Der lange Abschied — von der Welt und dem Leben, das man sich wünschte

Arbeit sollte so gestaltet sein, dass sie immer Zeit für ein kleines zweites Frühstück läßt. Heute: Dabei gelesen, und sehr berührt gewesen. Über eine junge Frau — mitten im Leben und im Beruf sollte es gerade richtig losgehen — die langsam aber sicher erblindet. Der lange Abschied vom Licht (von Nina Poelchau im SZ magazin 29/2009).

Bei mir ist es nicht das Licht — aber ich erkenne sie genau, die Gefühlslandschaft, die da vor mir aufgefächert wird. Dieser Schmerz, die Verzweiflung und die Wut über die Ausweglosigkeit. Den Trotz, weil man das führen will, was man für sein Leben hält. Und es damit möglicherweise nur noch schlimmer gemacht hat. Wie wichtig das über-andere-Themen-sprechen für einen ist und wie vergeblich, weggucken, von diesem Schicksal frei sein zu wollen.

Und bei alldem —  die immer wiederkehrende Einsamkeit, und die Angst: Wer soll einen „und dieses Gebirge an Not aushalten“ können?

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15 Antworten zu “Der lange Abschied — von der Welt und dem Leben, das man sich wünschte

  1. Ich finde den Artikel ganz ganz schlimm und er macht mich wütend. Ich lebe selber mit einem Mann zusammen, der noch sehen konnte als wir uns kennen lernten. Mittlerweile ist er blind und ich muss sagen, es hat sich nicht sehr viel geändert seitdem.
    Man hat in dieser Situation eigentlich keine Wahl: Entweder arrangiere ich mich mit meinem Leben, schaue wie ich dennoch Spaß am Leben haben kann oder man gibt sich auf, was aber eigentlich keine wirkliche Wahl darstellt.
    Die meisten Augenerkrankungen sind vorhersehbar, das heißt die wenigsten Menschen erblinden von heute auf morgen. Das ist eine riesige Chance. Man kann sich auf bestimmte Dinge einstellen. Aber man muss diese Chance nutzen. Ich kannte mal eine Friseurin, die wusste, dass sie eine Netzhautdegeneration hat. Dennoch hat sie Friseurin gelernt. Am Ende der Ausbildung war sie fast blind und ohne Job. Dann kann man sich natürlich hinsetzen und bedauern, dass man den Job verloren hat. Oder aber man kann sich einen kreativen Beruf suchen, für den man nicht unbedingt sehen können muss.
    Ich habe grundsätzlich ein Problem mit Leuten, die nicht versuchen, das beste aus dem Leben zu machen, sondern sich so viele Steine selber in den Weg legen. Und manchmal frage ich mich, wenn ich solche Artikel lese, ob Charlotte nicht einfach jemand braucht, der ihr in den Hintern tritt statt sie zu bemitleiden wie alle anderen. Das Mitleid der Umwelt macht alles nur noch schlimmer. Ich bin sicher, dass es mit den Begabungen, die sie hat, auch Tätigkeiten gibt, die sie blind machen kann. Man muss es aber wollen und nicht trotzig wie ein Kind sagen „Ich will nicht blind / taub sein.“ Die Wahl hat man einfach nicht. Face it!

  2. not quite like beethoven

    Sehe es ganz genau wie Du, wenn man was vorhersehen kann und es nicht ändern kann, dann sollte man sich drauf einstellen. Und man sollte, ja muss, nach Wegen suchen, trotzdem ein erfülltes Leben zu haben. Dass das aber einfach ist, würde ich nicht behaupten. Da finde ich ein solches Portrait sehr spannend und gut (v.a. weil die Autorin ja gegen Ende Heiko Kunert und den pragmatischen, optimistischen Umgang einführt, also quasi als Journalistin in ihrem Stück für die Leser leistet, was ihre Protagonistin (noch) nicht schafft).
    Ich verstehe nicht ganz, woher deine Wut kommt. Widerspruch, klar, aber Wut?

