Ein beeindruckendes Stück: Martin Zierold bei der politischen Arbeit

Schon etwas älter aber wirklich sehr gut: Marijke Engels Text darüber, wie sich Martin Zierold in seine Rolle als erster tauber Bezirkspolitiker Deutschlands  hineinfindet. Auf den wollte ich Euch nochmal hinweisen. Sehr gut geschrieben. Und viel Wahres darüber wo die alltäglichen Probleme für Menschen mit ohne Hören liegen, wenn sie mit Hörenden zusammenarbeiten.

Es ist ein kurzer, kehliger Ruf, lauter als das Stimmengewirr. Alle drehen ihre Köpfe in seine Richtung. Er gebärdet: „Halt! Lasst euch ausreden, das Durcheinander kann man nicht übersetzen!“ Das wirkt sofort. Augenblicklich kehrt die Gesprächsdisziplin zurück.

Man muss selbstbewußt sein für sowas, und einfordern was man braucht.

[Er springt] auf und reißt seinen Tisch um neunzig Grad herum, sodass er jetzt zumindest die übrigen Abgeordneten im Blick hat. „Diese Sitzordnung ist extrem schlecht. Ich kann die anderen nicht sehen, und ich sitze da als absoluter Außenseiter, wie so der kleine Doofe, der auch mitspielen darf“, erklärt er mit schnellen Gebärden den fragend schauenden Fraktionsmitgliedern. Für die nächste Sitzung möchte er auf jeden Fall neben ihnen sitzen, am besten im Hufeisen, damit er das ganze Parlament im Blick haben kann und einfach mehr mitbekommt.

Ich finde es toll, was er leistet! Zwar sind die Schwierigkeiten für komplett taube Menschen etwas anders gelagert als die für Schwerhörige, dennoch habe ich vieles sehr ähnlich erlebt.

Meine eigenen Erfahrungen mit diesem Thema habe ich neulich in Form von Tipps versucht zusammenzufassen: Taub im Job, trotzdem erfolgreich.

Die beige Bedrohung

Schade eigentlich, dass Hörgeräte mittlerweile auch in anderen Farben erhältlich sind. So eine schöner Spitzname  für diese unsichtbare und von allen Beteiligten oft so gut es geht verdrängte Behinderung wäre das.

Did you know? Die World Health Organization hat Hörverlust als „the second largest cause of Years Lost to Disease” bezeichnet (in diesem Dokument: pdf).

Frage des Tages: Wie stellt man eigentlich mit Gebärdensprache Klänge und Geräusche dar?

Wie kann man Geräusche zeigen? Wie stellen Menschen, die nie gehört haben, Klänge dar?

Wer sich dafür interessiert, lese bitte mal diesen Kommentar. Der gibt Antwort und einen kleinen, hochspannenden Einblick in die Möglichkeiten.

Sinfonie der Stadtmitte — Warum auch Grönländer eine Vorliebe für Eis haben können

Den Grönländern Eis verkaufen wollen — so beschreibt Jens, der alte Audiot, sein neuestes Ding: Den Mitschnitt eines Konzerts komplett zu untertiteln um Menschen mit Hörproblemen den Zugang zu erleichtern. Das mag ja politisch wünschenswert und moralisch nett sein. Aber ist es sinnvoll? Der Hinweis, welche Musik spielt, kann der Empfindung Musikhören nicht das Wasser reichen. Schlimmer noch: Dies ist kein gewöhnliches Konzert. Denn die Ehre gibt sich dort kein Mensch, keine Band und kein Orchester, sondern ein Ort. Der Berliner U-Bahnhof Stadtmitte. Die Klänge, die man beim Ihn-Durchwandern wahrnimmt. Wie soll es spannend sein, davon Untertitel zu lesen?

Aber das täuscht. Das Bild der Eisdiele in Grönland finde ich unglaublich passend. Denn es leuchtet ja ein, dass sich Eis im kalten Grönland wahrscheinlich nicht so gut verkauft (obwohl so eine Eisdiele dort vielleicht eine gute Zukunftsinvestition sein könnte, für die Zeit, wenn das Eis dort abgetaut ist). Aber bei Eis geht es ja um den Geschmack auf der Zunge – und genauso kann ich auch als Schwerhöriger Gefallen daran finden. Und zwar großen!

