Schlagwort-Archive: Körpersprache

Den Spieß umdrehen — und die Folgen

Zuweilen komme ich mir vor wie jene unglückliche Frau, die mir gestern Nacht in der U-Bahn gegenübersaß. Neben ihr saß ihr Mann. Ich verfolgte ihr Gespräch — und hatte bald so genug davon, dass ich ihn hätte nehmen wollen und schütteln bis er heult.

Das mag Euch übertrieben erscheinen, aber ich fand es wirklich nicht zum Aushalten: Wann immer sie mit ihm sprach, wandte sie sich ihm zu. Nicht nur den Kopf, ihr gesamter Körper richtete sich zu ihm aus. Sie blickte ihn an. Sprach ihn an. Wann immer er sprach, tat er — gar nichts. Starrte geradeaus, aus dem Fenster oder einer Frau nach, gerade wie es ihm paßte. Und es war ganz offensichtlich für beide das Normalste von der Welt.

Warum läßt sie sich das bieten? — dachte ich. Interessiert er sich nicht mal für sie?

Aber ich bin ja vorbelastet. Ich wende mich allen zu, mit denen ich rede und blicke sie an. Ich muss das. Ich verstehe sonst nichts. Es ist etwas, das die anderen sehr an mir schätzen, was mich zu einem begehrten Zuhörer macht. Und ich bin darauf angewiesen, dass meine Gegenübers es mir gleich tun.

Neuerdings jedoch drehe ich ab und zu den Spieß um und drehe mich weg, wenn jemand mit mir spricht. Ich teste dann, ob ich mit dem elektrischen Ohr auch ohne Sicht Verstehen kann. Und übe es ein bißchen. Meine Abwendung bleibt nie ohne Reaktion: von milder Irritation bis zum Wutanfall war schon alles dabei. Wäre ich die Frau in der U-Bahn, ich würde mich sofort scheiden lassen!

„Lie to me“: Die TV-Serie für Hörgeschädigte und andere notorische Beobachter

Es heißt, wenn ein Sinn ausfalle, würden die anderen schärfer. Ich weiß nicht, ob das wirklich so automatisch funktioniert — aber eigentlich alle Schwerhörigen, Ertaubten und Gehörlosen, die ich kenne, geben große Stücke auf die eigene Beobachtungsgabe. Wir sagen gerne:  Wir lesen in den Menschen wie in einem Buch (ich z.B. hier, Jule da und bei Judith gibt es eine extra Mimikgalerie).

Und es stimmt ja auch: Die Wahrheit steht Dir ins Gesicht geschrieben. In die Haltung. Und die angespannten Finger. Auch Deine Mundwinkel, hochgezogenen Augenbrauen und das verstohlene Kratzen verraten Dich. Du hältst Dich selber fest und denkst ich merk das nicht? Gib auf! Auch wenn Du schweigst: Alles an Dir spricht mit mir. Und manchmal widerspricht es Dir.

Genau darum geht’s in Lie to me. In dieser TV-Krimiserie spielen Mimik, Körpersprache und das was sie sagen die Hauptrollen. Und Tim Roth. Der spielt Dr. Cal Lightman, der ein Team außergewöhnlich guter und psychologisch geschulter Beobachter um sich versammelt und alle möglichen Aufträge annimmt. Die Wahrheit finden sie meist anhand winzig kleiner und ultrakurzer Gesichtsregungen oder Bewegungen heraus. Gewissermaßen CSI nur ganz ohne Technik.

Ich habe gerade ein paar Folgen der ersten Staffel gesehen und finde: Spannend! Keine gaaanz große Serie aber auf jeden Fall überdurchschnittlich gut angelegt und besetzt. Von der dahinterstehenden Psychologie bekommt man auch einiges mit. Jetzt kommt es darauf an, wie sich das alles entwickelt. Ich wollte Euch aber schonmal Bescheid sagen.

Lie to me läuft in den USA bereits in der zweiten Staffel. Die DVD der ersten ist schon raus, im deutschen Fernsehen soll die Serie bald auf Vox laufen.

[Später stellte ich fest: Die Serie wird sogar noch besser. Sie hat nur unerwartete Nebenwirkungen.]