  3. Wütend macht mich diese Lethargie dieser Frau. Mir fallen spontan diverse Betätigungsfelder ein, die sie als blinde Architektin machen könnte. Stattdessen versucht sie die Behinderung zu verstecken, was bei Blindheit ja schon fast lachhaft ist, wenn es nicht so traurig wäre. Den Artikel selber finde ich ok. Auch wenn mir die „Lehre“ aus der Geschichte selber fehlt. Heiko sagt, das sei alles normal (naja, naja). De facto braucht diese Frau psychologische Hilfe und einen Kurs in lebenspraktischen Fertigkeiten. Wenn sie sich selber nicht kümmert, passiert das aber nicht. Und das ist das Problem. Es gibt kein System, das anspringt, wenn man erfährt, dass man eine Behinderung hat, sondern man muss sich in einer schwierigen Situation alles selber zusammen suchen und laut um Hilfe schreien, sonst passiert nix.

  4. Ich fand den Artikel gut. Es ist eine Zwischenstation im Leben dieser Frau, sie wird umdenken müssen, irgendwann wird sie sich ihrer Blindheit stellen müssen. Lethargie? Hm, eher Nichtloslassenkönnen. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen. Dieser Blindenbutton, den sie in der fremden Stadt rangemacht hat, war doch ein erster Schritt, vielleicht.

  5. Andrea, ja, Nichtloslassenkönnen halte ich auch für das große Problem.

    Christiane: Dein letzter Satz, ich glaube ich hab schon lange keine so treffende Problemdiagnose mehr gelesen. Volle Zustimmung! Ich frage mich aber, inwieweit so ein System überhaupt funktionieren könnte. Bei der erfolglosen Behandlung von psychischen Erkrankungen oder Sucht sieht man ja glaub ich, dass eigentlich nichts geht ohne dass die Leute das wirklich aus sich selber heraus wollen — meist, nachdem sie vorher einmal richtig zusammengebrochen sind und sie wirklich kapituliert haben. Losgelassen haben, eben. In dem Artikel heißt es ja auch irgendwo, sie „will sich keine Selbsthilfegruppe suchen“ – da wär so ein automatisch anlaufendes System ja geradezu verschwendet, oder?

  6. Manchmal muss man Leute vielleicht zu ihrem Glück zwingen, aber ehrlich gesagt, ich glaube niederschwellige Angebote (jemand kommt ins Haus z. B.) werden auch von den „schwierigen Fällen“ angenommen. Ich habe in England selbst erlebt, wie so ein System funktionieren kann. Mein Freund hat sich hier als blind registrieren wollen. Dazu muss man in eine Augenklinik, die schauen in die Augen und bestätigen, dass Du wirklich blind bist. Das ist die erste Anlaufstelle für Leute, die schlecht sehen oder sehen werden. Nach der medizinischen Untersuchung sagte der Arzt zu uns, er möchte uns gerne rüber zum Social Service bringen. Die werden den Unterstützungsbedarf mit uns besprechen und sich um weitere Dinge kümmern. Beim Social Service wurde mein Freund dann über seine Rechte als blinder Mensch im UK aufgeklärt und man hat ihn auf Unterstützungsangebote hingewiesen. Außerdem wurde unsere Gemeinde informiert, dass mein Freund blind ist. Die Gemeinde meldete sich wenige Tage später und bot weitere Hilfen an und kam vorbei. Niederschwelliger und unbürokratischer geht es nicht und genau so muss das laufen. Ich weiß von einer Freundin in Dänemark, dass es dort ähnlich ist.

  7. Ich denke, die Dame in dem verlinkten Artikel steckt in einer Trauerphase fest. Was m.E. eher weniger mit Trotz zu tun hat. Ich finde es verständlich und glaube, auch sie wird es irgendwann „packen“. Aber in dieser Phase einen „Tritt in den Hintern“ – das wäre doch, als würde man ein Krabbelkind zum Laufen und Sprechen zwingen wollen, oder nicht? Da braucht’s einfach noch Zeit. (Sorry, als Mutter drängen sich mir solche Vergleiche einfach auf. 😉 )

  8. hm hm ehrlich gesagt, ich kann die reaktion der frau gut nachvollziehen. ich denke, viele von uns verhalten sich relativ ähnlich, wie ich auch damals, bis ich mich von den werten und normen unserer gesellschaft losgeeist habe.