Das Stück ist definitiv nichts für jeden Tag, aber eine ganz wundervolle Erfahrung. Vielleicht bin ich deswegen so aufgeschlossen dafür, weil ich ein alter Großstadtromantiker bin — schon einer meiner allerersten Einträge hier im Blog drehte sich ja um den Klang der Stadt. Jens Aufnahme zeigt, wie sich rein durch die Geräusche am Ort ein Stück mit Anfang, Mitte, Höhepunkt und Schluss entwickelt. Man muss nur hinhören. Ich bekomme Lust, auf aller Welt den Klang meiner Lieblingsorte aufzunehmen. Und ich werde nie wieder durch diesen Tunnel laufen können ohne hinzuhören.

Sehr interessant auch die Stille und die Reflexionen über sie. Meine volle Zustimmung.

Und Ihr? Wie findet Ihr das?

Video: Die Folgen des Taubstummenkongresses 1880

Gebärdensprache fasziniert — auch den Autor dieses schönen Stückes, das er im Rahmen seines Studiums gemacht hat. Ich zeige es Euch auf seine Anfrage hin gerne.

Aber dass irgendsoeine doofe Zusammenkunft von vor 150 Jahren immer noch so fatal nachwirkt…

Jahresendfigur mit Böllern

Schon lange hat mich kein ganzer Supermarkt mehr angestarrt. Und das kam so:

Als erstes muss man dazu wissen, dass ich in Sachen Silvesterzündelei sehr wählerisch bin. Jedes Jahr wache ich am Morgen des 31. auf und überlege, wonach mir dieses Jahr der Sinn steht. Heute morgen wachte ich mit zwei Begriffen im Kopf auf: Knallfrösche. Und Raketen. Und zwar genau drei. Das ist nicht viel, dachte ich mir — wie sich herausstellte, war es zumindest für die Drogerie an der Ecke aber zuviel verlangt. Denn wie Ihr ja selber merkt, der Trend geht zum Batteriefeuerwerk. Riesengroß und teuer, sicher schön, aber eben nicht das was ich wollte. Zur Dynamitpackung, groß genug um die S-Bahn endgültig lahmzulegen. Und zur Gemischtwarentüte mit allerlei Unsinn.

Außerdem muss man wissen, dass die Leute sich immer die bescheuertsten Momente aussuchen, um sicherzugehen, dass ich wirklich verstanden habe, was sie mir sagen wollten. In diesem Fall hatte die Kassiererin anscheinend schon zwei-, dreimal quer durch den Raum gebrüllt — doch weil ich so ins Suchen vertieft war und ins Überlegen, wie ich meine Knallfrösche und drei Raketen aus verschiedenen Paketen zusammensetzen und den Rest wegschmeißen/verschenken könnte, hatte ich nichts davon mitbekommen.

Als ich aufsah, war ich das Zentrum allgemeiner Aufmerksamkeit. Ein Kind hing am Arm seiner Mutter und starrte mich fasziniert an. Ein Rentner mit Rollator schien kurz davor, eingreifen zu wollen. „Wie bitte?“ fragte ich geübt ins Blaue.

„Auf Feuerwerk gibt’s heut 20 Prozent!“ Äh, ja. Na dann. Gekauft. Ich wünsche Euch allen guten Rutsch!

Kleiner Hinweis für Schweizer Leserinnen und Leser

In der Schweiz  hat sich letzten Sommer in punkto Hörgeräteversorgung und Kostenübernahme einiges geändert. Das bekomme ich nur so am Rande mit. Allerdings hat mir neulich Hansueli Müller einen Hinweis auf eine Umfrage gegeben, die die  Folgen der Gesetzesänderungen zu erfassen versucht. Den gebe ich hier gerne wieder.

–>Hinweis auf die Umfrage von pro audito Schweiz für Hörgeräteträgerinnen und -träger, die sich im Pauschalsystem ein neues Hörgerät geleistet haben

Auf dem Weg zum perfekten Werkstatt-Termin: Wie sollte die Anpassung eines elektrischen Ohres ablaufen?

Wer sich für ein elektrisches Ohr entscheidet, entscheidet sich für die Abhängigkeit von Experten und ihren Systemen. Das ist in etwas so, als schnalle man sich ein Auto an die Beine und kriege es nicht mehr ab. Das Ohr muss im ersten Jahr oft nachjustiert werden und später etwa einmal im Jahr zur Inspektion. Ich finde, es ist eine gute Idee, an der Gestaltung dieser Systeme mitzuwirken.

