Sind Behinderte die besseren Arbeitnehmer?

Seit einiger Zeit sitze ich von morgens bis abends nur noch vor dem Rechner und tippe. Spannende Berichte über echte Erlebnisse sind darum leider etwas selten geworden. Darum auch heute wieder — (hoffentlich) spannende Gedanken. Die Kommentare gestern haben mich daran erinnert:

Man hört ja immer mal, dass es Arbeitgeber gibt, die Behinderte nicht gerne einstellen. Zum Beispiel weil sie im Gespräch nicht so flott sind und nicht telefonieren (Schwerhörige/Gehörlose), Ansprüche an ihren Sitzplatz und den Aufzug stellen (Rollstuhlfahrer) oder vielleicht Arbeit in ihrer Freizeit erledigen (weil sie wegen ihrer Behinderung nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt oder über die gesamte Dauer arbeiten können).

Sicher, man würde Schwerhörige kaum in ein Call-Center setzen, Gehörlose vielleicht keine Kampfjets fliegen lassen,  einen Rollstuhlfahrer eher nichts als Tierarzt auf die Weide schicken. Das würden die meisten vermutlich selbst nicht wollen. Aber sonst?

Ist es nicht so, dass Behinderte oft sogar die besseren Arbeitnehmer sind? Weil sie es gewohnt sind, Probleme zu lösen und sich mehr als normal anzustrengen? Weil sie gut über ihre Grenzen Bescheid wissen, mehr vor- und nachbereiten, vielleicht auch einfach mehr Angst um ihren Job haben? Weil es ihr täglich Brot ist oder zumindest zeitweise war, sich beweisen zu müssen — aber auch zu scheitern, daraus zu lernen und dennoch weiterzumachen?

Kurz, weil sie quasi von Haus aus vieles von dem mitbringen, das man neben der fachlichen Qualifikation noch braucht, um erfolgreich zu sein? Und das auch noch ohne dafür mehr Lohn zu verlangen.

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22 Antworten zu “Sind Behinderte die besseren Arbeitnehmer?

  1. Du, ich glaub, das hat nichts mit behindert und nicht behindert zu tun.
    Es gibt auch Nichtbehinderte, die in ihrem Leben mit vielem fertig werden mußten – weil eine Behinderung nicht das einzige ist, was das Leben anstrengend macht. 😉

    Ich glaube, das liegt stark an der Persönlichkeit.
    Es gibt nämlich auch Behinderte, die nichts anderes können als fordern und die anderen ausnutzen.
    Mein Vater hatte früher einen schwerbehinderten Kollegen – der war alle naselang angeblich krank und in Kur und was weiß ich (während der Zeit mußte er ja vertreten werden), aber schön jeden Abend in der Kur das Tanzbein schwingen, das konnte der.
    Wußte jeder, der macht sich nen lauen Lenz auf den Knochen der anderen, aber kündigen – geht ja nicht, schwerbehindert.

    Außerdem – wie Du schon schriebst – kommt es auf den Job an, ob der mit der jeweiligen Behinderung zu schaffen ist.

  2. Ich finde das ein interessantes Thema. Für mich geht das in Richtung: Minderheiten kompensieren über. Um geliebt zu werden. Anerkannt zu werden. Möglichst perfekt zu sein. Noch perfekter als die anderen. Ideale Arbeitgeber also. Eine zwiespältige Sache. Wer weiß schon von sich selbst – als Behinderter oder „Mitglied irgendeiner Randgruppe“ – wo die vorauseilender Überanpassung beginnt…

  3. I think it may depend on the person, the disability and the job. Personally I think my hearing loss has impacted my ability to perform my job in both positive and negative ways. For example, I am good at communicating with non-English speaking people because I use my hands a lot to mime communication rather than repeating the same words over and over. I do this naturally because I understand inability to communicate. Some of my co-workers simply talk louder (as if that will help a Spanish speaking person understand English better!) We attract a large non-English speaking demographic at my branch due to free English speaking programs and citizenship classes. On the other hand, I am at a great disadvantage when talking to shy children with high voices. I simply can’t hear them and they do not move their little lips as much. Often I will ask the child to write things down if they are old enough. But I have to admit some of my co-workers communicate much better with some of the shy children.

