren immer noch fast 90 Minuten hin. Wir sind im hippen Brooklyner Stadtteil Williamsburg, da scheint das normal zu sein. Ich jedenfalls kannte sowas bisher nur von Clubs, nicht von Konzerten. Wahrscheinlich dachten sich die Veranstalter, bei Moderat verschwimmen die Grenzen.

Foto: njmcc / istockphoto.com

Meine Freundin K. und ich vergnügten uns also bis dahin mit Rumstehen und Biertrinken. Ergebnis: Bei Konzertbeginn hielt ich einen großen, leeren Plastikbecher in der Hand. Und der machte Sachen!

Mit Hörgeräten höre ich Musik auch jetzt — fast ganz ertaubt — noch einigermaßen. Ans Verstehen von Gesang ist allerdings nicht zu denken, ich kann die Instrumente nicht mehr so gut auseinanderhalten und inzwischen klingt leider alles ein bißchen dumpf. Auf Konzerte gehe ich dennoch immer mal wieder gerne.  Musik hört man ja auch nicht nur mit den Ohren, man nimmt sie auch anders wahr.  Ich sehe die Musiker, fühle den Bass, bin fasziniert von den Lichteffekten und genieße die generelle Stimmung. Das fließt alles in die Musikwahrnehmung mit ein.

Der Bierbecher zwischen meinen Fingerspitzen schwang, sirrte und vibrierte. Meist „begleitend“ zu dem was ich hörte — aber manchmal auch „solo“. Ich spürte da Vibrationen, die ich keinen Tönen zuordnen konnte. Mir fiel ein, was ich vor kurzem gelesen hatte: Am National Technical Institute of the Deaf in Rochester, New York, würden bei Konzerten Luftballons an gehörlose Zuhörer ausgeteilt. Damit diese die Musik in ihren Fingerspitzen fühlen können. Ungefähr so musste das sein! Ich fühlte, was ich nicht hörte.

Interessantes Gefühl, einfach mal ausprobieren!

(Das Konzert übrigens war eher so mittelmäßig. K. und ich waren uns einig, dass es elektronischer Musik nicht gut tut, wie Rocknummern dargeboten zu werden — mit Anmoderationen und Pausen dazwischen zum Klatschen.)