Der Hör-Treff, eine Selbsthilfegruppe besonders für Eltern hörgeschädigter Kinder, hat eine Website aufgesetzt, mit einer „Wunschliste“ bzw. Umfrage, wie die Anpass- und Inspektionstermine am besten gestaltet werden sollen. Damit sie möglichst effektiv und angenehm sind. Bisher nämlich hapert es an allen Ecken und Enden — es gibt genügend schlecht eingestellte elektrische Ohren, nicht so netten Umgang mit den Cochlea-Implantat-Trägern, Ingenieure, die mehr mit ihrem Computer als mit den CI-Trägern reden und entsprechend viele genervte CI-Träger.

Bisher am häufigsten bemängelt wurde, so sagten mir die Initiatoren, dass einem bei Inspektion und Nachjustierung nicht automatisch eine Dokumentation der aktuellen Einstellungen und Änderungen mitgegeben wird. Wie beim Arzt also, der einem auch seltenst Einblick in seine Akten und Notizen über einen gewährt.  Dabei sollte das selbstverständlich sein. Es gibt gute Gründe dafür, CI-Träger als Nutzer oder Kunden zu behandeln und nicht als Patienten (–>Menschenbilder — Was macht die Technik aus den Schwerhörigen?)

Das Formular kann man hier erreichen. Im übrigens sehr empfehlenswerten Forum der Gruppe gibt es einen Info-Artikel.

Der kleinste Hörtest der Welt

Das ist doch mal eine clevere Idee, die ich da neulich neben meinem Kaffee entdeckte. Fast hätte ich den Hinweis auf der Zuckertüte übersehen. „Bitte schütteln“ — und wenn Sie nichts hören, dann besuchen Sie einen Akustiker oder Ihren HNO und machen Sie einen Hörtest.

(Ich höre da ja absolut gar nichts. Wenn eine Zuckertüte geschüttelt wird und keiner ist da um es zu hören, macht sie dann überhaupt ein Geräusch…?)

Die Samstagsfrage

Wie nennt man es, wenn Menschen keine Verbrechen anzeigen, keine Wohnung mieten und keine Bewerbungsgespräche führen können? Antwort: Man nennt es Gehörlosigkeit. Jedenfalls in Griechenland.

Wie die Sparversuche in Griechenland Behinderte und Kranke treffen (vom Boston Globe aufgeschrieben).

Ich und die Straßenmöbel — verletzungsfrei durch den öffentlichen Raum.

Doink! Es ist ja vielleicht nicht ganz astrein, sich über das obige Video zu mokieren. Die Narbe an meiner Schläfe zeigt, dass ich auch nur im Glashaus sitze. Aber die Situation des unglückseligen Reporters da oben kenn ich nur zu gut: Laufen und dabei woandershin schauen.

Als Schwerhöriger kenne ich nämlich Reden nur als Hauptsache. Reden und dabei Laufen — ziemlich gefährliche Sache. Oder zumindest so hochanstrengend, so dass ich nichts davon habe. Weil ich eigentlich immer zu meinem Gesprächspartner gucken muss um ihn zu verstehen. Ein entspanntes Gespräch beim Spazierengehen? Nicht für mich.

Ich muss aber sagen: Die Narbe ist schon ziemlich alt. Und das elektrische Ohr trägt auch zu deutlich erhöhter Entspanntheit und Sicherheit im schwatzenden Bürgersteigverkehr bei. Wollte ich ja neulich schon sagen. Und bei dem Spaziergang heute durch den Nebel ist mir wieder eingefallen, dass ich’s vergessen hatte.

Vorm Supermarkt sind alle gleich. Auch die Schwerhörigen.

Die meisten Menschen bringen kleinen Fachgeschäften deutlich romantischere Gefühle entgegen als Supermärkten und Warenhäusern. Mir dagegen schlägt das Herz bei letzteren höher. Das mag mit frühkindlichem Staunen im Berliner KaDeWe zusammenhängen und allzu langem Herumhängen in amerikanischen Malls als Teenager. Es hängt aber auch mit meiner Schwerhörigkeit und Ertaubung zusammen. Denn die großen kulturellen Errungenschaft dieser Einkaufstempel sind die Gleichmacherei und die Interaktionsvermeidung.