  4. Oh, ich habe mich vertippt! Ich meinte in meinem Posting „ideale Arbeitnehmer“.

  5. Regenbogen, oh sicher kommt es auf die Person an, sicher gibt es sone und solche.

    Jueb, das ist wahr, aber ich würde das Thema nicht so auf die Psychologie und Emotionen beschränken wollen.

    Kim, yes, sure, it depends on all three of those. And there are always limitations. I was getting a bit visionary, I’d like to see the common view of disability changed, at least a little. From a focus on „oh, that’s a person who cannot do a, b, and c“ to something like „Oh, this person has learned to be flexible yet persistent, patient and creative.“ Of course, those are secondary qualifications or soft skills, but they are qualifications, skills, and experience.

    Anfänger, hast recht! Aber im Augenblick haben wir ja oft eher noch das gegenteilige Problem: Stigmatisierung und keine Chance kriegen.

    Ich würde gern sehen, dass sich der Blick auf Behinderung im beruflichen Kontext ändert. Formale Qualifikationen und Erfahrung lassen sich ja schnell mit Anforderungen abgleichen. Die Schwierigkeit bei Einstellungen, gerade bei höheren, denkenden oder organisierenden Positionen besteht ja darin, abzuschätzen, was ist das für ein Typ, wie reagiert der auf Schwierigkeiten, ist der kreativ, engagiert, hält der durch etc. (Soziale Kompetenz lass ich mal außen vor.) Und Behinderung kann halt im Umgang mit Ungewißheit, Suboptimalitäten oder ständigen Unwägbarkeiten schulen.
    Behinderung kann auch eine Ressource sein.

  6. Wenns so ist – dann wollen wir mal hoffen, das das kein Arbeitgeber ausnutzt!

  7. Das erinnert mich an eine Hörgeräteakustikerin, die einmal vor frühen Jahren zu mir sagte: Schwerhörige müssen einfach ein bisschen pfiffiger sein. Das hat mir gefallen.

  8. Sehe das auch so wie Regenbogen: Jeder ist anders, manche sind eifrig, um sich den Job zu erhalten, und richtig stolz drauf, wenn es aus eigener Kraft gelingt. Aber manche lassen sich mitschleppen, weil die Überbemutterung (von Berufshelfern, nicht nur von Mami!) sie schon von klein auf so konditioniert hat.

    Ich bestätige, das wir lädierten Menschen mit unseren diversen Unzulänglichkeiten eher in der Spur bleiben, dran bleiben, mehr Kraft aufbringen müssen im Beruf. Wir gehen auf einem schmalen Pfad, während andere die ganze Tanzfläche beturnen.

    Es gab eine tolle Szene in „Akte X“, wer erinnert sich? Mulder und Scully hängen nachts auf einem Floß fest und Mulder kommt Käpt´n Ahab mit dem Holzbein in den Sinn: “ Manchmal, Scully, denke ich, wenn man ein Bein verliert oder irgendwie behindert ist, wird das Leben einfacher, weil man nicht mehr so viele Möglichkeiten hat. Dann ist klar begrenzt, was man tun kann und was nicht und man wird nicht mehr von den unendlichen Möglichkeiten gehetzt. “ (sinngemäß)

    Fand ich gut. Ich wusste, was gemeint war.

    Man kommt mit Behinderung eher auf den Punkt, ist zielbewusster, ernthafter dran, weil alles Kraft kostet. Man schnattert mit Hörschaden nicht mehr blöd rum bei Besprechungen, sondern will allein das Wichtige klären. Kurz und sofort. Und wer nicht gut gehen kann, darf seinen Schirm nicht im 3. Stock vergessen, muss seinen Gripps eben beisammen haben.

    Wir sind nicht besser als die schusseligen Normalos. Nur konzentrierter.

  9. Wobei auch Schusseligkeit manchmal mit Behinderungen zusammenhängt.
    Ernsthaft jetzt: Ich hab das gemerkt, als ich meine Depressionen bekommen habe.
    Die Konzentration ist völlig im A….
    Gehört aber auch zu den typischen Symptomen von Depressionen. (Die halt auch als Behinderung gelten.)

  10. jueb, ja so in etwa war das gemeint!

    Regenbogen, naja, ich würde schon sagen, dass konzentrierter = besser ist. Ist natürlich nicht alles, aber durchaus ein Vorteil. Wenn man ihn denn hat.

