Schlagwort-Archive: Nerven

Stille

Mute -- Photo by Not quite like Beethoven, all rights reserved

Stille ist nur für Erwachsene, glaube ich. Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass ich mir als Kind oder Jugendlicher mal bewußt Stille gewünscht habe oder das einer meiner Freunde so etwas erzählt hätte. Leiser, nicht so laut — ja. Aber Stille, so richtig absolute Stille? Nein. Viel lieber wollte ich überall Musik hören, die mich durchs Leben und meine Gefühle trug. Und in der Musik (oder auch in sogenannten Räumen der Stille) ist Stille ja eher dazu da, wenige Töne und Geräusche zu akzentuieren. Vielleicht braucht es eine gewisse Lebens- und Lärmerfahrung bevor man auf sowas kommt, wie sich absolute Stille zu wünschen? Oder sie schön zu finden?

Ich habe es gerade so in die Volljährigkeit geschafft, bevor Stille etwas wurde, was ich nie erleben werde. Mit 18 habe ich mir einen Tinnitus zugelegt. Als mir also das erste mal jemand erzählte, wie beeindruckend Stille sei, so richtig absolute Stille, „da ist einfach gar nichts!“ (er hatte sie auf einer Reise in die Wüste erlebt), da waren das für mich schon Geschichten. Er fand das toll, geradezu erhebend.  Jaja, sagte ich darum. Klingt interessant. Denn eins ist meine Welt jedenfalls nicht: still und ruhig. Obwohl viele sich die Welt von Schwerhörigen und Ertaubten so vorstellen.

Mui Ne -- Photo by Marfis75 / flickr, some rights reserved

Dabei ist wirklich absolute Stille gar nicht so leicht auszuhalten. Wenn man wirklich gar nichts hört, beginnt wohl jeder Phantomgeräusche zu hören. Sogar recht schnell, innerhalb von Stunden (wie sich bei Versuchen gezeigt hat, zu denen ich gerade keinen Link finde). Meide die Stille! ist ja auch der Standardratschlag für Tinnitusgeplagte. Lieber leise, angenehme Geräusche als Nichtshören. Wenn keiner mit mir will dann mach ich’s mir eben selber — scheinen Gehirn und Hörnerven zu sagen.

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Stille so etwas wie Fasten. Man muss erstmal ein Gefühl für Überfressenheit haben um darauf zu kommen, dass es gut sein könnte. Und dann ist es langfristig ungesund, kann sich kurzfristig aber ganz gut, erholsam, sogar reinigend anfühlen. Die richtige Diät und bewußtes Essen wären jedoch deutlich besser.