Ich weiß noch genau, wie ich vor ein paar Jahren eingeschüchtert in Sevilla herumstand — ich brauchte Tomaten, Nähzeug und allerlei anderes und hätte dafür in sieben verschiedene Läden gehen müssen. Das wäre an sich kein Problem gewesen, denn die lagen direkt nebeneinander. Es wäre jedenfalls schneller gegangen und es hätte deutlich mehr Lokalkolorit gehabt, in der Markthalle und beim kleinen Schneider in der Calle Feria vorbeizugehen als zum Corte Inglés (in Deutschland vielleicht Kaufhof vergleichbar und auch mit völlig austauschbarer Atmosphäre). Dennoch ging ich schnurstracks dorthin.

Zugegeben, ich war in einer besonders miesen Situation. Weil ich nicht nur, wie immer, schlecht hörte, sondern auch nicht für alles, was ich brauchte, die spanischen Vokabeln wußte. Aber dafür gibt’s ja Wörterbücher. Keine rettenden Bücher gibt es für die untergründige Panik, die mich beim Gedanken erfasste, in die Läden zu gehen, sagen zu müssen, was ich wollte, und schon vorher zu wissen, dass ich die Nachfragen der Verkäufer — ob diese oder jene Sorte Tomaten, wofür ich das Nähzeug bräuchte — nicht würde verstehen können. Möglich auch, dass ich etwas mehr hätte zahlen müssen als andere, weil ich sowieso als Ausländer auffiel und mich nicht auf das quasi obligatorische nette Schwätzchen einlassen konnte. Ich ging also dorthin, wo ich solange anonym und ungestört herumlaufen konnte, bis ich gefunden hatte, was ich suchte, ganz ohne Zwang, mit einem Verkäufer interagieren zu müssen. Selbst den Preis konnte ich ja schon vorher auf dem Schild nachlesen und er galt für alle.

Kaufhäuser mögen also das „Denkmal der anonymen Konsumgesellschaft“ sein, als das  Baader und Ensslin sie in den 1970ern in die Luft jagen wollten, sie sind aber auch ganz große Konsumdemokratisierer (sehr schön hat das Till Neuscheler in der FAS nachgezeichnet). Und sie erlösen den Schwerhörigen von einer Menge peinlicher Situationen. Wir müssen dort nicht zeigen, dass wir nichtsverstehen. Wir sind dort wie alle anderen auch.

Und Ihr, kennt Ihr das auch? Wenn Ihr nicht schwerhörig seid, geht Ihr im Ausland lieber ins Kaufhaus?

PS: Internethandel wäre ja die naheligende nächste Stufe — vollkommen interaktionsfrei. Aber was man da über sich ergehen läßt, ist ja auch nicht mehr feierlich, wie mir kürzlich und äußerst amüsant dieses (englischen) Video klarmachte.
PPS: Das mit der Anonymität und Interaktionsfreiheit hat natürlich auch seine Schattenseiten, da stimme ich ganz mit Heinrich Böll überein.

Winnetou im Hör-Delirium

Ist das nun bemüht oder ist das erfrischend lustig? Ich schwanke.

Der Traum von der Universalfernbedienung

Seit heute morgen um sieben Uhr überschneidet sich bei mir eine Homeoffice-Phase und eine ausgewachsene Strangsanierung. Ich wollte gerade richtig loslegen, da  — Hämmern und Pochen, dann Reißen und Krachen, schließlich Bohren und Splittern.  Ich war glücklich. Hallo Produktivität!

Dann fiel es mir ein. Ich kann die Handwerker, die gerade mein Bad verwüsten, ja leiser stellen. Ich griff mir die Fernbedienung, richtete sie auf die Quelle des Lärms und stellte eine angenehme Lautstärke ein. Praktischerweise arbeiteten sie einfach weiter, ohne sich von mir stören zu lassen. Ich kann Euch sagen, das ist ein angenehmes und machtvolles Gefühl. So darf das sein, so kann ich arbeiten. Zufrieden wandte ich mich wieder dem Rechner zu um in die Tasten zu hauen.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Nur Lautstärke absenken hilft nicht. Mein ganzer Schreibtisch wackelt! Statt zu arbeiten träume ich darum nun von der Universalfernbedienung fürs Leben –  andere Menschen anhalten, Dinge wiederholen, fast forward. Durchgespielt wurde das mal im ganz amüsanten Film „Klick“, in dem ein junger Architekt eine Fernbedienung findet, mit der er sein Leben bedienen kann. Doch da ist das natürlich nicht das Ende, sondern der Anfang der Probleme. Ich bin mir allerdings sicher: Das liegt nur daran, dass auf der Fernbedienung noch ein Knopf fehlte.