    wie ich irgendwo auf nqlb’s blog im kommentar schrieb, klammerte auch ich mich an meine hörgeräte und an die oralistische / verbale kommunikation – bis ich begriff: SO werde ich nie glücklich, auch wenn es die gesellschaft anders glaubt; und legte die stereotypisch gesellschaftliche sichtweise nieder, um mich endlich – meinen eigenen bedürfnissen gerecht – weiterzuentwickeln und weiterzukommen mittels entfaltung meiner fähigkeiten.

    ich denke, auch diese frau, die vor allem in ihrer adligen familie sehr auf leistung und karriere gedrillt worden war und ist, hat angst, von ihrer familie und der gesellschaft schief angeschaut, wenn nicht sogar bemitleidet zu werden; dies erklärt wohl auch ihre verhaltensweise … ich wünsche ihr viel kraft, „wache momente“ und anschließenden durchsetzungsvermögen, ihren eigenen weg zu beschreiten.

  9. @Ute
    Man hat diese Zeit aber nicht immer und verliert sie auch. Gerade bei fortschreitenden Behinderungen ist es manchmal ganz gut, Dinge frühzeitig zu lernen, weil es sich dann leichter lernt, wenn man noch bestimmte Dinge sehen kann z. B. Mein Freund z. B. weiß wie Straßenzüge und Kreuzungen aussehen und sich an“fühlen“ und „anhören“ und hat so eine sehr gute Orietierungsfähigkeit. Er hat früh gelernt, mit dem Langstock zu gehen und konnte seinen Sehrest am Anfang nutzen, um sich auf das „Nicht-sehen“ vorzubereiten. Er nutzt heute die visuelle Erinnerung zu Orientierung, weil er sich bestimmte Dinge bewusst gemerkt hat. Es gibt bei solchen Behinderungen keine Zeit zu verlieren. Wirklich nicht. Ich finde es sehr wichtig, Leuten möglichst früh die Gelegenheit zu geben, wieder selbstständig zu leben. Sonst ist das wie ein Strudel in den sie hineingezogen werden.

  10. @Christiane: Das weiß ich. Ich bin ein Kind blinder Eltern.

    Ein Tritt in den Hintern hilft trotzdem nichts. Man kann jemanden nicht mit Druck und Gewalt zur seelischen Weiterentwicklung zwingen. Hilfe bei der Bewältigung, ja, unbedingt. Aber Du kommst in Deinem Kommentar mit so viel Zorn auf diese Frau rüber…

  11. @Christiane, danke für die Beschreibung! Das scheint ja in UK tatsächlich sehr selbstverständlich und beeindruckend abzulaufen. Wieder was gelernt.

  12. @Ute
    Nein, zornig bin ich nicht. Kenne sie ja nicht mal. Aber es macht mich wütend, wenn Menschen die Chancen, die sie haben, nicht nutzen. Und auch ein bisschen, dass die Hilfeangebote so schlecht sind wie sie sind.

  13. Naja, mit ihrem Diabetes ist sie ja zunächst wohl auch nicht anders umgegangen als jetzt mit der Blindheit. Und wenn man mal ehrlich ist: Wenn sie so weitermacht, ist die Erblindung ziemlich bald ihr kleinstes Problem…

  14. Danke, dass Du den Link mitgeteilt hast. Ich find den Bericht sehr gut.
    Was soll man dazu sagen. Es ist ein hartes Schicksal, ich möchte es nicht haben wollen. Natürlich kann man immer etwas besser machen, aber wer macht das schon in der Realität? Ich habe auch gute zehn Jahre wie ein Schlott geraucht, obwohl ich lesen konnte, dass es zum Krebs führt. Ich habe nun keinen Krebs, aber das habe ich nicht meinem rationalen Verhalten zu verdanken.
    Klar, von außen gesehen, ist der jetzige Weg in eine Sackgasse mit 10 Meter hohen Abgrenzungen.
    Aber hätte sie das wirklich anders handhaben können? Ich bin jemand, der von einer starken Prägung durch die Umwelt ausgeht. Wenn ich mir das Verhalten der Eltern, der Familie vor Augen führe, dann ist das IMO keines, welches sie zu einem guten Umgang mit der Krankheit hätte erziehen können.

  15. Ich denke, wieviel Wahlfreiheit man hat, kann man letztlich nur selber entscheiden. Das ist ja der Witz daran.

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