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Der gehörlose Vorsitzende (alternate Version)

Plötzlich redeten alle vier durcheinander, gestern bei Twitter — darüber, ob es einen gehörlosen Parteivorsitzenden geben könnte oder überhaupt nur sollte. Nicht überraschend war, dass diejenigen zustimmten, die eh für Inklusion sind: Natürlich könnte es das, warum auch nicht, es komme doch auf das Individuum an und die Gesellschaft könne sich (und das ruhig mal) anpassen.

Überraschend war der Widerspruch von @ennomane. Man solle, bildlich gesprochen, aufhören Rollifahrern das Schwimmen beibringen zu wollen. Er würde keinen gehörlosen Vorsitzenden wollen. Enno hat seine Gedanken gestern nacht in einem Blogeintrag ausgeführt. Ich stimme ihm teilweise zu. Hier ein paar Überlegungen meinerseits unter demselben Titel:

Ich finde es ziemlich sinnlos, jetzt einem solchen Beispiel vehement zu widersprechen oder dagegen zu sein, weil es völlig abstrakt ist. Man diskutiert dann eigentlich darüber was wäre, wenn sich jetzt plötzlich ein Gehörloser auf dem Stuhl des jetzigen Parteivorsitzenden materialisieren würde. Und mit den Bedingungen, wie sie gerade sind, klarkommen oder draufgehen müsste.

In Wirklichkeit wäre es doch so, dass jemand schon länger in der Partei auf sich aufmerksam gemacht, was geleistet haben müsste. Man wüßte um ihre oder seine Fähigkeiten (und Schwächen), zumindest ein Teil der Parteistrukturen und Parteikollegen — wenn nicht sogar der Medien — hätte sich schon darauf eingestellt. Ich glaube nicht, dass überhaupt ein Gehörloser auf die Idee kommen würde, sich um ein Amt wie den Parteivorsitz zu bewerben, wenn er nicht einigermaßen sicher wäre (und auf Nachfrage auch erklären könnte), wie er sich die tägliche Arbeit vorstellt. Ich glaube z.B. auch nicht, dass eine Gehörlose —  erstmal in die Nähe einer solchen Position gelangt — nur noch vom guten Willen ihrer Umgebung abhängig wäre. Denn dann hätte sie bereits Unterstützer, einen Kreis Vertrauter, ein Netzwerk. Wenn nicht, dann würde sie einfach nicht gewählt. Und das müsste man dann akzeptieren. Ob es einem gefällt oder nicht.

Sehr interessant finde ich Ennos Überlegung, vielleicht aus strategischen Gründen gegen eine Gehörlose an der Spitze zu sein.  Um dem politischen Gegner nicht zuviel Angriffsfläche zu bieten. Die Frage, ob man sich mit einem gehörlosen Vorsitzenden nicht parteitaktisch ins Bein schießen würde, stellt sich in der Tat. Aber eben auch nur, wenn man annimmt, dass man jetzt sofort plötzlich und in der gegenwärtigen Situation darüber entscheiden müsste. Nicht, wenn da in (hoffentlich naher) Zukunft jemand wäre, der oder die auch irgendwie dahin gekommen ist, sich zu bewerben.

Infofern: Im Augenblick finde ich Barrierefreiheit in den unteren Rängen, den Parteitagen und in den Arbeitskreisen viel wichtiger. Damit überhaupt mal (z.B.) Gehörlose in die Nähe einer solchen Position kommen und sich die Frage konkret stellt! Solange das nicht passiert, halte ich die Abwehr fiktiver Beispiele für müßig. Da geht’s dann fast nur um Glaubensbekenntnisse.
Ich kenne auch keinen Gehörlosen, den ich in so ein Amt wählen würde. Aber das will nichts heißen.

–Die naiven Vorstellungen von Politik (und Autofahren) im Fall Helene Jarmer, der ersten österreichischen gehörlosen Abgeordneten, habe ich hier kritisiert. Meinen Standpunkt zu Beruf und Behinderung generell habe ich vor kurzem hier zusammengefaßt.–

Die Kritik an der gehörlosen Politikerin Helene Jarmer: Naives Verständnis von Politik — und Autofahren

Wenn’s um die österreichische Abgeordnete Helene Jarmer geht, heißt es schnell: Ohne Gehör könne man kein Politiker sein (zuletzt hier, in den Kommentaren zu: Gehörlos im Parlament: „Tu einfach so als könntest Du hören“, Die Presse, 4.7.2009). <Der Artikel ist seit 6.7. 18:30 nicht erreichbar> <Ist wieder da.> Das offenbart ein vielleicht ehrenwertes, in jedem Fall aber naives Politikverständnis. Und vom Autofahren noch dazu. Letztlich geht es ausschließlich darum, ob man schwerhörige oder gehörlose Abgeordnete zulässt oder draußenhält — was leider einfach möglich ist. Ich erläutere das mal anhand der Kommentare zu dem oben verlinkten Artikel.

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„Die eigenen Gedanken können sehr laut werden in der Stille“ — Enno Park über Leben und Arbeiten als fast ganz Ertaubter

Für mich eine der tollsten Seiten am Bloggen ist, dass man sehr schnell auf interessante Leute stößt. Und manchmal stellt sich dann heraus, dass man mehr gemeinsam hat als man gedacht hätte. Ertaubung zum Beispiel.

Foto: Enno Park

Enno Park ist ein Blogveteran, er hat schon gebloggt, bevor er wußte, dass man das so nennt: Vor 10 Jahren hat er angefangen, online Filmkritiken zu veröffentlichen, dabei die aktuellste immer zuoberst. Kostproben gibts bei filmstarts und filmfacts.  Jetzt schreibt er seit etwa fünf Jahren unter die ennomane, vor kurzem hat er dort auch eine Rubrik für Hörthemen begonnen: Krachstille. Meist aber ging es ihm in letzter Zeit um politische Dinge, zum Beispiel über die Europawahl.

Für Not quite like Beethoven spricht Enno Park über seine Ertaubung als Teenager und das Durchbeißen in Studium und Arbeit mit einer unsichtbaren Behinderung.  Außerdem über den Sinn von Bloggen und Twittern für Hörbehinderte und den Nutzen der Schwerhörigkeit. Nach dem Klick!

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