Activate — Bewegende Momente online gestellt

Dieses Video macht gerade die Runde. Eine — wie sie sagt — taub geborene Frau hört nach 29 Jahren zum ersten Mal die eigene Stimme. Dank eines Hörimplantats.

Es ist nicht das erste seiner Art. Man suche nur mal bei youtube nach „CI“ und „activation“ und wird erschlagen von der Vielfalt. Ich fand das schon immer irgendwie seltsam.  Einerseits wirklich rührend. Andererseits — ich kann mir für mich nicht vorstellen, einen so privaten Moment im Video dauerhaft öffentlich zu machen. Darüber zu schreiben, aber sicher doch!  Aber Video?
Dann wiederum, vielleicht ist das einfach eine Charakterfrage, wie man intim-fröhliche Momente teilt oder auch nicht. Und was weiß ich schon darüber wie es ist, taub geboren zu sein und zum ersten Mal die eigene Stimme zu hören.

Die Vorstellungs-Rochade

Ich bin kein Schachspieler, ich habe dafür keine Geduld. Trotzdem habe ich inzwischen den Eindruck, dass man aus dem Spiel allerlei fürs Leben lernen kann. Zum Beispiel die Lösung für ein doch recht peinliches Problem, die Vorstellungs-Rochade. Und die geht so:

Von allen Wörtern sind Namen für Schwerhörige am Schwierigsten zu verstehen. Gut, die drei beliebtesten Vornamen und häufigsten Nachnamen gehen. Aber sonst — ein Horror, erst recht wenn Ausländer involviert sind! Und oft genug aussichtslos. Auch nach fünfmal wiederholen verstehe ich nicht wie mein Gegenüber heißt –  unangenehm wird die Situation schon nach drei erfolglosen Wiederholungen. Ich habe mir angewöhnt, in dem Fall erstmal weiterzumachen, das Thema zu wechseln und das Gespräch irgendwie anders fortzusetzen. Später komme ich dann noch einmal darauf zurück und lasse mir entweder den Namen schriftlich geben (zusammen mit der Telefonnummer, Email-Adresse oder Visitenkarte) oder ich frage jemand anderes nach dem Namen der Person.

Das klappt auch ganz gut. Außer, ich renne mit der neuen Bekanntschaft in alte Bekanntschaft und muss dieser dann jene vorstellen. Auf Parties, Tagungen oder Empfängen passiert das leider recht häufig. Dann kommt die Rochade zum Einsatz. Ich beginne einen Vorstellungsansatz (à la „und das ist…„) und murmele dann unverständlich leise weiter oder verstumme ganz. Es ist erstaunlich wie oft sich das hinter einem Lächeln mit entsprechender Geste verbergen läßt. Als Reaktion darauf stellen sich dann die Leute einander selber vor. Eine elegante Lösung, finde ich, wenn auch mit dem für solche Methoden üblichen Preis: Sollte sich später dann doch noch herausstellen, dass ich den Namen nie verstanden habe, ist das umso peinlicher.

Let’s get high on a CI! Oder auch zwei…

Dieser Rausch! Es funktioniert ja nicht immer und nicht bei jedem. Aber wenn das elektrische Hören mit dem Cochlea Implantat funktioniert, dann ist es ein großartiger Trip. Über Wochen, Monat schälen sich aus dem Wlingen und Piepsen spannende Töne und Geräusche heraus — es wird immer besser. Mehr noch: Man weiß schon vorher, dass es immer besser werden wird, jedenfalls solange es keine Komplikationen gibt. Ein unbändiges Hochgefühl, wenn man wie frisch in den Skilift eingestiegen dasitzt, die Aussicht wird immer besser und man weiß, es steht Tolles und Aufregendes bevor. Verstärkt wird das Ganze dann noch durch die Phase nach der Operation, die man in großer Stille verbringt, weil weder Hörgerät noch CI auf dem heilenden Ohr getragen werden.

Von diesem Hochgefühl nimmt man dann gern noch eins. Besonders wenn man merkt, wie langweilig, wie lasch im Vergleich dazu die Suppe ist, die ein Hörgerät dem hochgradig Schwerhörigen hineinspült.

