Schlagwort-Archive: Schmerz

Die Teilzeitbehinderung, oder: Es ist doch gar nicht so schlimm

Schmerz, Schmerz, Schmerz ist das einzige, was wirklich vorantreibt wenn die Sache nicht durch schiere Lust geschieht. Das dachte ich mir, in diesen letzten Tagen. In denen man ja öfters mal ein bißchen nach vorn und nach zurück denkt. Bei mir hieß das: An die Zeit kurz vor der großen Operation. Nachdem ich mich dazu entschieden hatte, einen Computer ins Innenohr einsetzen zu lassen — und bevor der point of no return durchschritten war. Als ich wieder begann zu zweifeln… Wie das war, das will ich Euch heute gern erzählen.

Es ist doch gar nicht so schlimm, dachte ich mir da. Es geht doch auch so mit der Schwerhörigkeit. Muss das wirklich sein? Erst ein paar Tage vorher hatte mich ein Abend höchster Anspannung und Peinlichkeit, verpaßter Chancen und vermurkster Selbstdarstellung wieder soweit getrieben, dass ich mir sicher war, das Richtige zu tun. Doch schon ein paar Tage später — schien alles wieder weg.

Ich schaute Gossip Girl und bildete mir ein, mehr zu verstehen als sonst. Ich saß in der Bahn und verstand, was eine Dame mit Sommersprossen im Ausschnitt vor mir in ihr Telefon sprach. Ich traf mich mit Freunden in einem Restaurant und es ging irgendwie. Die schlimmen Erfahrungen mit Nichthören und Nichtverstehen schienen so fern, meine Gründe für ein CI so abstrakt. Wirklich greifbar war mir nur die Abneigung, mir ein Gerät in den Kopf einpflanzen zu lassen.

Je näher der Termin rückte um so unruhiger wurde ich. Und umso rhythmischer meine Gedanken. Es ist doch gar nicht so schlimm. Es ist doch gar nicht so schlimm. Es ist doch gar nicht so schlimm. Es ist doch gar nicht so schlimm… Am liebsten hätte ich alles abgeblasen.

Es ist ja auch kein Wunder, dass ich dachte, es sei nicht so schlimm. Schlecht hören ist eine Teilzeitbehinderung. Wenn ich alleine bin, schreibe oder Körperliches wichtig wird, dann bin ich nicht behindert. Die schlimmen Momente verstecke ich die meiste Zeit über ja auch vor mir selber. Wie häufig habe ich etwa jemandem erklärt, wie schmerzvoll es sein kann, hochgradig schwerhörig zu sein. Und dann, wenn mein Gegenüber nichts zu antworten wußte und das Gespräch verstummte, einen Scherz angeschlossen, ein Lächeln oder eine Handbewegung, die zu verstehen gab, es sei alles nicht so schlimm. Und damit den anderen — aber auch mich selbst — vom Haken gelassen.

Die Operation, die mich zum Cyborg machte, war weder lebensnotwendig noch ein Ticket ins Glück. Alles grau in grau, statt klares schwarz oder weiß. Kein dauernder, unmittelbarer Schmerz. Das machte es so schwer, diese Entscheidung zu treffen und durchzuhalten. Anstatt einfach weiterzumachen wie bisher.