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Die nackte Schwerhörigkeit

Die fünf Sinne, Gemälde von Hans Makart aus den Jahren 1872–1879

Ich habe ja eine Schwäche für Allegorien. Die, die da so unschlüssig in der Gegend herumsteht, ist das Hören. Irgendwie passend. Könnte genauso das nackte Schlechthören sein.  Und Ihr, findet Ihr das eine passende Darstellung?

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Die Kritik an der gehörlosen Politikerin Helene Jarmer: Naives Verständnis von Politik — und Autofahren

Wenn’s um die österreichische Abgeordnete Helene Jarmer geht, heißt es schnell: Ohne Gehör könne man kein Politiker sein (zuletzt hier, in den Kommentaren zu: Gehörlos im Parlament: „Tu einfach so als könntest Du hören“, Die Presse, 4.7.2009). <Der Artikel ist seit 6.7. 18:30 nicht erreichbar> <Ist wieder da.> Das offenbart ein vielleicht ehrenwertes, in jedem Fall aber naives Politikverständnis. Und vom Autofahren noch dazu. Letztlich geht es ausschließlich darum, ob man schwerhörige oder gehörlose Abgeordnete zulässt oder draußenhält — was leider einfach möglich ist. Ich erläutere das mal anhand der Kommentare zu dem oben verlinkten Artikel.

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Das ist ja unheimlich mit Dir! Schwerhörigkeit und die anderen Sinne

Neulich habe ich gesagt, schwerhörig Sein schaffe Platz im Kopf — leere Ecken, für Schränke zum Beispiel. Daraufhin habe ich einige mißbiligende Emails gekriegt. Und es war ja auch arg platt, das Bild. Jetzt aber mal im Ernst:

Diese räumliche Kästchenmetaphorik stimmt vorne und hinten nicht. Schwerhörig und selbst Taubsein, ist nicht nur ein Loch. Es bedeutet einen ganz anderen Zugang zur Welt, ein ganz anderes In-der-Welt-Sein. Weil das so ist, hört man ja auch mit Hörgeräten nicht „wieder gut“.

Wenn man einen Sinn verliere, hört man oft, würden die anderen schärfer. Das Beispiel sind meist Blinde und ihr Hören. Aber zumindest in meinem Fall ist es nicht ganz richtig. Und ich würde vermuten, dass das auch bei Blindheit so ist. Ich kann schon gut riechen und schmecken, sicher auch besser als manche andere. Jedenfalls wenn ich mir so anschaue was erstaunlich viele Leute klaglos essen oder wie sie sich in AfterShave baden. Aber ich glaube nicht außerordentlich gut. Und ich kann auch nicht schärfer sehen. Ganz im Gegenteil, ich bin etwas kurzsichtig.

Allerdings: Ich kann Leute lesen. Ich bin schon aufgestanden, zu Freunden auf der Nachbarbank rübergegangen und habe sie aufgefangen, weil ich gesehen hatte, dass sie gleich ohnmächtig werden würden. Meins ist ein ganz feines Gefühl dafür, wie Leute so drauf sind, wie es ihnen geht und in welcher Stimmung sie gerade sind. Ganz unwillkürlich schau ich sie mir sehr genau an. Was sie tun, wie sie sich halten, wie sie sitzen, wie sie lachen. Ich sehe die kleinen Anzeichen, wie sie aus ihrem Körper heraus und in die Welt hinein schauen. Und wie sie auf das reagieren, was ihnen dort so passiert. Ängstlich, mürrisch, beleidigt. Oder ruhig, offen und neugierig. Sind sie glücklich?

All das will ja nicht jeder unbedingt immer zeigen. Darum hab ich mir auch schon anhören müssen, dass es ein bißchen unheimlich sei mit mir.

Woher kommt das? Ist es Übung? Ausgleichende Gottesgabe? Vielleicht von beidem ein bißchen…

Essen mit allen Sinnen – oder auch nicht: Tsch-Tsch und Schokolade

Not quite like Beethoven ist ja leider dem Hören nicht so, anderen Sinnen dafür aber umso mehr zugetan. Essen zum Beispiel. Aber was genau ist das für ein Sinn? Ganz richtig – gar nicht einer, sondern alle. Und zwar ohne dass man was dagegen tun kann

Dass Schmecken und Riechen fast dasselbe sind weiß jeder, der sich schon mal die Nase zugehalten hat, um eklige Medizin runterzukriegen. Wenn der Tastsinn unwichtig wäre, würde wohl niemand gerne Bonbons lutschen. Auch das schreckliche Wort Mundgefühl hätte nicht erfunden werden müssen. Und weil selbst der Sound beim Kauen nicht egal ist, ist das knusprige Krachen von Marken-Keksen und Kartoffelchips schon lange Ergebnis ausgetüftelter Ingenieurskunst.

Doch wer weiß, vielleicht hat es mit der Zwangs-Vielsinnigkeit von Essen nun endlich ein Ende. Ende des Monats kommt Schokolade zum Inhalieren auf den Markt.  Nur Geschmack zum Einatmen, sonst nix. Ganz ohne blödes Mundgefühl: LeWhif

Super, Konzentration aufs Wesentliche? Ironischer Kommentar auf Diätwahn? Oder einfach nur: eklich?

Ich finde: Ausprobieren müsste man das mal, so abgefahren wie das klingt. Aber wer Schokolade will, soll auch Kalorien nehmen. Außerdem: Was ist denn schon so ein tsch-tsch gegen ein herzhaftes Krrrrackk und die darauf folgende Geschmacksexplosion. Den Unterschied hört doch jeder Schwerhörige!