Touch the Sound: Horchen wird unterschätzt

Klang berühren ist ihr Motto, Musik Spüren ihre Spezialität: Dame Evelyn Glennie ist hochgradig schwerhörig  und erfolgreiche Musikerin. Die Finger wollen hier einfach „trotzdem“ reinschreiben, aber gerade das würde sie auf die Palme bringen. Unter Menschen mit eingeschränkter Audio ist sie umstritten, auch hier im Blog kochte die Diskussion schon einmal hoch.

Gestern habe ich Touch the Sound gesehen, einen 100-Minuten Film über ihre Art, Musik wahrzunehmen und zu machen. Der hat mich so beeindruckt, ich muss das kurz beschreiben. Und ich will nochmal auf ihre Vorstellung eingehen, wie man mit Hörproblemen gut leben kann. Die finde ich nämlich ziemlich gut. Weil aber alles zusammen aber ein sehr langer Eintrag geworden wäre, hier schonmal der kurze Hinweis auf den Film vorab. Zur Frage, was man von Evelyn Glennie lernen kann, kommt bald noch was. [Nachtrag:  Klick hier]

Der Film ist, kurz gesagt, wunderbar. Und zwar auch die Bilder. Thomas Riedelsheimer hat eine anderthalbstündige, spannende Reise in die akustische und visuelle Wahrnehmung geschaffen. Hat mich sehr an meinen alten Musiklehrer erinnert, von dem hier auch schon die Rede war: Überall ist Musik, man muss sich nur darauf einlassen. Das hat mich sehr berührt. Man muss sich jedoch tatsächlich darauf einlassen. Denn faßt man die Botschaft des Films in Worte,  ist sie ziemlich einfach. Achtet man nur darauf, ohne sich Bild und Ton ein wenig hinzugeben, zieht sich der Streifen doch etwas. Ich finde aber: Diesen Film sollte man gesehen haben. Und zwar nicht auf youtube, das ist nur als Teaser gedacht!

Oben in dem Filmausschnitt sieht man übrigens ab 5:12 mein Lieblingsinstrument. Und weil so viele verschiedenartige Klänge vorkommen ist der Film auch super zum Hören mit dem Cochlea Implantat! Ich habe immer wieder die Augen zugemacht und einfach nur gehorcht, was ich da höre. Genau das ist für mich die Botschaft des Films: Ob nun vor lauter Arbeit, Routine oder Lärm — Horchen geht im Alltag einfach viel zu oft unter. Horchen wird unterschätzt.

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16 Antworten zu “Touch the Sound: Horchen wird unterschätzt

  1. Dass ich einmal zu einem Film meinen ersten Kommentar hier abgegeben werde, ist ja schon fast bezeichnend, auch wenn das nun niemand versteht. Aber vielleicht ist es ein guter Einstieg, auch endlich mal etwas zu sagen… 🙂

    Als ich diesen Film das erste Mal sah, fand ich ihn sehr zähflüssig. Vielleicht habe ich ihn zu sehr mit Analyse-Augen gesehen, denn da bietet er vielleicht nicht so viel. Aber darum geht es dem Film auch gar nicht.
    Beim zweiten Sehen habe ich dann auch (endlich) erkannt, was die Botschaft ist: Musik ist soviel mehr als nur Töne produzieren.
    Das ist vielen Menschen, ob nun hören oder nicht, oft nicht bewusst. Mich hat es nur einmal mehr in der Liebe zur Musik bestätigt.

    Ich bin sehr gespannt, was es denn nun von der verehrten Dame noch zu lernen gibt – außer vielleicht dieser Botschaft… 🙂

  2. neous, freut mich, dass Du kommentierst. Darf auch gern zu einem Film sein, vielleicht stellt sich ja dann nach und nach heraus warum das bezeichnend ist. 🙂

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieser Film unter Umständen zähflüssig wirkt. Passiert ja auch nicht viel. Wie kam es denn, dass Du dir dann ein zweites Mal die Mühe gemacht hast?

  3. Ich wollte/sollte ihn aus Analysezwecken gucken – soviel zu dem Bezeichnenden schon mal. Das war weniger erschöpfend als ich gehofft hatte.
    Weil es aber um Musik ging und ich wirklich viel davon erhofft hatte, hat es mich wohl dazu bewegt, ihn noch einmal zu sehen – diesmal, um mich voll und ganz darauf einlassen zu können. Und das hat geklappt 🙂

  4. Das ist doch toll! Gibt ja genügend Geschichten wo zwangsweises Gucken in Schule oder Uni Leuten den Zugang zu Werken eher versperrt als erleichtert haben.