  11. Ja, natürlich ist das von Vorteil, Herr Beethoven. 😉

    Ich sag damit nur, daß es auch Behinderte gibt, die nicht automatisch konzentrierter sind – bei einigen Formen sogar eher im Gegenteil.
    Dafür sind Depris ja heutzutage recht gut in den Griff zu kriegen – ist ja bei manchen anderen Behinderungen nicht der Fall.

  12. Nur so nebenbei: Ich will hier nichts kleinreden, es ist schon ein Fortschritt, dass Depressionen als Krankheit verstanden und ernstgenommen werden, anstatt als Ach-hab-dich-nicht-so. Und ich weiß jetzt auch nicht wo genau ich die Grenze ziehen würde. Aber irgendwie ist mir Depression zu temporär um sie als „Behinderung“ zu verstehen. (Obwohl sie einen selbstverständlich behindert, aber darauf herumzureiten wäre sprachliches Blendfeuer.)

  13. Pingback: Vernetzungs-Mashup Februar 2010 :: Blogpatenschaften - Wir fördern Vernetzung

  14. Sie sind die besseren Arbeitnehmer, weil sie einfach „…mehr Angst um ihren Job haben“. Der Satz ist bei mir hängen geblieben. Er sagt verdammt viel über unsere Arbeitswelt aus.

  15. Man darf es ja als heroische Behinderte mit idealisierten Superkräften ( – seitdem ich nicht mehr hören kann, rieche und schmecke ich besser, aber das liegt wohl daran, dass ich nicht mehr rauche -) nicht zugeben, aber:

    Ja, auch ich bin schlusselig.

    Das war ich aber auch schon als völliger gesunder Mensch. Die Taubheit hat mich nicht besser gemacht. So ein Mist.

  16. @Beethoven:
    Kann ich verstehen – aber soviel ich weiß, gilt das tatsächlich offiziell als Behinderung („seelische Behinderung“).

    Und grundsätzlich scheint es auch temporäre Behinderungen zu geben. Meine Chefin hat einen SBA nach einem – hatte sie jetzt eine Gehirnblutung oder einen Schlaganfall? – Jedenfalls geht sie davon aus, daß ihr der GdB, den sie z.Zt. hat, wieder aberkannt wird, weil das ganze, so wie es ausschaut, gut verheilt ist. Und dann wird sie auch wieder länger arbeiten müssen, weil sie dann die Stundenreduzierung für Schwerbehinderte nicht mehr hat.

  17. Ja, frau frogg, in der Tat. Leider.

    Pia, 🙂 Natürlich soll man das nüchtern betrachten. Aufschneider sind mir zuwider. Trotzdem würde ich gerne sehen, dass mehr Leute gucken, was für Stärken sie wegen ihrer Behinderung haben.

    Regenbogen, danke. Das wußte ich noch nicht. Hab grad mal ein bißchen gelesen, interessant…

  18. Nqlb…
    hab ich auch nicht gewußt, bis ich das über den Job erfahren habe. Bis dahin hätte ich das genau wie Du auch als langwierige, aber doch als Akuterkrankung eingestuft…. 😉

  19. Weil sie es gewohnt sind, Probleme zu lösen und sich mehr als normal anzustrengen?

    Oh, wow, I completely agree!!! This is so true.

    I think a parallel case is, athletes who are shorter than usual are the ones that make the best coaches later. Typically the pro and top-tier uni coaches here at least are ones who had not-ideal height or musculature for their particular sport, but who as athletes developed comprehensive knowledge of their game to succeed nonetheless.

  20. Interesting comparison, indeed! Being a coach, consultant or advisor in a field surely is a great alternative for people who were somehow kept from excelling in it.
    Though I wonder what the particular contribution of them not being tall or muscular enough might be for their being great coaches. What was the lesson that they might have learned from it or the special insight that they were afforded?

  21. Ich kann nur sagen das ich von den Behinderten sehr viel lernen kann. Sie zeigen mir, dass meine Probleme keine Probleme sind.

  22. Nichts für ungut, aber solche Aussagen finde ich zwar persönlich nett gemeint, aber in dem Zusammenhang hier kaum hilfreich.
    Das sage ich nicht nur, weil ich mal sehen will, ob Du mir auch noch einmal antwortest oder nur einen Werbelink hinterlassen wolltest. Sondern auch, weil das die genauso pauschale und idealisierte Umkehrung von „Behinderte sind schlechter“ ist.

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