Ein beeindruckendes Stück: Martin Zierold bei der politischen Arbeit

Schon etwas älter aber wirklich sehr gut: Marijke Engels Text darüber, wie sich Martin Zierold in seine Rolle als erster tauber Bezirkspolitiker Deutschlands  hineinfindet. Auf den wollte ich Euch nochmal hinweisen. Sehr gut geschrieben. Und viel Wahres darüber wo die alltäglichen Probleme für Menschen mit ohne Hören liegen, wenn sie mit Hörenden zusammenarbeiten.

Es ist ein kurzer, kehliger Ruf, lauter als das Stimmengewirr. Alle drehen ihre Köpfe in seine Richtung. Er gebärdet: „Halt! Lasst euch ausreden, das Durcheinander kann man nicht übersetzen!“ Das wirkt sofort. Augenblicklich kehrt die Gesprächsdisziplin zurück.

Man muss selbstbewußt sein für sowas, und einfordern was man braucht.

[Er springt] auf und reißt seinen Tisch um neunzig Grad herum, sodass er jetzt zumindest die übrigen Abgeordneten im Blick hat. „Diese Sitzordnung ist extrem schlecht. Ich kann die anderen nicht sehen, und ich sitze da als absoluter Außenseiter, wie so der kleine Doofe, der auch mitspielen darf“, erklärt er mit schnellen Gebärden den fragend schauenden Fraktionsmitgliedern. Für die nächste Sitzung möchte er auf jeden Fall neben ihnen sitzen, am besten im Hufeisen, damit er das ganze Parlament im Blick haben kann und einfach mehr mitbekommt.

Ich finde es toll, was er leistet! Zwar sind die Schwierigkeiten für komplett taube Menschen etwas anders gelagert als die für Schwerhörige, dennoch habe ich vieles sehr ähnlich erlebt.

Meine eigenen Erfahrungen mit diesem Thema habe ich neulich in Form von Tipps versucht zusammenzufassen: Taub im Job, trotzdem erfolgreich.

21 Antworten zu “Ein beeindruckendes Stück: Martin Zierold bei der politischen Arbeit

  1. Bin ebenfalls beeindruckt, tolle Leistung. Wünsche ihm viel Erfolg!!!

  2. Ich finde es auch toll, dass sowas mal jemand schreibt. Es zahlt sich eben aus, wenn Journalisten wirklich rausgehen, beobachten, Reportagen machen. Nicht immer nur Interview plus Minirecherche = Bericht.

  3. Vielen Dank fuer den link auf diesen interessanten Artikel!

    Ich bin uebrigens hoerend und habe mich in Deinem Blog festgelesen. Kompliment! Bin sonst gar kein so grosser Blogleser…

  4. Danke fürs Bescheidsagen, das freut mich!🙂

  5. Die Autorin hat zwar schön und anschaulich getextet, nur bis auf „Und er ist der erste gewählte Abgeordnete in Deutschland, der nicht hören kann.“ ist leider unrichtig. Vor dem Mauerfall gab es bereits ein paar gehörloser und schwerhöriger Politiker, die in Deutschland gewählt wurden.

  6. Oh, interessant! Kennst Du zufällig die Namen?

  7. Danke Benedikt! (Für sowas liebe ich das bloggen.) Weißt Du, ob Kammerbauer auch einen Gebärdensprachdolmetscher benutzt hat?

  8. Mich verwirrt folgende Aussage aus dem Artikel bzw. von Zierold sehr:

    „Seine Gebärden werden größer und wütender, als er davon erzählt, dass im vergangenen Jahr in Deutschland genau zwei Taube Abitur gemacht haben. Zwei, die Gebärde versteht jeder, Zierold lässt seine beiden Finger so zornig nach vorne schnellen, dass man hinter der Zahl das wütende Ausrufezeichen spürt.“

    Ich habe 2000 selbst mein Abitur an einer Schule für Hörgeschädigte gemacht. Es gab damals drei Fachrichtungen und je zwei Klassen (getrennt nach Schwerhörigen und Gehörlosen). Die Gehörlosenklassen waren zugegeben sehr klein, ich glaube in der Gehörlosen-Parallelklasse meiner Fachrichtung waren 3-4 Leute. Aber es gibt es ja noch mindestens 2-3 andere Schulen in Deutschland, an denen Hörgeschädigte Abitur machen können. Und vielleicht gibt es darüber hinaus weitere vereinzelte Integrationsfälle in denen Gehörlose auch an Regelschulen ihr Abitur abschliessen. Können es wirklich in ganz Deutschland nur 2 Gehörlose pro Jahr sein? Das würde mich sehr erschrecken.

    Wo ist das Problem? Wird die Zahl der gehörlosen Abiturienten tatsächlich immer kleiner, oder ist es die Definition „gehörlos“, die hier zu streng verwendet wird? Ein vermutlich nicht kleiner Anteil an Gehörlosen (die ich zur Gehörlosenkultur zähle, da sie sich selbst so sehen und die auch fast ausschliesslich Gebärdensprache einsetzen) besitzt ja mittlerweile auch Hörgerät und/oder CI. Fallen die dann sofort aus der Definition raus?

  9. Ebenfalls beeindruckt. Erfordert schon Mut diese wilde durcheinanderschwafelnde Masse Hördende mal zurechtzupfeifen…

  10. @ teddybär: Na, rechne nach, kommt doch hin. Du selbst bestätigst ja nur 3 – 4 Personen, da kann man noch nicht mal von einer Klasse sprechen. Bei den paar Leuten kann man die tauben Abiturienten pro Jahr wirklich an einer Hand abzählen. Dass deutlich mehr Gehörlose die Regelschule schaffen, das möchte ich mal ganz stark bezweifeln. So oder so: Man kriegt einfach keine relevante Zahl zusammen.