  5. Ja. Ich gucke ja gerne Filme, aber weil ich das oft und viel tue, habe ich schon so einen typischen Analyse-Blick entwickelt, den ich für meine Arbeit ja auch brauche, der mich inzwischen aber selbst Horrorfilme, die ich früher nie gucken mochte, so „abgestumpft“ gucken lässt, dass das nicht mehr viel mit dem zu tun hat, was Filme gucken eigentlich ausmacht.

  6. Ha! Genauso geht’s mir mit Texten. Ist mehr ein „Erfassen“ als ein „Lesen-Erleben“.

  7. Yep, auch bei Texten geht mir das so. Für wissenschaftliche Texte ist es vielleicht sogar angemessen. Aber sich richtig einlassen auf Bücher fällt mir immer schwerer, leider.

  8. Kommt drauf an. Ich benutze als Gegenmittel sowas hier. Oder das Äquivalent in Fernsehserien. 😉

  9. Stimmt, Fernsehserien gucke ich auch – nicht unbedingt im Fernsehen, aber dafür sehr viel, meistens abends vor dem Schlafen. Das funktioniert komischerweise ganz gut, bei einem Buch würde ich auf der zweiten Seite einschlafen, egal wie spannend es ist. Ich habe mir inzwischen angewöhnt, morgens ein bisschen zu lesen, vor allem Verpflichtenden. Erst war das sehr ungewohnt, jetzt ist es das Beste, womit ich meinen Tag nur anfangen kann. 🙂

  10. Ich glaube, es liegt an der Dichte und Kürze der Episoden. Die sind ja auf Dranbleiben geschrieben.
    Morgens lesen beschränkt sich bei mir auf Zeitung und Blogs. Alles andere führt dazu, dass ich lieber weiterlesen statt arbeiten will — und das geht ja nicht.

  11. witzig – ich wollte dir ‚gehorchen‘ und nur kurz in den teaser reinschauen, eben auch um zu sehen, was denn nun dein lieblingsinstrument ist. dann haben mich die bilder gefangen genommen und ich war ‚drin‘, hatte die ‚aufgabe‘ vergessen ;). plötzlich dieses coole dings, ‚was ist das denn tolles, hab’sch ja noch nie gesehen?!!..‘ – dann die erkenntnis nach ’nem blick auf die zeitleiste, daß du das meintest :). wie heißt es denn?

  12. Pia Butzky

    Filmtipp: Fred Frith „Step Across the Border“ (1987 und 1990)

    Damals konnte ich noch sehr gut hören. Sehen sowieso. Der Film war im Kino phantastisch und ist es hoffentlich auch noch auf CD. Kann ich nur empfehlen. (Als CI-Trägerin habe ich es noch nicht wieder probiert, aber allein das Anschauen ist sicher schon sehr schön – wie der Trailer oben.)

  13. Rebhuhn, ich habe leider keine Ahnung wie es heisst.

    Pia, werde mal nach dem Film schauen, danke für den tip. Ich glaube, Firth spielt auch in touch the sound mit (kann grad nicht nachsehen)

  14. Pia Butzky

    Ja, Fred Frith ist Jazzmusiker und hat zusammen mit einem Filmemacher den Film „step across the boarder“ gemacht (hör und schau´s dir an). Würde mich gar nicht wundern, wenn Glennie und Frith sich kennen.

    Wie macht sie das mit der Melodie? Wie? Wie macht sie das? Melodie?? Himmel, wie kann die Frau so gut Melodie (!) machen, wenn sie sehr schwerhörig ist? Wie? Wie schwerhörig und hochmusikalisch ist sie, dass sie Melodie begreifen kann? Bin fassungslos.

    Kann mir das nur so erklären, dass Musiker eine Begabung für das Vorstellen von Tönen haben, also auch Musik *denken* können, wenn nichts zu hören ist. Geht ja auch bei Profis: Sie sehen ein Notenblatt und hören in Gedanken die Musik.

  15. Not quite like Beethoven unterwegs

    Ich glaube, es geht wirklich sehr viel, wenn man einmal (als Kind oder Jugendlicher) wirklich viel Musik „verstanden“ hat. Ein Notenblatt lesen und die Musik „hören“ kann, wenn’s nicht gar zu kompliziert ist und es Klavier ist (was ich kenne), sogar ich. Dazu ist es ja, das sagt sie ja auch, immer nochmal was anderes, die Musik zu machen oder sie zu erfassen (wenn jemand anders oder ein Gerät sie macht und man sie nicht direkt anfassen/spüren kann).

    Und ich weiß auch nicht, was für einen Hörverlust sie hat. Hochtonabfall? Gleichmäßig? Cookie Bite? Das ist ja auch bedeutsam…

  16. Pingback: Musik fühlen, Schwingung spüren « be-schau-lich

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