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Viel Glück

Sie war mir sofort aufgefallen, als ich am Südstern in die U-Bahn stieg. Ich setzte mich so, dass ich sie während der Fahrt anschauen konnte. Dunkle Haare, die ihr ins Gesicht fielen, weil sie konzentriert in das Buch auf ihrem Schoß sah. Trotzdem saß sie angenehm entspannt. Ich mag es, wenn sich Leute in ihrem Körper wohlfühlen.

Mir fiel auf, dass sie nur den Pappeinband des Taschenbuches nach hinten umgeschlagen hatte — so wie man es bei Zeitschriften tut. Bei Büchern kann ich das nicht ausstehen. Aber während die meisten Menschen das mit dem kompletten Buch tun, tat sie es nur mit dem Einband. Ich starre nicht gerne, darum beobachtete ich sie während der Fahrt nur hin und wieder. Immer fiel mir der wunderschöne, volle Mund in dem eher schmalen Gesicht auf. Lippen, die ich gerne küssen würde.

Als sie ausstieg — in dem Moment, in dem sie das Buch in die Tasche steckte — erhaschte ich einen Blick auf den Einbad. Die Bulimie besiegen. In der Lederhose wirkten ihre Beine auf einmal sehr dünn. Ich bin kurz schockiert — und wünsche ihr im Stillen viel Glück.

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Musikbelustigung oder Lärmbelästigung: Was macht man eigentlich mit U-Bahn-Musikern wenn man sie nicht hören kann?

Music on the Subway -- Photo by Ryan Gessner, some rights reserved

Perlen, manchmal sind es einfach nur Perlen, die da in der U-Bahn spielen. Ich erinnere mich an einen traumhaften Sänger, dessen Stimme mich in Boston, noch nicht ganz wach, auf dem Weg zur Arbeit mitnahm und den ganzen Tag begleitete. Oder dieser sichtbar kaputte Charakter aber begnadete Gitarrist in Berlin, wie Emmet Ray aus Sweet and Lowdown, toller Film übrigens. Manchmal macht einfach auch das Zusehen Spaß — ich könnte wetten, dass das bei den beiden Kollegen auf dem Foto der Fall war.

Je schlechter ich höre, umso weniger habe ich davon. Wenn ich jetzt in Gedanken versunken bin und nicht hinsehe, dann merke ich manchmal nicht einmal, dass am anderen Ende des Wagens jemand begonnen hat zu musizieren. So laut und dominant ist durch das Hörgerät das Rattern und Heulen der Bahn. Dazu vielleicht noch das Geräusch der Unterhaltung direkt neben mir. Wenn ich also nicht direkt daneben stehe, habe ich sowieso nichts mehr davon. Und selbst dann eigentlich nur, wenn es eine gute, laute Stimme ist oder eine laute, prägnante Melodie — die die Automatik des Hörgeräts ein bißchen aus dem Störschall herausfiltern kann. Gitarre, das Lieblingsinstrument aller Straßenmusiker, geht eigentlich gar nicht.

Viele dieser Musiker wollen sicher nicht betteln. Man gibt für ihre Musik. Aber was soll ich tun, wenn ich ihre Musik nicht einmal hören kann? Wäre es nicht eine Beleidigung, wenn ich sie zum Bettler mache? Oder wenn sie mich nur nervt, weil sie für mich nichts als Lärm ist? Klar, niemand weiß, aus welchem Grund ich gebe oder nicht gebe. Aber unwohl fühle ich mich jedesmal. Schließlich muss ich auch immer die Blicke dessen aushalten, der schaut ob ich geben möchte — oder wie die meisten, den Blickkontakt einfach vermeiden. Früher habe einfach gegeben, wenn mir die Musik gefallen hat, soll ich jetzt anhand der Kleidung entscheiden?