    Im Artikeltext steht übrigens nichts von „pro Jahr“, sondern davon, dass im „vergangenen Jahr“ nur 2 taube Leute das Abitur gemacht haben. (taub = siehe die Definition von Martin Zierold, also gehörlos geboren und gebärdend aufgewachsen.)

    Aber auch wenn – hypothetisch und durchschnittlich – jedes Jahr 20 taube Leute in Deutschland Abi machen würden, wäre das eine mikroskopisch kleine Zahl. Hat es denn jemals eine höhere Zahl gegeben? Wo gibt es Statistiken dazu? Wie viele gehörlose/taube Schüler sind überhaupt bundesweit in einem Jahrgang, wie viele davon sind in der höheren Bildungsstufe, wie viele davon machen das Abitur, anteilig in Prozent?

    Wer weiß so was?

  11. Achtung: es waren 3-4 in meiner Parallelklasse, in den anderen 2 Fachrichtungen dürfte es jeweils nochmal so viele gegeben haben. Also vielleicht 10 Gehörlose in dem Jahr an dieser Schule, an der ich mein Abitur gemacht habe.

    Es gibt allerdings in Deutschland tatsächlich wirklich nur wenige andere Schulen, an denen Gehörlose auch das Abitur machen können, das habe ich gerade mal recherchiert. Da dürfte also wirklich nicht viel hinzukommen.

    Und ja, es wird wohl in etwa tatsächlich auf eine Zahl um die 20 oder 30 herauslaufen. Das finde ich, ist aber immer noch ein Unterschied zu der Zahl 2! Denn das würde ja bedeuten, dass es an der Schule, an der ich vor 12 Jahren meinen Abschluss gemacht habe letztes Jahr 0-2 Gehörlose Abitur gemacht haben. Das fände ich sehr erschreckend. Mich würde die Entwicklung in den letzten Jahren (auch im Hinblick auf die Verbreitung des Cochlea Implantats) in der Hinsicht auch sehr interessieren, finde jedoch nur wenig Zahlen (und habe gerade nicht viel Zeit)🙂 Sicher wissen andere mehr.

    Und Zierolds „taub“-Definition sagt nichts darüber aus, ob jemand mit CI oder Hörgerät aus der Kategorie herausfällt, solange gilt „gehörlos geboren und gebärend aufgewachsen“.

    PS: Und mit dem „pro Jahr“ hast Du eh recht, da habe ich mich verschrieben🙂 Durchschnittswerte interessieren mich tatsächlich wenig, sondern eher die Entwicklung der Zahl in den letzten Jahrzehnten oder im letzten Jahrhundert.

  12. Ich habe leider selber keine Ahnung von solchen Zahlen, aber mal Martin Zierold selbst gefragt.

  13. Habe noch nichts Konkretes gefunden. Ein Bekannter schätzt fast 20x soviel wie die hier gehandelten 20-30. Von ca 80.000 Gehörlosen insgesamt in Deutschland. Und unter CI-Trägern eher mehr.

  14. Relevant wären eher die konkreten Zahlen der Schulen über ihre Abiturjahrgänge. Liste unter: http://www.deaflink.de/link.php3?land=&kat=2

    Auf den Internetseiten der Schulen – ein paar habe ich willkürlich und rasch durchgeklickt – wird leider nicht über die Art der Unterrichtsvermittlung (Gebärden oder Lautsprache) informiert.
    Es fällt auch auf, dass die Gehörlosenschulen keine Oberstufe, sondern höchstens Realschulabschluß anbieten. Ihr Schwerpunkt liegt auf „Förderung“, was wohl maximal Hauptschulabschluß zu bedeuten scheint. Die Schulen, bei denen auch Abitur möglich ist, sprechen eher von hörbehinderten Schülern, nicht von Gehörlosen. Aber das bloss als sehr oberflächlicher Eindruck, ich kenne mich da nicht aus … wer hat konkrete Zahlen, möge die nennen.

    (Von den im Jahr 1999 grob geschätzten 80.000 Gehörlosen in Deutschland ist nur ein kleiner Anteil im Schulalter. Von denen wieder ist nur ein kleiner Anteil in der höheren Bildungsstufe – und von denen wieder machen nicht alle das Abitur. Wie man auch rechnet: Es sind sehr wenige.)

  15. nqlb, gern geschehen!🙂 Andreas Kammerbauer lebt rein lautsprachlich. Er ist zurzeit auch der Vizepräsident des Deutschen Schwerhörigenbundes.

  16. Es gab damals in der DDR-Zeit gehörlose Politiker, nämlich A. Rogge aus Leipzig-Borna vom Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (Staatspartei der DDR).🙂

  17. Das ist ja interessant! Danke Euch allen!

    hewritesilent, weißt Du ob Herr/Frau Rogge sich mittels Gebärdensprachdolmetscher verständigt hat?

  18. Gebärdensprache war in der DDR offiziell nicht verboten, aber unerwünscht. Ganz wirklich! Wie die Gehörlosen in der DDR sich im Unterrricht und im Alltagsleben verständigt haben, rein lautsprachlich. Genauso wie Herr Rogge und das ohne Gebärdensprachdolmetscher.

  19. Danke! Ich finde das interessant zu wissen. Aber auch, festzustellen, dass es im Großen und Ganzen völlig egal ist ob jemand gebärdet/Dolmetscher benutzt oder nur abliest. Die grundlegenden Anforderungen (die Martin Zierold oben fordert) sind ja genau die gleichen.

  20. Ein sehr interessantes Thema, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht habe.

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