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Den Spieß umdrehen — und die Folgen

Zuweilen komme ich mir vor wie jene unglückliche Frau, die mir gestern Nacht in der U-Bahn gegenübersaß. Neben ihr saß ihr Mann. Ich verfolgte ihr Gespräch — und hatte bald so genug davon, dass ich ihn hätte nehmen wollen und schütteln bis er heult.

Das mag Euch übertrieben erscheinen, aber ich fand es wirklich nicht zum Aushalten: Wann immer sie mit ihm sprach, wandte sie sich ihm zu. Nicht nur den Kopf, ihr gesamter Körper richtete sich zu ihm aus. Sie blickte ihn an. Sprach ihn an. Wann immer er sprach, tat er — gar nichts. Starrte geradeaus, aus dem Fenster oder einer Frau nach, gerade wie es ihm paßte. Und es war ganz offensichtlich für beide das Normalste von der Welt.

Warum läßt sie sich das bieten? — dachte ich. Interessiert er sich nicht mal für sie?

Aber ich bin ja vorbelastet. Ich wende mich allen zu, mit denen ich rede und blicke sie an. Ich muss das. Ich verstehe sonst nichts. Es ist etwas, das die anderen sehr an mir schätzen, was mich zu einem begehrten Zuhörer macht. Und ich bin darauf angewiesen, dass meine Gegenübers es mir gleich tun.

Neuerdings jedoch drehe ich ab und zu den Spieß um und drehe mich weg, wenn jemand mit mir spricht. Ich teste dann, ob ich mit dem elektrischen Ohr auch ohne Sicht Verstehen kann. Und übe es ein bißchen. Meine Abwendung bleibt nie ohne Reaktion: von milder Irritation bis zum Wutanfall war schon alles dabei. Wäre ich die Frau in der U-Bahn, ich würde mich sofort scheiden lassen!

Das Arsenal des guten Zuhörers: Ein Blick in die Trickkiste der Schwerhörigen

Meine Damen und Herren! Ich werde heute einige der unrühmlichsten Stunden meines Lebens zum Anlass nehmen, Ihnen ein Geheimnis — nein, mehrere zu verraten.
Über diese Stunden will ich nicht viele Worte verlieren, es soll nur soviel gesagt sein, dass ich damals den bislang bestehenden Rekord brach: Über drei Stunden lang einen guten Zuhörer zu geben, ohne dass das Gegenüber bemerkte, dass ich so gut wie nichts verstand. Direkt im Anschluss entschied ich: Nie wieder Feierabend!

Meine Damen und Herren! Ich gewähre Ihnen hiermit einen Blick, ich öffne meine Trickkiste für Sie:

  • An erster Stelle, die Grundstellung: Der nicht-endende Blick. Diese Technik kann weder in Subtilität noch in Effektivität überschätzt werden.
  • Dann: Das Kopfnicken, je nach vermutetem Gesprächsthema auch ein anerkennendes Kopfwiegen. Akzentuieren Sie damit den Gedankengang Ihres Gegenübers — oder das, was Ihnen wie einer vorkommt.
  • Außerdem: Das ermutigende bis nachdenkliche Lächeln. Hiermit sollten Sie es nicht übertreiben, Sie wirken sonst debil. Aber damit bestätigen Sie die Beziehung zwischen Ihnen, ohne dass sie etwas sagen müssen. Sie halten gewissermaßen kommunikativ die Hand ihres Gegenübers. Daher: unverzichtbar!
  • Ein zustimmendes Mmh! in den Mikropausen ihres Gesprächspartners — das hat nach den Schwerhörigen schließlich auch die Konversationsanalyse erkannt — ermuntert zum Weiterreden. Sie geben ihrem Gegenüber zu verstehen, dass Sie dabei sind. Ganz egal was er sagt.
  • Fortgeschrittene wenden zwischendrin den Blick auch mal ganz laaangsam ab — und dann rasch wieder zu. Fixieren Sie die Augen Ihres Gegenübers. Diese Technik wird ihm oder ihr zuverlässig das Gefühl geben, etwas Wichtiges gesagt zu haben.
  • Werden Sie mit zunehmender Gesprächsdauer müde, kopieren Sie einfach, was Ihr Gegenüber tut. Nickt sie? Nicken Sie auch. Schüttelt sie den Kopf oder ist am Tonfall erkenntlich, dass sie sich beschwert?  Schütteln Sie ebenfalls den Kopf oder schauen Sie entrüstet.  Auch ein heftiges Ausatmen oder Schnauben, gefolgt von einem Lächeln, wird seine Wirkung unter diesen Umständen nicht verfehlen.
  • Falls Sie doch mal etwas verstehen, wiederholen sie dies in fragendem Ton. Wenn es nur ein Wort war, sagen Sie: „Und >Wort< wie bitte?“ So wird ihr Gegenüber keinen Zweifel haben, dass Sie jedes andere Wort verstanden haben.
  • Last not least: Vergessen Sie nie die Allzweckwaffe: Das gemurmelte „jaja“. Sie ist zwar etwas für Anfänger oder Gespräche nach dem dritten Martini. Doch üben Sie damit, den Flow des Gespräches am Laufen zu halten. Sie werden sehen, es ist verblüffend einfach.

Meine Damen und Herren — das Arsenal des guten Zuhörers. Bedienen Sie sich daraus, wenn Sie mögen. Sie werden sehen: Sie können Ihre Redebeiträge auf ein Minimum beschränken. Aber seien Sie vorsichtig! Unsachgemäßer Gebrauch oder Erwischtwerden, vor allem aber der erfolgreiche Gebrauch geschieht vollkommen auf eigene Gefahr. Ich wünsche Ihnen noch eine gesegnete Woche.