Doch man muss auch das Runterkommen verkraften — und das ist, je nachdem, auch ziemlich heftig. Denn irgendwann, so nach etwa einem Jahr, ist der Skilift zu Ende und die Abfahrt auch. Die steile Verbesserungskurve flacht ab, es wird deutlich wo die neuen Hörgrenzen liegen. Was alles trotz CI nicht funktioniert. Die Mühen der Ebene beginnen. Es ist nur so eine persönliche Beobachtung, aber mein Eindruck ist, dass eine ganze Menge Leute sich genau in dieser Phase für ein zweites CI entscheiden. Ärzte machen es einem dabei leicht, sie bieten den nächsten Schuss und loben seine Vorzüge.

Versteht mich nicht falsch, dies ist keine Warnung vor CIs und auch nicht vor dem zweiten — wenn es denn angezeigt ist und man dies will. Ich will nur auf eine Gefühlsdynamik hinweisen, die ich wichtig finde. Irgendwann kommt das Plateau und sei es nach dem zweiten Hoch. Denn ein drittes wird es nicht geben. Damit muss man sich abfinden (was natürlich leichter fällt, wenn es selbst hoch liegt). Man bleibt schwerhörig. Schwierig ist dabei, dass die Grenzen des CIs nicht einfach so feststehen. Manchmal ist es sogar kaum möglich zu entscheiden, ob man nun wirklich an die Grenzen gestoßen ist oder das elektrische Ohr einfach nur etwas besser eingestellt werden müsste. Das muss man mit seinen Gefühlen ausmachen.

Dies ist Teil 7 einer kleinen Serie über Cochlea Implantate, die ich anderthalb Jahren elektrisches Hören schreibe:

Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?
Teil 6: „Da sind ja überall Menschen!“

„Schwerhörige gelten als Personen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit“

Klingt unglaublich, ist aber die Begründung, warum — der dpa zufolge –  eine französische Airline einer Gruppe von ihnen das Mitfliegen verweigert hat.  >>hier Sprachlosigkeit denken<<

Wie kommt man bitte auf sowas? Ich kann verstehen, wenn man Hörbehinderte nicht direkt an den Notausgang setzen möchte. Aber das Mitfliegen verweigern und sie am Flughafen sitzen lassen?! Es prüft ja auch keiner die Englischkenntnisse von Japanern bevor sie in Europa an Bord dürfen.

Das nennt man dann wohl synästhetische Diskriminierung, die Kopplung physisch miteinander unverbundener Bereiche in der eigenen Wahrnehmung.

Angstfrei Plantschen! Poolpartys!

Nur eine kleine Durchsage: In den letzten Monaten mehrten sich die Hinweise und nun sieht es aus, als käme tatsächlich im Herbst wasserdichte Hörtechnik auf den Markt! Ein Sprachprozessor für Cochlea Implantate von Sonova (bzw. Advanced Bionics). Neptune heißt er, passenderweise.

Eine offizielle Seite gibt es noch nicht, Informationen finden sich hier, hier und in Tinas (englischem) Blog.

Das würde ich ja wahnsinnig gern mal ausprobieren! Angstfrei im Wasser plantschen! Schwimmen mit Hören! Poolpartys! Vielleicht sogar lustiges Hören unter Wasser? Ob es wohl Brandung aushält?
Und werden jetzt alle Hörgeräteträger neidisch und lassen sich implantieren?

„Da sind ja überall Menschen!“ — Was das elektrische Ohr mit dem Tabakladen gemein hat

Um in einer fremden Stadt anzukommen, um wirklich da zu sein im Gegensatz zum Durchlaufen und wieder Verschwinden wie ein Geist, pflegte Heinrich Böll einen Tabakladen aufzusuchen. So zumindest beschrieb er es in seinem Irischen Tagebuch. Er kaufte nicht mehr als eine Schachtel Zigaretten und ein paar Streichhölzer. Doch diese Transaktion mit einem Einheimischen machte für ihn den Unterschied. Ich fand das schon immer eine schöne Geschichte. Doch wirklich verstanden was Böll damit meinte habe ich erst, als ich ohne die Sprache zu können durch Aleppo streifte,  mich trotz stundenlangen Laufens wie durch eine Glasplatte von den Einheimischen getrennt fühlte und schließlich nach dem Kauf eines Hähnchenspießes feststellte, dass ich mehr getan hatte als nur meinen Hunger zu stillen. Plötzlich war ich dort.