Ich habe auch das Gefühl, dass das meiste was mir in letzter Zeit so begegnet, schnelles und liebloses Heruntergeschrammel und ein bißchen Rumgesinge ist. Manchmal sogar noch mit einem kleinen, leicht verwahrlost aussehenden Kind dabei, das Geld einsammeln darf. Die Türen gehen zu, der Lärm geht los, nach 20 Sekunden soll man zahlen und nach 30 ist alles vorbei, weil an der nächsten Station schon wieder ausgestiegen wird. Das ärgert mich manchmal maßlos, ich finde das eine Zumutung: Für mich ist das Lärmbelästigung. Vor allem wenn mir dann noch fordernde bis vorwurfsvolle Blicke begegnen. Und das mit den Kindern…!

Am besten gefällt mir, und davon habe ich dann im Idealfall auch was, wenn sich Leute über zwei oder drei Stationen Zeit nehmen. Auch die Strecke sollte gut gewählt sein — manche Linien oder Streckenabschnitte sind einfach zu laut. Letztens zum Beispiel war da so ein junger Typ, der auf einem dieser kleinen Omi-Einkaufswägen einen Verstärker hinter sich herzog. Er hatte also Bass, Gitarre und Gesang. Das war alles laut genug und hob sich vom Fahrgeräusch ab. Wunderbar. Den hätte ich gern noch ein bißchen länger gehört….

Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie handhabt Ihr das? Gebt Ihr — und wenn ja wofür?

Woran ich merke, dass ich lange weg war und jetzt wieder zuhaus bin

  • Thanks, nice to meet you, my pleasure. Das ist, was die amerikanische Welt im Innersten zusammenhält. Nicht aber die deutsche. Und nun steckt’s bei mir im limbischen System drin, will einfach raus. Es nicht zu sagen, bringt mich fast zum Verstummen. Die Leute stellen mir den Kaffee hin oder geben mir die Hand, gucken mich an und wundern sich. Wahrscheinlich weil’s um meine Mundwinkel herum so komisch zuckt.  Manchmal rutscht mir ein schnelles „thanks“ auch einfach raus.
  • Mittags um zwei in der U-Bahn: Es riecht nach schalem Bier. Ach! Die Frühschicht ist zu Ende. Alkohol in der Öffentlichkeit, wie hab ich das vermißt.
  • Mittags um halb drei in der U-Bahn: Ich bin tatsächlich von bei mir zuhause in die U-Bahn, zwei Mal umgestiegen und am richtigen Ausgang rausgekommen.  BLIND. Ich habe nicht einmal geguckt. Dabei kann man da schon ein paarmal den falschen Aufgang nehmen….
  • Nachmittags um drei in der U-Bahn: Verdammt, jetzt bin ich auch einer von denen, die vor der Tür stehen und nicht auf die Idee kommen, den Knopf zu drücken, damit sie aufgeht. „Scheiß-Touris!“, murmelt mir einer im Vorbeigehen zu.
  • Wat denn nu?!! Ein Jahr lang hab ich mich zwingen müssen, das Trinkgeld nicht zu vergessen — besonders an der Bar. Und nu? Ich muss mich schon zurückhalten um nicht alle zu beglücken. Außerdem: Ich zahle zu hohe Preise mit einem Schulterzucken (und hinterher mit heftigem Zähneknirschen). Verdammt! Das sind ja alles Euro!!!
  • Und speziell aus Harvard: Ich hab da so einen Drang, 1) überall den Laptop aufzuklappen und dann 2) auch Wireless zu erwarten. Draußen. Kostenlos. Wie berlinfremd ist das denn? Na hoffentlich ist es wenigstens gesünder so…
  • Sollte man Leute eigentlich verpflichten, Auskunft geben zu müssen (und zu können) was auf ihren T-Shirts so blödes draufsteht? Liegt das wirklich nur daran, dass Englisch hier nur Zweitsprache ist?

Gibt es eigentlich…

…für die Beschallung unterwegs auch MP3s wie „ruhige U-Bahnfahrt“ oder „Busfahrt mit zufälliger aber spannender Unterhaltung im Hintergrund“?

Heut morgen wär mir nach sowas gewesen. Weder das Original-Geplärre, noch Musik, noch Schwerhörigkeitsstille…