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„Mir geht’s ja nicht schlecht, und außerdem will ich tanzen“ — Email-Hin-und-Her mit MC Winkel

Eigentlich wollte ich wissen, wie man mit der plötzlichen Diagnose Schwerhörigkeit klarkommt. Es kam anders — und wurde eine Geschichte darüber, wie vielgestaltig die Probleme sind, die sich hinter dem Wort Schwerhörigkeit verbergen. Und der Platz, den sie im Leben einnehmen.

Als MC Winkel kürzlich über seinen neuen Tinnitus schrieb und dabei erwähnte, dass er gerade vom Arzt für schwerhörig erklärt worden war, bin ich neugierig geworden. Ist zwar „nur“ ne Hochtonschwerhörigkeit, aber mittelgradig ist ja nun nicht ganz so wenig: zwischen 40 und 60% Verlust. Und wie geht ein Musiker mit seinen Ohrgeräuschen um — zumal wenn er sie als „Merk-Hoyzer-Collina-Quintett (eigentlich ein Trio, aber die erstgenannten zählen doppelt) mit einem anhaltenden Querflötensolo in Shizz-Dur“ empfindet?

Teezey-- Photo by MC Winkel, all rights reserved

MC Winkel hat als Blogger schon knapp neun Jahre auf dem Buckel. Und das merkt man: Er ist bekannt wie ein bunter Hund und — wenn’s ihm gefällt — sich für keine Aktion zu schade. Dabei sagt er von sich selbst: „Bin halt nur’n Typ, der Quatsch ins Netz schreibt und sich freut, dass Leute das gerne lesen.“ Ich mag die schnodderige Art sehr, mit der er sich selbst immer wieder durch den Kakao zieht. Außerdem tingelt rockt er als Musiker mit der Band Büro am Strand vorwiegend durch Norddeutschland.

Per Email entspann sich folgendes Gespräch…

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Musikbelustigung oder Lärmbelästigung: Was macht man eigentlich mit U-Bahn-Musikern wenn man sie nicht hören kann?

Music on the Subway -- Photo by Ryan Gessner, some rights reserved

Perlen, manchmal sind es einfach nur Perlen, die da in der U-Bahn spielen. Ich erinnere mich an einen traumhaften Sänger, dessen Stimme mich in Boston, noch nicht ganz wach, auf dem Weg zur Arbeit mitnahm und den ganzen Tag begleitete. Oder dieser sichtbar kaputte Charakter aber begnadete Gitarrist in Berlin, wie Emmet Ray aus Sweet and Lowdown, toller Film übrigens. Manchmal macht einfach auch das Zusehen Spaß — ich könnte wetten, dass das bei den beiden Kollegen auf dem Foto der Fall war.

Je schlechter ich höre, umso weniger habe ich davon. Wenn ich jetzt in Gedanken versunken bin und nicht hinsehe, dann merke ich manchmal nicht einmal, dass am anderen Ende des Wagens jemand begonnen hat zu musizieren. So laut und dominant ist durch das Hörgerät das Rattern und Heulen der Bahn. Dazu vielleicht noch das Geräusch der Unterhaltung direkt neben mir. Wenn ich also nicht direkt daneben stehe, habe ich sowieso nichts mehr davon. Und selbst dann eigentlich nur, wenn es eine gute, laute Stimme ist oder eine laute, prägnante Melodie — die die Automatik des Hörgeräts ein bißchen aus dem Störschall herausfiltern kann. Gitarre, das Lieblingsinstrument aller Straßenmusiker, geht eigentlich gar nicht.

Viele dieser Musiker wollen sicher nicht betteln. Man gibt für ihre Musik. Aber was soll ich tun, wenn ich ihre Musik nicht einmal hören kann? Wäre es nicht eine Beleidigung, wenn ich sie zum Bettler mache? Oder wenn sie mich nur nervt, weil sie für mich nichts als Lärm ist? Klar, niemand weiß, aus welchem Grund ich gebe oder nicht gebe. Aber unwohl fühle ich mich jedesmal. Schließlich muss ich auch immer die Blicke dessen aushalten, der schaut ob ich geben möchte — oder wie die meisten, den Blickkontakt einfach vermeiden. Früher habe einfach gegeben, wenn mir die Musik gefallen hat, soll ich jetzt anhand der Kleidung entscheiden?

Ich habe auch das Gefühl, dass das meiste was mir in letzter Zeit so begegnet, schnelles und liebloses Heruntergeschrammel und ein bißchen Rumgesinge ist. Manchmal sogar noch mit einem kleinen, leicht verwahrlost aussehenden Kind dabei, das Geld einsammeln darf. Die Türen gehen zu, der Lärm geht los, nach 20 Sekunden soll man zahlen und nach 30 ist alles vorbei, weil an der nächsten Station schon wieder ausgestiegen wird. Das ärgert mich manchmal maßlos, ich finde das eine Zumutung: Für mich ist das Lärmbelästigung. Vor allem wenn mir dann noch fordernde bis vorwurfsvolle Blicke begegnen. Und das mit den Kindern…!

Am besten gefällt mir, und davon habe ich dann im Idealfall auch was, wenn sich Leute über zwei oder drei Stationen Zeit nehmen. Auch die Strecke sollte gut gewählt sein — manche Linien oder Streckenabschnitte sind einfach zu laut. Letztens zum Beispiel war da so ein junger Typ, der auf einem dieser kleinen Omi-Einkaufswägen einen Verstärker hinter sich herzog. Er hatte also Bass, Gitarre und Gesang. Das war alles laut genug und hob sich vom Fahrgeräusch ab. Wunderbar. Den hätte ich gern noch ein bißchen länger gehört….

Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie handhabt Ihr das? Gebt Ihr — und wenn ja wofür?