Einen ganz ähnlichen Quantensprung des Da-Seins bescherte mir das elektrische Ohr. Denn Menschen sind zwar überall in meiner Heimatstadt und die Sprache stellt dort auch kein Hindernis dar. Doch wenn jede noch so kleine Unterhaltung, jedes Angesprochenwerden stockt, weil ich nicht verstehe, was mein Gegenüber will — dann gleitet man irgendwann durch die Straßen und erledigt dort nur das, was man zu erledigen hat. Es laufen zwar Leute überall neben einem, doch die Barriere, sie anzusprechen (oder sich ansprechen zu lassen) ist so groß als könne man ihre Sprache nicht. Man geht zwar einkaufen, doch außer der zu zahlenden Summe und einer Reihe Hallos, Bittes und Dankes geschieht nicht viel. Es hat eine gewisse Geisterhaftigkeit. Oder vielleicht auch nur Touristenhaftigkeit. Und das obwohl man nicht in der Fremde sondern ganz zu Hause ist.

Seit ich nun auf der einen Seite elektrisch höre sind überall Menschen. An der Ampel, hnter der Kasse, am Tresen und neben dem Regal. Natürlich rede ich nicht mit all denen. Aber wenn ich angesprochen werde, verstehe ich oft auf Anhieb was los ist. Und erstaunlich oft ergibt sich beim Bezahlen oder beim Warten ein kleiner Wortwechsel und erstaunlich oft bin ich dabei frech, manchmal übermütig oder gar kokett. Die allerallermeisten dieser Menschen sehe ich nie wieder. Und doch sind diese kleinen, nichtsnutzigen Wortwechsel ein großer Gewinn. Meine Welt ist bevölkerter, ich bin in der Öffentlichkeit mehr da. Und es macht Spaß!

Wie ist es denn so, nach anderthalb Jahren mit dem Cochlea Implantat? Weitere Resümees gibt es hier:
Teil 1: Einmal Blackout und zurück
Teil 2: Aus den Augen, noch im Sinn
Teil 3: Das Karussell
Teil 4: Niemanden bitten müssen
Teil 5: Zufrieden mit dem elektrischen Ohr?

Die Königsfrage (und der Versuch einer Antwort)

Wenn Du eine Sache ändern könntest, um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, was wäre das?

Das fragte Christiane letzte Nacht in ihrem Blog. Und weil mich die Frage beschäftigt, würde ich das gern auch Euch fragen! Was meint Ihr?

Meine Antwort war übrigens folgende: Mich nerven die Automatismen, diese meist unbewußten, pauschalen und die ganze Person betreffenden Abwertungen (Behinderte sind krank, nicht leistungsfähig, uncool oder häßlich anzusehen etc.). In Wirklichkeit ist doch jeder Mensch ein bißchen anders — ganz egal ob behindert oder nicht, jeder hat andere Stärken und Schwächen, kann, will oder braucht anderes. Und das ändert sich auch noch einmal je nach Lebenssituation.

Darum würde ich vielleicht die pauschalen und die ganze Person betreffenden Aufwertungen abschaffen, also z.B. den “Schwerbehindertenausweis”. Denn der verbindet Stigmatisierung (man ist „ein Behinderter“) mit vergleichsweise ungezielten und im Einzelfall sogar mal ungerechtfertigten Begünstigungen. Ich würde ihn durch ein flexibles und niedrigschwelliges System von beantragbaren Nachteilsausgleichen bzw. deren Finanzierung ersetzen.

Ich denke, es macht durchaus einen Unterschied ob die Logik ist “X ist schwerbehindert, das heißt er braucht und kriegt a, b und c” oder “X erklärt, dass er dieses braucht um jenes machen zu können. Darum kriegt er es”.

Wobei ich durchaus sehe, dass ein „Ausweis“ und pauschale Regelungen auch Vorteile haben. Man muss sich nicht jedesmal die Mühe machen um Hilfen zu bitten. Und man kann besser Gleichstellungsmaßnahmen einführen, also z.B. sagen, dass „Schwerbehinderte grundsätzlich“ zum Vorstellungsgespräch einzuladen sind, wenn sie nicht aufgrund ihrer Unterlagen offensichtlich für den Job ungeeignet sind.

Wie seht Ihr das?